Quitööö

Im beschaulichen Amersfoort geht die Reise also los. Wat, von wo? Genau, vom Arsch der Welt. Oder besser gesagt: Vom Arsch von Amsterdam. Da Amsterdam in den letzten Jahren irgendwie an Größenwahn zu leiden scheint und die Vögel da tatsächlich für ein Bett in nem Dorm über 30 Euro pro Nacht verlangen und es bei den Preisen für andere Übernachtungsmöglichkeiten kein bisschen besser aussieht ( und auch das verzweifelte anschreiben von Couchsurfern keinen Erfolg hatte ) haben wir uns spontan gedacht: Fick dich, Amsterdam! Ein bisschen Suchen hat uns dann auf eine nette Hausbesitzerin und Airbnb- Anbieterin in Amersfoort gebracht bei der wir uns für zwei Nächte einquartierten. Amersfoort, irgendwie 20 Minuten von Amsterdam mit dem Zug entfernt, sieht genau so aus wie man sich ein verschlafenes, niederländisches Städtchen so vorstellt. Mittelalterliche Innenstadt mit kleinen, schiefen Häuschen und kopfsteingepflasterten Straßen, einem Flüsschen das sich einmal um die Innenstadt windet und Brücken die einem kitschigen Disneyfilm entsprungen zu sein scheinen. Die hart gesottenen Niederländer sitzen Nachts auch noch bei 10 Grad draußen vor ihren Bars, trinken ihr ekelhaftes und überteuertes belgisches Bier und machen in Ganggruppengrößen von 4 oder mehr Fahrrädern die Straßen unsicher. Wenn man mal von den wahnwitzigen Preisen absieht ( Bier nicht unter 5 Euro ) könnte man sich glatt an das Städtchen gewöhnen. Wir vertreiben uns die Zeit damit, dass wir herum schlendern, versuchen die billigsten Essgelegenheiten zu finden ( kleiner Schawarma Laden direkt neben dem Hauptplatz, sieht ziemlich ranzig aus aber schmeckt überraschend gut und Besitzer ist dufte ), Bier trinken ( auf keinen Fall das Ale anrühren, bäh ), schauen was die Leute so treiben und eine ganze Restaurantbelegschaft in eine Diskussion darüber stürzen wo wohl der beste Coffee Shop wäre ( des Kaffees wegen, natürlich ). Den Rest des einen vollen Tages den wir haben regnet es in Strömen und wir verkriechen uns in freudiger Erwartung.

The Quito

Vom Shipol Airport in Amsterdam geht es dann endlich los. Wegen der gefühlten 20 Sicherheitskontrollen, Passchecks, Nackscanner und der Gepäckabgabe ( die zusammen mit dem Einchecken mittlerweile ohne nervtötende Menschen „funktioniert“ – aber weil wir zu doof waren musste doch ein Flughafenmensch mit uns interagieren ) waren die 2 Stunden die wir vor Abflug da waren fast zu knapp. Im Flugzeug herrscht von Anfang an ne gute Stimmung. ( Außer bei unserer Sitznachbarin die aus Russland kam und, nach alter russischer Sitte, unseren Kontaktaufnahmeversuch sibirisch kalt ignoriert hat ) Eine große polnische Reisegruppe steht die ganze Zeit Whisky Cola saufend und quatschend in den Flugzeuggängen. Die Stewardess versucht am Anfang noch die Leute dazu zu bringen sich doch hinzusetzen, gibt aber nach einigen Stunden anscheinend resigniert auf. Das Essen ist geil für nen Flug. Man konnte sich vorher bei der Buchung extravagante Wünsche für das Futter aussuchen und da haben wir natürlich zugeschlagen: Hindi und Vegetarisch. Und das war ne gute Entscheidung. Denn die extravaganten Essen werden vor allen anderen serviert und so saßen wir, genüsslich unser kuhfleisch-freies Flugzeugfutter kauend, zwischen den neidischen Blicken der anderen mit ihren knurrenden Mägen. So gestärkt fielen wir dann nach 11 Stunden Flug aus der Maschine und stolperten unsere ersten Schritte in den Anden.

Bei der Einreise traf uns denn auch gleich der Kulturschock: Uns sitzen Menschen gegenüber, keine Roboter. Bäh! Und noch dazu die best gelaunten Beamten die ich je gesehen hab. Wir packen unser Spanisch aus, witzeln herum und unterhalten uns richtig ( und überspielen dabei dass wir gar kein Ausreiseticket aus Ecuador haben..hehehe ). Der Flughafen ist ein ganzes Stück entfernt von Quito, mitten zwischen den Bergen gelegen, aber ein Bus in die Stadt ist schnell organisiert. Unsere erste Übernachtung sollte bei einem Couchsurfer namens David sein der uns schon Wochen vorher zugesagt hatte und uns seine Telefonnummer geschickt hat um ihn anzurufen wenn wir gelandet sind. Im Bus finden wir auch gleich jemanden der uns sein Handy zur Verfügung stellt und wir rufen David an…keine Antwort. Unser ecuadorianischer Busfreund schreibt David auch über WhatsApp…keine Antwort. Irgendwann kommt dann die Nachricht: „Ich bin nicht David. Keine Ahnung wer ihr seid.“ Tja, super gelaufen. David wird sich auch später nich auf Nachrichten über Couchsurfing melden, also abgehakt. Eine Ecuadorianerin erklärt uns später das die Leute hier, bevor sie jemandem das Wort „nein“ entgegen sagen müssen ( oder, wie in unserem Fall, jemandem absagen müssen ), sich lieber erst gar nicht melden.

Unser Freund im Bus gibt uns noch den ein oder anderen Tipp, was man sich in Ecuador auf keinen Fall entgehen lassen sollte. In den nächsten Tagen wird unsere Tipp-Liste noch sehr lang werden, denn die Ecuadorianer lieben ihr Land! Jeder mit dem wir sprechen will sicher gehen dass wir nur die besten Orte sehen und alle fragen: „Como te gusta mi país?“ ( Wie gefällts dir hier ) und sagen einem „Bienvenido en Ecuador!“. Der Bus vom Flughafen schmeißt uns gefühlt mitten im Nirgendwo herau, direkt neben dem was früher wohl mal der Flughafen der Stadt war. In einen Raum über dem das Banner „Touristeninfo“ schwebt finden wir zwei gelangweilt herumsitzende Cops die bestimmt nicht mit Touristen gerechnet haben, uns aber weiterhelfen können und uns den Bus in die Innenstadt zeigen. Die Stadtbusse sind einfach herrlich! Immer schrillt Salsa Musik aus ihren Lautsprechern und fast immer blinken sie aufdringlich an allen Ecken und Enden. Die Fahrer arbeiten immer mit mehr oder weniger motivierten Geldeintreibern zusammen die, wenn der Bus an einer Haltestelle einfährt, die Fahrtziele aus dem Fenster brüllen und zwischen den Haltestellen Geld kassieren ( 0.25$/Fahrt….Und ja, in Ecuador bezahlt man in Dollar! ). Manchmal wird auch beim Ein- oder Ausstieg kassiert, da gibt’s kein System. Wenn man ungeduldige Busfahrer erwischt kann es auch vorkommen, dass der Bus nicht anhält, sondern nur langsamer wird zum Ein- und Aussteigen. So bleibt man durch gekonntes Springen körperlich fit in Ecuador. Und körperlich fit sollte man sein! Quito liegt auf fast 3.000 Meter Höhe ( Quito ist damit die höchste Hauptstadt der Welt – La Paz in Bolivien liegt zwar höher, ist aber „nur“ Regierungssitz ) und die dünne Luft in Kombination mit beißenden Abgasen raubt einem wirklich den Atem. Die ersten Tage muss man sich auf Schnappatmung beim Augen öffnen einstellen.

Nach einer weiteren gefühlten Stunde Fahrt mit dem Bus durch den allabendlichen Stau kommen wir endlich im Centro Historico an, quetschen uns mit unseren riesigen Rucksäcken durch die Massen im Bus nach draußen und stehen mitten im quirligen Quito. Es ist um 18 Uhr und schon stockduster hier am Äquator. Sonderlich heiß ist es leider auch nicht in der Höhe und so machen wir uns auf schnell eine Bleibe zu finden. Das erste Hostel ist nicht weit, witziger weise gleich hinter dem Gebäude des Tourismusministeriums, und gleich unseres. Wir sind heute nicht mehr wählerisch. Das Hostel ist ein Familienbetrieb, die Betreiber super nett und wir gefühlt ( und wahrscheinlich auch real ) die Einzigen die hier sind. Internet gibt es zwar nur auf der Terrasse aber der Blick von dort über die Stadt entschädigt für die Unannehmlichkeiten. Wir sind mitten in den Anden und, wie ich gelernt habe, bestehen die Anden hier aus zwei Bergketten die sich parallel zueinander von Süd nach Nord schlängeln. Im Westen der beiden Bergketten liegt die Küste, im Osten das Amazonasbecken und zwischen den beiden Bergketten liegt, eingebettet wie eine Schlucht, eine Hochebene auf der sich auch Quito befindet. Egal wo man also ist in Quito, immer sieht man wie sich irgendwelche Häuser irgendwelche Berge hoch schieben. Um genau zu sein, die Vulkane. In jeder Himmelsrichtung liegen hier Vulkane und sie sind alle aktiv, speien hin und wieder Asche und Feuer um sich danach wieder zu beruhigen. Ein Mann hat uns einmal seine Privatbilderreihe von speienden Vulkanen auf seinem Handy gezeigt. Aber für Quito ist wohl alles save. Die Vulkane verteilen im schlimmsten Falle Asche über die Stadt und die Lava, wenn sie kommt, fließt in nicht bewohnte Gebiete. Gefährlicher als Vulkanausbrüche sind hier Erdbeben die, zumindest schwach, andauernd auftauchen sollen ( auch wenn wir noch keines bemerkt haben ). Vor ein paar Monaten hat ein heftiges Erdbeben große Teile der Pazifikküste Ecuadors verwüstet und auch das ein oder andere Haus in Quito zum Einsturz gebracht. Wir haben auch schon so manchen Küstenbewohner getroffen und ausgefragt: Die meisten Teile der Küste scheinen noch zu stehen und wurden uns wärmstens für einen Besuch empfohlen…na mal schauen. Beunruhigend ist, dass wir am ersten Morgen herausfinden, dass unser Hostel nachts komplett abgeriegelt wird und man nur heraus kommt, wenn die Besitzer aufschließen…eeehm. Na ja. Am ersten Abend lassen wir uns jedenfalls von der Hostel Besitzerin noch einen kleinen, netten Laden empfehlen wo man Happa Happa bekommt und der gleich um die Ecke liegt.

Essen gehen ist in Quito eine spannende Angelegenheit weil Mensch nie so genau weiß, was da auf einen wartet. Man setzt sich hin und beantwortet meistens nur die eine, aber entscheidende Frage: „Fleisch oder Hühnchen?“ ( baaahaha ) und schon nimmt die Fütterungsmaschine Fahrt auf. Los geht es immer mit einer Suppe, danach kommt der Hauptgang ( plato fuerte ) der eigentlich immer Reis beinhalten muss und dazu gibt es frisch gepressten Saft. Für Menschen mit Entscheidungsfindungsschwierigkeiten das reinste Paradies! Selbst das Frühstück sieht oft so ähnlich aus, nur ohne die Suppe. Aber Reis mit Fleisch, Kochbananen, Tortilla de verde ( so eine Art Gemüsetaler aus Kochbananen ) oder fritos ( gebratenes Ei ) sollte es schon sein. ( Immer dabei ist auch eine Schüssel mit herrlich scharfer Salsa. ) Und das beste: So ein Frühstück oder ein 2 Gänge Menü gibt’s schon für 1.5$ bis 2 $. Geeeeeil!!! Beim Essen lernt man oft auch Einheimische kennen, weil man sich die Tische mit den anderen hungrigen Gestalten teilt. Der beste Ort um in der Altstadt ordentlich zu futtern ist der zentrale Markt. Ein zweistöckiger, abartig hässlicher Bau in dem man von Schnittblumen ( Ecuadors Exportschlager Nummer 1 ), Obst, Schweinehälften bis hin zu Säften, Frühstück und Mittag alles bekommt. Kaum betritt man das Gebäude wird man von allen Seiten vollgequatscht. Komm und setz dich! Iss bei uns! Willst du Saft? Vielleicht Papaya? Ein Dollar! Hat man sich für eines der „Restaurants“ entschieden ( kleine ummauerte Kochecken ) und setzt man sich dann an die Gemeinschaftstische, kommt wieder die Frage der Fragen und los geht das große Futtern. Herrlich.

Nachdem wir am ersten Morgen um 5 aufgewacht sind ( wir werden uns die nächsten Tage langsam an normale Schlafzeiten heran tasten ) und die Hostelbesitzer irgendwann gegen 8 endlich die Außentür aufgeschlossen haben, machen wir uns auf den Weg. Die Altstadt von Quito ist voll mit hübschen, 2 und 3 stöckigen Kolonialbauten, Kirchen, stinkenden Autos, pfeifenden Polizisten und geschäftigen Menschen die Süßigkeiten ( einzelne Raffaellos 0.5$ das Stück ), Koka ( als getrocknete Blätter oder Bonbons ), Schweineköpfe oder Mittag aus Eimern verkaufen. Irgendwie sind wir beide nicht großartig in Kirchen-Guck Laune und als sie uns bei der ersten Kathedrale 2$ abknüpfen wollen winken wir ab. Am Hauptplatz, an dem auch der Regierungspalast steht, lassen wir uns dennoch breitschlagen Geld für eine Kirche zu bezahlen, denn immerhin hängt hier ein Bild vom Abendmahl auf dem Jesus und seine Homies genüsslich Meerschweinchen ( Cuy ) verspeisen! Was Meerschweinchen im allgemeinen angeht: Alle reden davon aber gesehen haben wir noch keine. In Ecuador soll es jedenfalls Spezialität sein ( am Stück gebraten ) aber in Quito nicht so verbreitet. Wie es ein Einheimischer uns gegenüber ausdrückte: „Für euch sind es Haustiere und für uns YAM YAM YAM YAM“ ( wobei er eine Bewegung wie beim Suppe löffeln gemacht hat ). Eine andere Kirche haben wir uns, um wie die Parasiten den Eintritt zu sparen, nur vom Eingang aus angeschaut. Dort hängt angeblich so viel Gold, dass man damit die Auslandsschulden Ecuadors bezahlen könnte. Und der erste Eindruck sagt: Yupp! In den Regierungspalast schauen wir auch mal rein und lernen noch ein nettes deutsches Pärchen kennen. Seit dem Rafael Correa Präsident ist ( 2006 ) kann jeder kostenlos den Palast besuchen und man bekommt wenn man Glück hat sogar ein Foto von sich auf der Haupttreppe geschenkt ( wir hatten Glück und der Fotograf war gerade nicht im Urlaub oder in der Mittagspause ). Auch viele Schulklassen mit kleinen Kindern sind hier unterwegs und für die sind wir die reinsten Marsmenschen. Alle wollen mit uns ihr Englisch üben, Fotos machen oder einfach nur über uns lachen.

Jeden Montag findet auf dem Platz vor dem Regierungspalast eine Parade statt und el Presidente Rafie ( das hab ich mir nicht ausgedacht ) winkt vom Balkon. Das lassen wir uns natürlich auch nicht nehmen, aber leider ist Rafie nicht im Lande oder hat besseres zu tun und wir sehen nur den Vizepräsidenten. Das stört die Ecuadorianer die den Platz füllen jedoch nicht. Die sind begeistert und jubeln. Eine kleine Truppe von Fahnen schwingenden, älteren Ladies ruft die ganze Zeit: „Nur noch 4 Jahre mehr!“. ( Rafie wird nächstes Jahr trotz ihres Wunsches wahrscheinlich nicht zur Wiederwahl antreten ). Ansonsten ist die Parade natürlich nichts weiter als eine der üblichen militärischen Vorführungen, bei denen die armen Schweine die irgendwann mal fürs Vaterland dran glauben mussten als Helden stilisiert werden und Typen in blitze blanken Uniformen herum marschieren und zu seltsam anmutenden Kommandos aus den Lautsprechern ( Errrr, Rrrrr ) durch die Gegend springen. Kann man sich mal antun. Muss aber nicht sein.

Die nächsten Tage schauen wir uns langsam und gemächlich die kleinen und großen sehenswerten und nicht so sehenswerten Orte an. Am ersten Tag haben wir uns in ein kleines Tourbüro gesetzt und uns vom Chef und seinen Handlangern mal ein wenig erzählen lassen was verschiedene geführte Touren in die Umgebung so kosten würden. Parasitär wie wir sind, haben wir natürlich keine von diesen Touren gebucht aber uns dafür umso mehr für die Free Tour durch das nächtliche Quito interessiert und gleich mal angemeldet. Am Abend waren wir dann die beiden einzigen die von Joge und seiner Freundin eine Privatführung durch die Stadt bekommen haben. Beiden sieht man ihre indigenen Wurzeln an und so ist ihr Blick auf die Stadt, die Kirchen und Geschichte auch ein kritischerer und interessanterer als wahrscheinlich üblich bei solchen Führungen. Wir erfahren, dass die Spanier die Kirchen in guter christlicher Tradition auf den alten Kultstätten der Indigenen errichteten, denen sie auch gleich den Zutritt zu den Kirchen verweigerten. Weil man die Wilden ja aber an Gottes Wort teilhaben lassen musste, auf dass sie im Jenseits errettet werden mögen, bauten die Spanier Kreuze vor den Kirchen an denen die Indigenen sich versammeln mussten um die Messe zu hören. Es gibt auch eine Geschichte über einen Indigenen der mit der Hilfe des Teufels eine Kirche für die Spanier errichtete und es sogar schaffte den Teufel zu überlisten. Der Deal war dass der Teufel die Kirche bis 0:00 fertig baut und dafür des Mannes Seele bekäme. Kurz vor 0:00 stahl dieser Fuchs von Mann aber einen Stein ohne das der Teufel es bemerkte. So war die Kirche um 0:00 nur fast fertig und der Mann behielt seine Seele. Die Tour endete an einer etwas ausgestorben wirkenden Straße namens La Ronda, die am Wochenende angeblich Partymeile sein soll. Wir laden die Beiden als Dankeschön zum Essen und trinken ein und quatschen uns fest. ( Und bezahlen, anscheinend weil die Beiden dabei sind, nicht den Preis der auf der Karte steht sondern anscheinend den für Einheimische…gut zu wissen dass es den auch gibt )

In Quito gibt es sehr viele Menschen denen man ihre indigenen Wurzeln sofort anzusehen glaubt ( Indígenas ). Eher klein gewachsen ( wir fühlen uns wie Riesen hier ), immer schwarze und manchmal zu Zöpfen geflochtene Haare und ründliche Gesichtszüge. Hin und wieder tragen sie, vor allem die Frauen die auf der Straße Dinge verkaufen, grobe und manchmal wunderbar bunt bestickte Ponchos und lustig anzuschauende kleine, runde Hüte, die sie verraten. Dazwischen die Mestizos, wie die Menschen hier genannt werden, denen man ihre europäische Vorfahren ansieht. Auch Armut gibt es hier natürlich, aber viel weniger als ich gedacht hätte. Kaum bettelnde Menschen und keine bettelnden Kinder ( erstaunlich im Vergleich zu so manchem Lateinamerikanischen Land, wo diese Dinge leider zur Realität gehören ). Die Armen hier scheinen eben jene Menschen zu sein die jeden Tag auf den Straßen Quitos ihren Krims Krams verkaufen und die, wie in vielen Städten, regelmäßig von der Polizei vertrieben werden und oft Indigene zu sein scheinen. Auch viele kleine Kiosks und Souvenirshops werden von Indigenen ( meist Frauen ) betreut und es ist keine Seltenheit das diese zusammen mit ihren kleinen Kindern die Läden ( die manchmal nicht mehr als Decken mit Zeugs am Straßenrand sind ) schmeißen. Mutti betreut die Kunden, während Kindchen schläft oder spielt. Was in Quito auch sofort auffällt, sind die vielen mobilen Krankenstationen, an denen anscheinend kostenlose medizinische Untersuchungen angeboten werden ( „Salud al Paso“ ). Wahrscheinlich eine der vielen sozialen Verbesserungen die seit dem Amtsantritt von Rafael Correa dieses Land tief greifend verändert haben. Dennoch soll die Kriminalität in Quito, wenn man den Reiseführern und so manchem Einheimischen vertraut, sehr hoch sein. Wir haben davon zum Glück nichts bemerkt, obwohl wir auffallen wie bunte Hunde ( jedes Taxi das uns auch nur aus der Ferne erschnüffelt hupt wie wild um uns zum Einsteigen zu treiben ). Es gibt einen kleinen Hügel in der Mitte Quitos, den Panecillo, auf dem eine große Statue steht und dem man sich als Tourist nur im Taxi nähern soll und auch das Party Viertel, el Mariscal, soll Nachts ( und Sonntags auch Tagsüber ) gefährlich sein. Nun ja, wir haben den Panecillo auch mit dem öffentlichen Nahverkehr bezwungen und sind Sonntags sicher durch el Mariscal geschlendert. Im allgemeinen gilt: Die Menschen auf der Straße sind unglaublich freundlich und zuvorkommend. Niemand, dem man eine Frage stellt, würde eine Antwort verweigern oder einem auch nur doof kommen. Freunde macht man sich auch damit Gummibärchen-Tüten-Vorräte aus Deutschland an Leute zu verteilen ( die kleinen Probiertütchen ). Mehrere Tüten gingen an Kinder. Eine Tüte ging an eine indigene Familie, die mit ihrer kleinen, die ganze Zeit weinenden Tochter im Restaurant neben uns saß ( hat natürlich gut gegen das Weinen geholfen ) und eine andere ging zum Beispiel an einen fliegenden Verkäufer in einem der Busse, der uns im Tausch eine seiner Tütchen mit süßen Nüssen geschenkt hat. Geben und nehmen. Wissen schon. ( Es ist mittlerweile schon öfter mal vorgekommen dass ich zu viel Geld bezahlt hab, einmal sogar 20$, und mir die Leute das Geld sofort wiedergegeben haben. )

Als wir gerade Sonntags ein Museum gesucht haben, haben wir einen Typen auf der Straße nach dem Weg gefragt. ( Das Museum liegt hinter einem großen Viertel voller neu gebauter Hochhäuser, die alle leer zu stehen scheinen, mit Mauern und manchmal elektrischen Zäunen umgeben sind, und unschön synthetisch und kalt wirken ) Ohne groß Federn lesen hat er hat uns direkt zum Museum gebracht und als herauskam, dass das Museum geschlossen hat, hat er uns eine 2-stündige Tour durch einen riesigen, angrenzenden Park gegeben. Wie geil ist dass denn, bitte? Inklusive waren Highlights wie Höhlenbesichtigung, Wasserfall und am Ende sogar die Aussicht auf Quito von seiner Wohnung aus. Nun gut, er war auch irgendwie seltsam aufdringlich und hätte uns wahrscheinlich am liebsten noch die ganze Stadt gezeigt, wenn wir ihn nicht irgendwann abgehängt hätten, aber der Wille zählt. Überhaupt gibt es so viele Parks in diesem kleinen Juwel der Anden, wie sonst in kaum einer Stadt die ich kenne! Vom hoch oben auf einem Hügel über den Dächern der Stadt gelegen Ort der Ruhe, bis hin zum Sportpark in dem sich die Quiteños ihr Reisfrühstück von den Hüften laufen gibt’s hier alles. In einem Park ( dem Park Calorina ) gibt es weitläufige Wasseranlagen, in denen Mensch Tretboot fahren und Museen besuchen kann. In einem dieser Museen gibt’s hiesige Frösche und Orchideen inklusive Führung für 10$ pro Nase und 5$ für Studenten. Als wir vor dem Eingang standen und die Preise erfuhren, haben wir erst mal geschluckt und überlegt wo wir statt dessen hingehen, doch nach nicht mal 2 Minuten hat uns der Typ am Eingang angeboten, uns einen Eintritt zu schenken und den anderen als Studenten reinzulassen…ich glaub das sollten wir als Taktik ausbauen.

Quito hat auch viele mehr oder weniger spannende Museen zu bieten. Gesehen haben wir ein Museum über die Nationalgeschichte Ecuadors ( in dem alles nur auf Spanisch beschrieben ist und in dem Wachsfiguren leider als das Spannendste bezeichnet werden müssen, Schulnote: 4+ ), eines über die Geschichte Quitos ( von der Vor-Inka Zeit bis heute, glatte 2 ) und ein paar Kunstmuseen ( 1!! ) die indigene Werke zeigen. Darunter sind Gemälde indigener Rituale, echte traditionelle Musikinstrumente die man sogar benutzen konnte um gute Stimmung im Museum zu verbreiten, und Nachbauten von einfach beeindruckenden Statuen. Seltsam abstrakte Fabel Wesen blicken einem da entgegen, wilde Mischungen aus Tier und Menschenkörpern die aussehen als hätte jemand die Körperteile realer Wesen vermischt und zu etwas neuem zusammengeklebt. Sehr oft mit einer offensichtlichen Betonung auf Sexualität. Schwänze, Titten und Vaginas, da ist für jeden was dabei. Die Statuen sind eine einzige Feier der Fruchtbarkeit, des Lebens und des Todes. Und warum auch nicht: Schließlich sind wir hier in einer der Mega Diversen Gegenden des Planeten, was so viel bedeutet, wie: So viel unterschiedliches Leben auf kleiner Fläche findet man so gut wie nirgends sonst. Europäisch zugeknöpfte Prüditäten sucht man hier vergeblich ( Das gilt nicht nur für Museen über indigene Kunst, sondern lässt sich anthropologisch auch super in Clubs beobachten ).

Nach ein paar Tagen in unserem kleinen privat Hostel wurde es langsam Zeit für einen Tapetenwechsel. Wir hatten die Tage über immer mal wieder Couchsurfer in der Stadt und in der Umgebung angeschrieben und irgendwann tatsächlich Glück gehabt, und zwar gleich doppelt: Übers Wochenende würden wir bei einem Mädchen namens Ximena unterkommen und danach bei einer ecuadorianischen Familie. Wir treffen Ximena in der Nähe der beiden Zentralen Parks von Quito, dem el Ejido ( in dem wir schon einmal ein kleines Theaterstück miterleben durften ) und dem el Arbolito ( der zur Zeit gesperrt ist weil hier in wenigen Tagen, und nach 20 Jähriger Pause, die 3. UN Konferenz zum Thema Stadtentwicklung, Habitat III, stattfinden wird ), schnappen uns einen Bus und fahren in ihr Viertel, San Pablo. Das Viertel liegt weit unten in der Stadt und die Abfahrt mit dem Bus, der einem hier für die kleinen Straßen viel zu groß vorkommt, ist ein einziger Adrenalin Kick ( Fuck Wingsuits! ). Das Viertel selber ist total entspannt und familiär. Umgeben von Hügeln klicken hier Nachts die Frösche ( klingt als würde jemand zwei Holzstöcke aufeinander schlagen ) und bellen die Hunde. Am Tage braten die Hausfrauen ihre Pinchos ( Ecuadorianische Schaschlicks ) auf der Straße oder direkt in ihren Wohnungen im Fenster zur Straße raus, aus dem dann der Qualm wie aus einem Schornstein aufsteigt. Die Häuser sind mit hohen Mauern umgeben, die noch dazu entweder von Elektrozäunen oder einbetonierten Glasscherben gekrönt werden. Ximena hat, zusammen mit ihren beiden süßen Hündchen, eine Wohnung im Hinterhof eines Hinterhofs und der Hof ihrer Nachbarn wird von einem kleinen, beißwütigen Bettvorleger bewacht, an dem wir uns jedes Mal vorbei schleichen müssen wenn wir zu ihr wollen. Da es Freitag Abend ist verlieren wir auch nicht viel Zeit und gehen mit ihr Feiern im Viertel El Mariscal. Die Musik im „El Bungalow“ schwingt zwar die gesamte Zeit zwischen scheiße und geil hin und her, aber es ist toll endlich mal wieder Menschen zu sehen die wirklich tanzen können und deren Hüften nicht zwischen Torso und Oberschenkeln festgeklebt sind. ( Merke: Will man in den Club, muss man in Ecuador den Ausweis vorzeigen! Eigentlich sogar das Original und keine Kopien, aber wir hatten Glück mit dem Tür Checker ) Ximena ist super nett und sehr politisch. Sie erzählt dass die Polizei in Ecuador heute viel besser trainiert ist als früher, um mit direkten Aktionen und zivilem Ungehorsam umzugehen und dass es Proteste gegen die Habitat III Konferenz und auch Gegenveranstaltungen geben wird. Sie beschwert sich darüber, dass in Quito eine Metro gebaut werden soll ( Ja, tatsächlich soll in Quito, mitten in den Bergen, im Erdbebengebiet, eine Metro durch die Vulkane getrieben werden! Wie wärs mit Straßenbahn? ) und darüber, dass für irgendwelche neuen Seilbahnlinien Armenviertel weichen sollen. Es ist spannend mit ihr, aber leider sehen wir uns erst am Sonntag zum Abschiedskochen wieder. Zwischendurch überlässt sie ihre gesamte Wohnung quasi für 2 Tage komplett uns und den Hunden. ( Denen das gar nicht gefällt und die, sobald wir kommen, das Haus verlassen und lieber im Garten schlafen als uns mit dem Arsch anzuschauen )

Von Ximenas Wohnung aus entscheiden wir uns für die Besteigung des Vulkans der Quito am nächsten liegt, des Pichincha. Mit beinahe 5.000 Metern auch schon ein ordentlicher Klopper, aber zum Glück gibt es den TeleferiQo, eine Seilbahn die einen von Quito aus schon mal auf 4.000 Meter hoch bringt. In Quito sagen sie uns alle, aber wirklich alle: „Wenn ihr da hoch wollt, fahrt früh!“. Dazu muss man wissen, wir sind gerade mitten in der Regenzeit ( „Las lluvias“. Oder, wie die Weicheier das hier auch nennen: Winter! ). Das heißt nicht, dass es hier die ganze Zeit nur regnen würde aber es heißt doch, dass es jeden Tag mindestens einmal regnet. Und wenn, dann meistens in Strömen. Wenn die Sonne scheint brutzelt sie einem die Haare vom Kopf, aber jeden Nachmittag ziehen die Wolken an den Berghängen rund um Quito auf und tauchen die höheren Gegenden der Stadt in dichten Nebel und Regen. Der Regen geht meistens so schnell wie er kam, aber der Nebel bleibt und verbreitet im Abendlicht eine herrlich mystische Atmosphäre in der Stadt. Nun ja, aber was wissen schon die Einheimischen! Gegen 1 Uhr kommen wir mit der Seilbahn oben an ( nach 1 ½ Stunden warten ) und beginnen den Aufstieg. Es ist hier oben zwar schon ein wenig neblig, aber immer noch schön, und auch das wir die Einzigen zu sein scheinen die hoch gehen, während alle anderen runter kommen, stört uns in unserer jugendlichen Naivität nicht. Wir freuen uns dass wir uns an die Höhe gewöhnt haben und überhaupt irgendwo hoch laufen können ohne umzufallen, grüßen alle die uns entgegen kommen und fragen immer wie weit es wohl noch ist. 2 Stunden bis zum Gipfel, 1 ½, 1 Stunde ( es kommen uns auch Gruppen mit Führern entgegen die mit Sicherheit mehr über die Berge wissen als wir und uns hätten vorwarnen können…wenn sie denn gewollt hätten ). Irgendwann sind wir komplett in einer Wolke verschwunden und es fängt an zu nieseln. Der Regen ist aber schnell wieder vorbei, es klart wieder auf und was bleibt ist Donner in der Ferne. Doch dann, innerhalb von 5 Minuten sind wir auf einmal dicht eingehüllt in Nebel, sehen kaum noch den Weg vor uns und es beginnt in Strömen zu regnen. Und es hört nicht auf. Wir entscheiden uns umzukehren und den Gipfel Gipfel sein zu lassen, während die Wege schon zu Flüssen geworden sind und um uns herum Donner über die Felsen rollt. Sportlichen Schrittes, immer versuchend sich beim Abstieg nicht mit der Fresse in einen der Matschflüsse zu legen, geht’s zurück ( Als wir direkt unter einer Stromleitung die über den Berg führt stehen und es über uns blitzt, wird auch schon mal gerannt ). Wider Erwarten überleben wir den Abstieg bis zur Seilbahn. Komplett durchnässt und durchgefrohren stellen wir uns in die Schlange und bekommen, wenn schon keinen Gipfelblick, so doch wenigstens den Mitleidsblick der Ecuadorianer und die Familie die mit uns in der Gondel nach unten fährt erzählt uns aufheiternde Geschichten über vom Blitz getroffene und verloren gegangene Wanderer. Wir haben es halt auch nicht besser verdient. Aber wer weiß, vielleicht beim nächsten Gipfel…

Unsere nächsten Couchsurfer sind eine Familie aus der Umgebung Quitos. Von San Pablo aus geht’s mit dem Bus in die Innenstadt und dann weiter durch den abendlichen Stau in die Berge südlich von Quito. Eine Stunde lang schiebt sich der Bus im Stop and Go den Berghang hoch, bevor er uns irgendwo am Eingang einer Siedlung raus schmeißt. Weil wir faul sind investieren wir noch den einen Dollar für das Taxi bis zur Haustür ( Als wir einsteigen ruft der Kumpel des Fahrers ihm von außen noch zu: „Ich hoffe du hast die Bremsen repariert.“ Ich hoffe das war ein Scherz… ) und werden freundlich von Cynthia, der Chefin des Hauses, ihrem Mann und ihren zwei Kindern empfangen. Wir haben hier eine ganze Etage, inklusive Küche und Bad, für uns und die ganze Familie empfängt uns so unglaublich herzlich, dass es wirklich unheimlich ist. Die nächsten Tage trinken wir mit ihnen selbst gebrannten Schnaps, machen eine Obstverkostung mit lauter Zeug das ich noch nie gesehen habe, essen zusammen Abendbrot ( einmal kochen wir für sie und einmal sie für uns ) und unterhalten uns viel. Mit Cynthia fahren wir an einem Morgen in einen Park in der Nähe, gehen mit ihr dort eine Stunde spazieren und fühlen uns schon wie im Urwald. Nun, das heißt eigentlich fahre ich uns!! Als sie merken dass ich einen Führerschein habe, vertrauen sie mir tatsächlich ihren Jeep an und ich cruise uns drei damit über die ecuadorianischen Berge zum Park. Mit leicht schwitzigen Händen am Steuer bringe ich uns sogar lebend wieder zurück. Die ecuadorianischen Straßen sind überraschend gut und die Fahrer im großen und ganzen angenehm entspannt. Im Vergleich zu russischen Straßen ist das hier wie Autobahn gegen Acker und was die Fahrermentalitäten angeht ist das hier im Vergleich zu Russland wie Yoga gegen Heavy Metal. Cynthia arbeitet außerdem hin und wieder als Nachhilfelehrerin für Grundschulkinder und nimmt uns eines Nachmittags mit zu ihren Kindern, denen wir eine Stunde Englischunterricht zu geben versuchen. Kraaaass!!! Wie wahrscheinlich immer bei der Gattung Mensch sind die Mädchen super engagiert und gut und die Jungs eher so lala bis scheiße. Es macht aber dennoch großen Spaß mit den kleinen Monstern, auch wenn wir selbst die 5 Kinder kaum unter Kontrolle halten konnten. ( Um das Gesamtbild des Konzentrationslevels dieser leicht ungewöhnlichen Nachhilfeklasse abzurunden muss noch erwähnt werden, dass eine ihrer Betreuerinnen öfter mal während der Nachhilfestunde mitten im Raum sitzend die Brust herausgeholt und ihr Baby gestillt hat. ) Ich werde definitiv kein Lehrer. Zumindest nicht für vorlaute Grundschüler. Die Tage bei Cynthia und ihrer Familie sind unglaublich entspannt, geben einen tollen Einblick in das Leben der Ecuadorianer und abends hüllt auch hier der von den Bergen rollende Nebel die Siedlung in seinen weichen Mantel und die Katzen, Hunde, Hähne und Frösche ( alle im Multipack vorhanden ) versuchen alles um einen vom schlafen abzuhalten. Das ist wahrscheinlich auch der Grund warum ich schon wieder bis 3 Uhr morgens hier sitze und diesen Roman schreibe. Glückwunsch, du hast es geschafft bis zum Ende zu lesen! Wir werden Quito morgen den Rücken zu drehen und uns nach Norden aufmachen. Mal schauen was dieses Land noch so alles zu bieten hat.

3 comments on “Quitööö”

  1. Lui Antworten

    super artikel!
    macht immer spass deine artikel zu lesen! Und dann wird man ganz fernsüchtig…
    bin gespannt auf den nächsten Reisebericht, ich hoffe ihr nehmt nun die Tipps der Einheimisch ein bisschen ernster, HAHA!

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