Blockupieren für eine bessere Welt!? Eine Polemik.

Zum 18.03.2015 lud das Blockupy- Bündnis zum Tanz der alternativen Weltsichten und Visionen der Hoffnungsvollen in die Stadt Frankfurt am Main.

An diesem Tag strömten tausende bunte, kreative und wütende Menschen durch die Straßen Frankfurts um zu demonstrieren, zu blockieren, zu besetzen, um sich zu organisieren und um ihre Kritik an den uns umgebenden Verhältnissen hinaus auf die Straße zu tragen. Was wollten sie? Nicht nur ein Stück vom Kuchen. Eher die gesamte Bäckerei!

Das Blockupy- Bündnis „ist Teil eines europaweiten Netzwerks vielfältiger Bewegungen, Gewerkschaften, Parteien und Flüchtlingsinitiativen aus Italien, Spanien, Griechenland, Belgien, den Niederlanden, Dänemark, Frankreich und anderen Ländern, die Widerstand gegen das europäische Krisenregime leisten.“ Das Bündnis erlebte seine Geburt auf der europäischen Aktionskonferenz in Frankfurt am Main, auf welcher vom 24. bis 26. Februar 2012 darüber beraten wurde wie das Moment der weltweiten Proteste, die im Jahr zuvor überall ihr Haupt erhoben, endlich nach Deutschland getragen werden könne. Das Jahr 2011 erlebte globale Proteste für wirkliche, demokratische Mitbestimmung und für eine gerechte Verteilung der gesellschaftlichen Reichtümer. Proteste für ein Ende der brutalen Zusammenstreichung öffentlicher Ausgaben für Krankenhäuser, Schulen und Wasserversorgung. Es waren Proteste gegen die Auszahlung der Verluste global agierender Banken mit öffentlichen Mitteln, gegen die immer schneller vonstatten gehende Umverteilung und gegen Privatisierung und Aneignung öffentlicher und gemeinschaftlicher Güter durch private Akteure. Es waren Proteste gegen Diktatoren und Diktate. Vom New Yorker Zukotty Park über den Tahrir Platz in Kairo bis zur Plaza del Sol in Madrid und dem Syntagma Platz in Athen erhoben Millionen Menschen ihre Köpfe und Stimmen um die Fesseln ihrer Ohnmacht zu zersprengen. Millionen Menschen sahen wie mächtig sie sein können wenn sie vereint in ihrer Vielfältigkeit und bestimmt und unnachgiebig in ihren Forderungen auftreten. Diese Proteste nach Deutschland zu bringen, in „das Herz der Bestie und das relativ ruhige Auge des Sturms zugleich“, war und ist eines der großen Ziele der Blockupy- Aktionen. Von 2012 bis 2014 hat das Bündnis denn auch immer wieder zu größeren und kleineren Protesten und Aktionen in Frankfurt und auch bundesweit aufgerufen und diese durchgeführt.

Doch worum drehte sich der für den 18.03. dieses Jahres angekündigte Protest? Das ist eine sehr einfache Frage, die so leicht nicht zu beantworten ist. Nicht etwa weil es keine konkreten Ziele gäbe. Im Gegenteil, weil es wahrscheinlich mindestens so viele Ziele und Motivationen für die Teilnahme an den Protesten, wie Teilnehmer und Sympathisanten gibt. Die Krise derer wir uns gegenüber sehen ist vielschichtig, vertrackt und scheint aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer anders auszusehen. Wie die vielköpfige Hydra der griechischen Mythologie. Je nachdem wo wir uns in dieser globalen Gesellschaft befinden, welchen Beruf wir ausüben, welchen Hobbies wir nachgehen, welche Hautfarbe wir haben, welches Geschlecht wir haben oder welches uns zugeschrieben wird, mit wem wir reden und wohin wir reisen und worauf wir unsere Aufmerksamkeit festlegen, manifestiert sich diese Krise auf unterschiedlichsten Ebenen unseres Lebens und in unterschiedlichsten Arten und Weisen.

Diese Krise erscheint als prekäres Beschäftigungsverhältnis, als der Zwang zur unbegrenzten Mobilität um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, als Umweltverschmutzung in unserer Nachbarschaft und als immer neue Grenzen, die in unseren Gesellschaften gezogen werden. Grenzen zwischen Bürgern und nicht-Bürgern, zwischen Arbeitstätigen und Arbeitslosen, zwischen Eliten und Pöbel, zwischen Intellektuellen und Dummen, zwischen Frauen und Männern und zwischen Vernünftigen und Radikalen. Diese Krise trifft uns in Form von Freizügigkeitsbeschränkungen für Flüchtlinge und der Salonfähig-Werdung rassistischer Vorurteile. Die Krise steckt in der Zusammenstreichung von Renten, Löhnen und Versicherungsleistungen und in der Mietenexplosion in unseren Städten. Sie befördert die globale und lokale Umverteilung der Vermögen von den Vielen zu den Wenigen, von der globalen, armen Peripherie hin zu den „entwickelten“ und reichen Zentren des Planeten. Auch die Aneignung des öffentlichen, gemeinsamen Raumes durch diejenigen, die sich leisten können ihn zu kaufen, die allgegenwärtige Korruption, im Großen und Kleinen, und die Reduzierung des Menschen auf den Gewinn, den dieser bestimmt ist zu produzieren, ist ein Teil dieser Krise. Und nicht zu Letzt die gewaltigen Bankenkrisen und Wirtschaftseinbrüche, die Steuerhinterziehung privater und korporativer Akteure, die Ausbreitung mörderischer Wirtschafts- und Weltanschauungsideologien, der globale, „gerechte“ Krieg der um uns herum und in unserem Namen geführt wird und das bis zur Lächerlichkeit ausgehöhlte Demokratieversprechen unserer Regierungen und Länder und die orwell’sche Überwachungsmaschinerie die sich über und in unseren Köpfen ausbreitet, ist Ausdruck dieser Krise.

Diese übertrieben lange Aufzählung soll eines klar machen: Es ist irreführend von der Krise zu sprechen. Es gibt nicht die eine Krise. Es sind viele Krisen und keine dieser Krisen kann isoliert und nur für sich allein betrachtet, geschweige denn gelöst, werden. Sie alle sind über räumliche und zeitliche Distanzen miteinander verbunden und verstärken und schwächen sich gegenseitig. Wir leben, so denke ich, in einer Zeit in der mehr und mehr Menschen beginnen genau das zu begreifen. In praktischen Begriffen bedeutet das zum Beispiel: Wir können nicht für eine gerechtes Wirtschaftssystem in Deutschland eintreten, wenn wir nicht auch für ein solches in Europa und in der Welt kämpfen. Wir können nicht Demokratie fordern ohne Ausgrenzung, Grenzen und Überwachung anzuprangern. Um es mit einem Zitat von David Lynch zu sagen, einem großen Erzähler verworrener und unbegreiflicher Geschichten unserer Zeit: „everything is connected and one thing leads to another“. Doch wenn es Myriaden von Krisen gibt muss es auch eben so viele Ansätze zu deren Kritik und zu deren Lösung geben.

Dieser Pluralität versuchen die Blockupy- Proteste gerecht zu werden. Ein widersprüchliches und ambitioniertes Unterfangen, das nicht immer allen Forderungen und theoretisch wünschenswerten Feinheiten genügen kann. Dies ist der Grund, warum ein so breiter und bunter Haufen in Frankfurt zusammen kam.

Die ewig gestrigen Sicherheitsanbeter, Nationalisten und Ausbeuter sehen in diesem bunten Gemenge einen gefährlichen, radikalen, unberechenbaren und vor allem gewalttätigen Haufen. Ein Haufen der keine Legitimität und schon gar kein Recht besitzt auf irgendwelchen Straßen zu laufen oder irgendwelche Forderungen zu stellen. Ein Haufen der mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in Schach gehalten werden muss. Doch auch von denjenigen welche sich selbst gerne als „radikale Linke“ bezeichnen kommt Kritik. Sie sehen in unseren Forderungen und Mitteln gerne eine entweder fehlgeleitete Kritik die eigentlich „dem“ Kapital ( als Gäbe es ein großes Böses ) in die Hände spielt oder sie sehen sogar einen Mob von unzufriedenen, zersplitterten „deutschen Micheln“, der sie an die 30er Jahre erinnert und der seine Pfründe und Vorteile nicht verlieren möchte und darum jeder Zeit bereit sei die Fackeln und Mistgabeln empor zu recken um die tödliche Jagd auf die vermeintlich beschuldigten jüdischen Bänker und die „1 Prozent“ der Reichen und Mächtigen zu eröffnen. ( Ja! Wirklich! Blockupy wird sogar mit der Antisemitismus Keule bearbeitet! Was für ein hirnrissiger Schwachsinn… )

All diese Kritiker übersehen was Blockupy eigentlich sein möchte, was sein Anspruch ist und woran es sich zu messen hat. Es ist ein Zusammenschluss interessierter Menschen, direkt betroffen oder nicht, der seine primäre Legitimation nicht aus abgehobenen Theoriegebilden gewinnt oder aus irgendwelchen Geschichten der glorreichen Vergangenheit oder Pseudoautoritäten á la Nation oder Volk oder Wachstum ableitet. Ihre Legitimität bekommen diese Proteste aus ihrer basisdemokratischen Organisation. Jeder der hier teilnimmt ist aufgerufen nicht nur mit zu laufen, sondern mit zu gestalten und seine eigenen Wünsche, Ängste und Forderungen einzubringen. Welche bessere Legitimation gibt es als ein Konsens der von allen ausgearbeitet wurde? Wie kann eine Gruppe von Menschen rassistisch oder antisemitisch sein, wenn alle Hautfarben und alle Religionen hier vertreten sind und mitwirken? Oder anders gesagt: Wer Angst hat, dass sich hier Rassismus und Futterneid die Klinke in die Hand geben oder das der Kapitalismus zu verkürzt kritisiert werden würde soll mitmachen und dafür sorgen dass das nicht passiert.

Oder, um es im Bilde eines trockenen Theoriegebäudes zu sagen: Was sich hier erheben und formen möchte, auf den nicht-linearen und verworrenen Wegen der libertären Praxis, ist eine Multitude aus Singularitäten. Ein Zusammenschluss aus Individuen, die durch Unterschiede nicht getrennt sondern fest zusammengeschweißt werden. Natürlich bleibt die berechtigte Kritik daran, dass Blockupy es bisher nicht gelungen ist über den Status eines Großevents hinaus zu kommen. Man trifft sich ein-, vielleicht zweimal im Jahr um durch Frankfurt zu ziehen und seinen Frust hinaus zu lassen. Aber sonst? Nun ja, da wären die vielschichtigen Kooperationen die sich in den letzten Jahren zwischen den verschiedenen, den Protest organisierenden Gruppen aufgebaut haben. International und national wird zusammen gearbeitet und Protest und Widerstand organisiert. Mehr ist natürlich immer besser, aber der Anfang ist bereits gemacht. Und wenn Blockupy vorbei ist, gehen viele Aktive wieder zurück in ihre lokalen Bündnisse und arbeiten dort weiter an gelebten, nachhaltigen und praktischen Veränderungen. Natürlich liegt in Blockupy nicht die Rettung der Welt. Aber Blockupy kann einmal im Jahr einmal den nicht beteiligten zeigen, das es viele, viele Menschen gibt, die bereit sind etwas zu riskieren für eine demokratischere und gerechtere Welt. Blockupy kann einmal im Jahr den Beteiligten zeigen, dass sie in ihren lokalen Initiativen oder einfach in ihrer Besorgnis um diese Welt nicht alleine sind, sondern das es tausende wie sie gibt und damit unglaublich viel Mut und Kraft für ein weiteres Jahr kleinteiliger Arbeit hervorbringen. Blockupy kann einmal im Jahr ein Kulminationspunkt sein, an dem viele Wege in eine bessere Welt sich treffen, vereinigen und zeigen das sie existieren und ein ernstzunehmender Gegner für die ewig gestrigen dieser Welt sein werden.

Sorry,aber Blockupy is Geil!