Endlich im Zug

Man könnte sagen, es war ein fixe Idee. Nicht in dem Sinne das die Idee irgendwann, ganz spontan aufgeploppt wäre und dann schnell und ohne groß federnlesen angegangen worden wäre.

Nein. Es war eher so, dass diese Idee schon lange reifte, schon lange da war. Nicht bewusst und greifbar sondern eher vergraben unter Tonnen des Alltags und der täglichen Freuden und dort vor sich hin schwelte. Wie ein Feuer unter der Oberfläche, das sich langsam seinen Weg sucht bis es ein Loch durch die Alltagskruste gefunden hat und ausbricht. Hinaus aus der Versenkung und hinein in das Licht. Seit meiner letzten Reise über den großen Ozean, die mich von den Partys am Malecón Habanas bis zu den einsamen Inseln Panamás geführt hat, träumte ich davon den Rest dieses wunderbaren Kontinents kennen zu lernen. ( außer die beknackten USA…es geht mir mittlerweile sowieso schon tierisch auf den Senkel das alle immer Amerika sagen obwohl sie eigentlich die narzisstischen US and A meinen. Also zur Klarstellung: Wann immer hier von Amerika die Rede ist, meine ich alles auf diesem Kontinent AUßER den USA ).
Es hat nun mehr als 6 Jahre gedauert bis es endlich so weit sein konnte. Das Studium wollte beendet werden, erstes Geld wollte verdient werden, ein wunderbares Mädchen wollte kennengelernt und geheiratet werden. Das alles braucht seine Zeit. Und zwischendurch immer mal wieder, wie ein Erdmännchen in einer dieser süßen Tierdokus, steckte die Idee ihren Kopf aus dem Sand. Bei einer dieser Gelegenheiten buchten wir vor einem halben Jahr unsere Flugtickets von Amsterdam nach Amerika. Um genau zu sein nach Quito, der Hauptstadt des Landes das genau so heißt wie diese Linie, die die Erde einmal genau an ihrer Taille in zwei Hälften teilt. Ecuador. Warum? Warum nicht! Na und die Flüge waren „billig“. Die Flüge waren nun also gebucht und wir bereiteten uns intensiv auf unsere Reise…ehhhm, ok. Eigentlich haben wir uns danach ein halbes Jahr lang gefühlt überhaupt nicht mehr mit der Reise beschäftigt. Das Erdweibchen versteckte sich wieder in seinem Bau. Es gab so unglaublich viel zu tun in dieser Zeit, dass wir kaum Gedanken daran verschwenden konnten. Zwei Hochzeiten wollten organisiert werden, ein Umzug gemeistert, eine Bachelorarbeit geschrieben, der weibliche Menstruationszyklus simuliert ( bis vor wenigen Wochen tatsächlich die Arbeit die mir die Brötchen auf den Tisch zauberte ) und tausend kleine und große Dinge wollten geschafft werden. Wir wussten kaum wo uns der Kopf stand. Und auf einmal stand das Erdtier wieder vor uns und schaute uns an. Doch dieses Mal nicht um wieder zu verschwinden, sondern um uns bei den Eiern zu packen und zu sagen: „Es ist Zeit. Wir brechen auf.“ Die Idee war alt und bärtig, doch am Ende kommt es einem dennoch vor als hätte man sich einfach Hals über Kopf in etwas hinein gestürzt. Wie eine Suff-Idee die wahr wird. Eine fixe Idee eben.
Wir haben uns verabschiedet von unseren Freunden und unserer Familie, alle Bürokratie abgewickelt die noch abzuwickeln war ( Insofern das überhaupt möglich ist. Vielleicht sollte man besser sagen wir haben alle Bürokratie die uns betrifft anderen aufgebürdet…Muhahaha ) und sind in den Zug gestiegen der uns fort bringt. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl sich von allem und allen zu lösen. Natürlich löst man sich nicht wirklich, nur für ein paar Monate, und selbst in dieser Zeit bricht man ja nicht alle Brücken ab. Die Soziologen würden sagen, wir sind mit wem wir uns umgeben. Wir sind die Summe unserer Bekannten, Freunde und Familie, die Summe unserer sozialen Beziehungen. ( Willst du einen Menschen nicht nur brechen sondern ihn vernichten, ihn zu einem Unmenschen machen für den andere Menschen weniger Mitgefühl aufbringen als für ein Schwein auf der Schlachtbank, musst du ihn aller seiner sozialen Bindungen berauben und sicher stellen, das er keine neuen aufbaut. Eine Herrschaftstaktik über die ich im Laufe unserer Reise bestimmt noch öfter schreiben werde denn Südamerika, und eigentlich die ganze Welt, kennen diese Taktik zu genüge. Stichwort Sklavenhandel, KZ oder Isolationshaft ) Dennoch genieße ich dieses Abbrechen der Beziehungen, dieses ohne Verpflichtungen sein. Nicht weil ich meine Familie und Freunde nicht mag, im Gegenteil, ich liebe sie natürlich. Sondern deswegen, weil man auf diese Art Zeit und Gelegenheiten schafft um neue Beziehungen aufzubauen. Wenn wir sind mit wem wir uns umgeben, dann schaffen wir uns neu wenn wir unsere Umgebung verändern. Wahrscheinlich ist das Verändern der eigenen Umgebung einer der schnellsten und radikalsten Wege neue Seiten bei sich zu entdecken und „über sich hinaus zu wachsen“. Darum: Endlich im Zug. Endlich auf dem Weg.

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