Subjektiver Bericht über die Krim

Subjektiver…weil es eigentlich nicht möglich ist, über solche emotionalen Begebenheiten anders zu berichten. Ich komme von der Krim und meine ganze Familie wohnt dort. Im Frühjahr bin ich zum ersten Mal auf die neue Krim gefahren, auf die Halbinsel, die jetzt zu einem anderen Staat gehört.

Port Krym am 31.08.2014: Neben größeren Fähren transportieren auch solche Kutter Passagiere nach Port Kawkas. Bis zur Fertigstellung der Brücke bleibt der Meerweg eine wichtige Verbindung zwischen der Halbinsel und dem Festland.

Alle deutschen Freunde, denen ich von meiner Reise erzählte, reagierten etwa auf die gleiche Weise:
„Krim? (mitleidiger Blick) Und wie ist es da? Welches Land ist es eigentlich?“
Es ist jetzt Russland, ob man es will oder nicht. Alle haben viel in den Medien über die „Annektion“ der Krim gelesen, und trotzdem weigern sich die Menschen hier, die Krim als Russisch wahrzunehmen.
Klar ist das Ganze völkerrechtlich umstritten, aber auf der Krim herrscht jetzt die russische Regierung, es gibt eine Grenze zur Ukraine im Norden, NUR russische Behörden und der Arbeitslohn sowie Renten werden in russischer Währung ausgezahlt. Also man muss den Tatsachen in die Augen sehen.
Und einen mitleidigen Blick brauche ich nicht. Auch wenn ihr das gut meint. Es ist kein Krisengebiet, es gibt keinen Krieg und den meisten Menschen geht es da mindestens genauso gut wie vorher in der Ukraine.

Magnet-Souvenirs, die Putin als Held und ukrainische Politiker als Looser darstellen

NUN WIE WAR DIE REISE?

Ehrlich gesagt, war ich selbst ein bisschen aufgeregt, wie die Reise nach Hause verlaufen wird. Ich hatte nur einen ukrainischen Pass (Ukrainer brauchen aber kein Visum für Russland) und das Ganze kam mir ein bisschen absurd vor: man kann auf die Krim nicht direkt fliegen, sondern nur über einen Zwischenstopp, z. B. In Moskau oder Sankt-Petersburg. Dies liegt daran, dass Ukraine einseitig alle Verkehrsverbindungen mit der Krim abgebrochen hat. Und so kommt es, dass man doppelt so lange fliegen muss. Es gibt einen anderen Weg – übers Land. Aber da müsste man über Polen den Bus nach Kiew nehmen, dann mit dem Zug bis zur ukrainisch-russischen Grenzzone fahren, danach die Grenze zu Fuß überqueren (es sind wohl ca. 5 km zu Fuß mit dem Gepäck zu laufen). Wenn man das überstanden hat, muss man einen Bus zu einem Zielort auf der Krim nehmen. Also, ein Landweg ist kein schneller. Dann doch lieber fliegen.
Beim Fliegen lief alles super und als ich ankam, habe ich keine Änderungen gesehen – dieselben Menschen, dieselben Gebäude.. Ein Paar russische Flaggen, aber ich habe viel mehr erwartet. Naja, es ist ja nur ein Jahr seit dem Referendum vergangen, was soll sich da großartig verändern, zudem steckt Russland auch in einer wirtschaftlichen Krise.
Was man auf jeden Fall beachten soll: wegen den Sanktionen funktionieren europäische Simkarten nicht – in Moskau hat man noch Roaming, aber auf der Krim gibt es definitiv kein Netz und das Handy bleibt stumm. Internet funktioniert natürlich und als Lösung kann man für die Aufenthaltszeit eine russische Telefonkarte besorgen. Außerdem sollte man das Geld bar mitnehmen (egal ob Euro oder Rubl), denn aus dem gleichen Grund kann man kein Geld auf der Halbinsel am Bankautomaten abheben.

Von Mc Donalds blieb nur ein Zeichen auf der Promenade in Jalta. Darüber, ob die Sanktionen mehr Gutes als Schlechtes bringen lässt sich diskutieren.

DIE MEINUNG DER MEHRHEIT

Meine Eltern und die meisten Menschen (darunter auch Krimtataren) sind mit der neuen Staatsangehörigkeit zufrieden. Sie sind freiwillig zum Referendum gegangen und keiner hat sie gezwungen, ein Kreuz für Russland zu setzen. Die Beteiligungsquote war ungewöhnlich hoch und es herrschte an dem Tag eine ausgesprochen feierliche Stimmung. Ich habe auch Freunde, die das Referendum ignorierten oder für den Verbleib in der Ukraine stimmten, die meisten davon sind ausgereist, manche blieben jedoch auf der Krim. Natürlich gibt es Unzufriedene, aber sie sind die absolute Minderheit. Oft habe ich auch eine etwas neutralere Meinung gehört: „naja, Russland, Ukraine – es hat sich nicht viel geändert, Hauptsache, es gibt keinen Krieg“.
Was mich angeht, so war ich am Anfang gegen das Referendum. Für mich hat das viele negative Folgen – kompliziert nach Hause fliegen, Schwierigkeiten mit Dokumenten und Behörden in Deutschland, Ukraine und Russland. Aber als die Ukraine angefangen hat, die Armee für den Krieg in Donetsk zu mobilisieren, kam der Punkt, wo ich mich gefreut habe, dass das meinen Bruder und meinen Vater nicht mehr betraf. Und seit diesem Augenblick bin ich froh, dass die Krim zu Russland gehört. Wirtschaftliche Krise, Sanktionen, Schwierigkeiten mit den Dokumenten – Hauptsache es gibt keinen Krieg. Manche würden jetzt sagen – aber Russland führt doch den Krieg mit der Ostukraine. Je nachdem, welchen Quellen man glaubt, kann man dies mit ja, nein oder jain beantworten. Zumindest gibt es keine Mobilisierung in Russland für den Krieg in der Ostukraine.
Während meiner ganzen Reise fühlte ich mich zu Hause sicher und wenn jemand eine Reise auf die Kurorte der Krim unternehmen will, kann ich das nur empfehlen, es gibt keinen Grund, warum man es nicht machen sollte. Auch wenn das auswärtige Amt in Deutschland das Gegenteil behauptet.

Deutschland zeigt Härte und Konsequenz: von allen Biersorten ist nur Löwenbräu im Metro in Simferopol zu finden.

DIE DOPPELMORAL DER EU

Nun am Ende möchte ich ein Paar Worte zur Politik schreiben. Vor kurzem war ich auf einer Party, wo meine Freunde begeistert über die Referenden in Katalonien und in Schottland sprachen. Tatsächlich, wurde hier sehr positiv über diese Volksabstimmungen berichtet. Ich habe nachgedacht, warum das Referendum auf der Krim so viel Kritik im Westen hervorrief. Weil es von Russland gesteuert wurde? Ja, wurde es, ABER es wurde von der Krimbevölkerung unterstützt. Es spielt für mich keine Rolle, welches Land das Referendum organisiert, wenn es die Wünsche der Mehrheit widerspiegelt. Und wie könnte sonst ein Referendum für die Abspaltung eines Gebietes in einem Land ablaufen, wo Revolution und Morde auf dem Maidan stattfanden? Außerdem waren viele ukrainische Bürger gegen diese Revolution gewesen, trotzdem haben deutsche Regierungsvertreter sie unterstützt, ohne Rücksicht auf den nicht-demonstrierenden Bevölkerungsteil zu nehmen. Ist das Demokratie, wenn die Minderheit bestimmt?
Mir ist es bewusst, dass ich hier einige Argumente erwähnt und andere ausgelassen habe, sonst würde dieser Artikel zum Buch werden und vielleicht manipuliere ich auf diese Weise Eure Meinung. Über dieses Ereignis wurde und wird so viel gestritten, aber letztendlich – ist es nicht egal, wem die Krim gehört, wenn es den Einheimischen dort gut geht?

( Titelbild des Beitrags: Simferopol, die Hauptstadt der Halbinsel, ein Tag vor dem Referendum am 15.03.2014. )

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