Geschichte eines Kontinents

Wo kann man so eine Geschichte eines Kontinents beginnen? Ich hab keine Ahnung. Es scheint mir fast anmaßend überhaupt zu versuchen so etwas schreiben zu wollen und dennoch habe ich das verlangen viel darüber zu erfahren und weiterzugeben. Aber sie hat ja auch so viel zu bieten, die Geschichte dieser amerikanischen Erde auf der wir hier nun stehen.

Vor allem für Mitteleuropäer die sich selber leider viel zu häufig in den Mittelpunkt stellen und dabei alles andere auf dieser Welt an den Rand drücken und als unwichtig, unterentwickelt oder unheilbar korrupt wahrnehmen. Die Menschen Europas sprechen mit einem moralischen Unterton über diese Weltgegend ( „Bananenrepubliken“, „failed states“ ) bei dem ich kotzen will.

Wir in Europa vergessen dabei nur all zu gern unsere eigene historische und aktuelle Verantwortung dafür das es in anderen Ländern, vor allem in Südamerika, so abgeht wie es hier nun einmal abgeht. Die Geschichte Südamerikas der letzten 500 Jahre bietet Lehrstück über Lehrstück über Lehrstück darüber wo unsere Verantwortung liegt, was Kapitalismus bedeutet und auf welcher Seite Europa stand und steht. Nicht Entwicklung, Wohlstand für alle und Befreiung des Menschen aus seiner Unmündigkeit sondern Ausrottung der Indigenen, Versklavung der kümmerlichen Reste an Überlebenden und Aufbau eines Systems der Ausrottung menschlichen Lebens ( vor allem aus Afrika ) für die Gewinnung von Rohstoffen, die in der Geschichte wahrlich seines gleichen sucht, das waren die Ideen die Europa hier her exportierte. Amerika war Lieferant für alles, was das Herz begehrte. Die Idee war einfach und ist die Grundlage einer jeden kolonialen Ökonomie ( und viele argumentieren die Grundlage der Ökonomie überhaupt, bis heute ): Die Kolonie exportiert ihre Rohstoffe ins Mutterland ( Spanien, England, „den Westen“ ) und importiert alles andere ( Es war in großen Teilen Amerikas jahrhundertelang verboten Dinge zu produzieren! Und so importierte man von Grundnahrungsmitteln bis hin zu Kleidung einfach alles. ). Die Rohstoffe die aus den Kolonien exportiert wurden wechselten über die Jahrhunderte, erst Gold und Silber, dann Kaffee, Zucker, Kautschuk, Kupfer, Zinn, Phosphor, Fleisch und heute Erdöl, Früchte ( Bananen, Soja ), Holz und dutzende weitere Produkte. Auch die Systeme der Ausbeutung wechselten, erst Kolonialsysteme und danach dass was man euphemistisch als „Freihandel“ bezeichnet. Auch die Dominanten Mächte wechselten sich ab, von Spanien über England und den USA bis zum heutigen Zusammenschluss aus den zentralen kapitalistischen Ländern, ihren Konzernen und Institutionen ( USA, EU, China, WTO, Weltbank und IWF ).

Aber die Rollenverteilung blieb. Bis Heute. Rohstoffe werden aus Amerika exportiert und beinahe alles was so zum Leben gebraucht wird muss importiert werden. Wer darin keine Kontinuität erkennen kann und meint die Länder Amerikas seien doch heute selbstbestimmt und damit selber schuld an ihrer Lage, dem Empfehle ich erst recht weiter zu lesen. Aber Vorsicht: Im Laufe dieser Zeilen könnten sich Ansichten ändern.

Wer mich kennt weiß ich bin kein Kind von Traurigkeit und Pessimist bin ich schon gar nicht. Und so ist klar: Die Geschichte Amerikas mag voller Tragödien sein, doch wo Gevatter Ungerechtigkeit ein solch unerbittliches Regime führt ist Widerstand nicht weit. Da Amerika Ungerechtigkeiten unvorstellbaren Ausmaßes erlebt hat, sind auch die Formen des Widerstandes kaum erfassbar. Von der Kultur ( z.B. die Musik der alten Sklaven und modernen Abgehängten, von Blues bis Rap ) und Religion ( eine reiche Mischung aus Katholizismus mit afrikanischen und indigenen Elementen ) über Aufstände ( Túpac Amaru ( so weit ich weiß nicht verwandt mit irgendwelchen Rapern ) und der schwarze Napoleon in Haiti, Toussaint Louverture ) bis hin zu komplexen Alternativen des Zusammenlebens die hier entwickelt und ausprobiert wurden und werden ( Zapatistas in Mexiko und Sklavenrepubliken in Nordbrasilien und Paraguay ) und den heutigen Versuchen des Ausbrechens aus den tödlichen Fängen des Freihandels ( von Venezuela bis Paraguay ) findet Mensch alles. Es ist längst überfällig, dass wir vom hohen Ross unserer verlogenen Moral steigen und anfangen von jenen zu lernen, denen wir nie viel mehr geben konnten als Gewalt und Leid.

Wer meint: Das geht mich doch einen Scheißdreck an. Dem kann ich nur sagen: Ich hoffe das nächste mal wenn du tanken gehst, oder Kaffee kaufst oder Bananen isst kommen ein paar von den armen Schweinen die für dich den Kaffee und die Bananen für weniger als 1$ am Tag geerntet haben oder die Einwohner aus den vom Schweröl verseuchten Gegenden dieses Kontinents bei dir vorbei und erklären dir mal im Vertrauen was genau du mit alledem zu tun hast. Tja, da das aber relativ unwahrscheinlich ist ( Visabeschränkungen, Schwierigkeiten Flugtickets für unter einen Euro nach Europa zu ergattern und dergleichen ) werd ich gerne den Job fürs erste übernehmen. Natürlich verändern wir damit noch nicht die Welt, aber die Welt zu verändern ohne zu wissen was genau man verändern will ist eher nicht so der optimale Plan.

In den nächsten Monaten wird an dieser Stelle also, in loser Reihenfolge, immer mal wieder ein kleiner Geschichtseinschub kommen.

 

(Bild: Englischer Humanisums in Peru um 1910 – The Putumayo; The Devil’s Paradise – Walter Hardenberg)

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