Auf der Suche

Früh am Morgen brechen wir aus unserem Heim in San Lorenzo aus äh, auf, um zum Hochseehafen zu gelangen. Die Schule geht gleich los und die Straßen sind voll mit Kindern in ihren Schuluniformen. Mit unseren riesigen Rucksäcken fühle ich mich ein wenig wie ein Astronaut im Raumanzug, der mitten durch das Gedränge einer fremden Welt watschelt.
Der Hafen ist der Ort wegen dem wir überhaupt erst nach San Lorenzo gekommen sind. Mitten in einem der letzten großen Mangrovenwälder Ecuadors gelegen, kann man von hier aus auf den Wasserstraßen Richtung Süden schwimmen. Um halb acht fährt das erste Boot ( Lancha ) von hier aus zu einem Inseldorf namens Limones und die erste Lancha ist, natürlich, unsere. Dicht gedrängt, auf einem gut 10 Meter langen, schnittig, schmalem, zweimotorigem Düsenboot geht es los, auf in die Wälder. Schnell haben wir unser geliebtes San Lorenzo hinter uns gelassen und es gibt nichts mehr bis auf dichten Wald und Wasser.

Überflutete Wälder

Mangroven sind die Wälder, die teilweise oder ganz, das ganze Jahr oder nur eine Zeitlang, überschwemmt sind. Normalerweise nehmen Bäume Sauerstoff, der in den Böden eingelagert ist, über ihre Wurzeln auf. Aber wenn der scheiß Wald nun mal Brusthoch im Wasser versinkt und der Boden bis Unterkannte vollgesogen ist, ist davon halt nicht mehr viel zu gebrauchen. Darum sprießen die Wurzeln der Bäume aus allen ( ALLEN! ) Ecken und Enden direkt aus dem Stamm in die Luft heraus, um erst danach in den Boden abzufallen, wo sie den Baum verankern. Oft gehen von einer Wurzel noch andere Wurzeln ab und von denen auch wieder und so weiter. Die eigentlichen Bäume scheinen oben, auf diesem kopfhohen Gewirr aus Wurzeln, über dem Boden zu schweben und die verschlungenen Wurzeln vieler Bäume zusammen bilden Inseln im Fluss, an denen wir vorbei düsen. Zwischendurch ist das Baumgewirr immer mal wieder durchdrungen von grünem Gestrüpp und Rankelpflanzen, Lianen die von den Baumkronen bis hinab ins Wasser hängen. Das selbe Zeug das in den Städten auf den Stromleitungen aufsitzt ( Epiphyten heißen diese Kollegen, die keine Parasiten sind, wie Masha mir erklärt. Sie ernähren sich quasi nur von Licht, Luft und Liebe :) ), wächst hier überall auf dem Holz und zwischendurch hängen immer mal wieder große Termitennester in den Ästen. Zur Abwechslung tauchen zwischen den Bäumen einzelne Häuschen auf, die sich, auf Stelzen gebaut, ihre Architektur von den Wäldern abgeschaut zu haben scheinen.

Arbeitssuchend

Nach einer Stunde fahrt, vorbei an einem ganzen Dorf aus auf Stelzen gebauten Häusern, das nur vom Wasser aus erreichbar ist, legen wir in Limones an. Wir bleiben aber nicht lange, denn das nächste Boot fährt in ein paar Minuten weiter zu irgendeinem anderen Kaff, von dem aus ein Bus in die nächst größere Stadt fahren soll. Das soll unser Bus werden. Fürs erste setz ich mich auf eine Bank auf dem Anleger ( der einem keine Todesangst einjagt ) und warte bis Masha die Toilette gefunden hat. Als irgendein weiteres Boot anlegt, die Menschen aussteigen und an mir vorbei laufen, schauen sie mich alle so freundlich an, lächeln, die Hälfte grüßt mich und ein oder zwei wünschen mir mal wieder viel Spaß in Ecuador und ich bin froh endlich wieder in nem normalen Dorf zu sein. Die Normalität geht damit weiter, dass wir versuchen für die Bootsfahrt mit einem 20 Dollar Schein zu bezahlen ( bei 5$ Preis ) und es kommt, wie es kommen musste: Kein Wechselgeld.

So rar wie gute deutsche Filme: Wechselgeld

Wechselgeld ist so eine Sache in Ecuador. Es ist ein kleines, zerbrechliches Pflänzchen, das sofort eingeht, sobald zu viel darüber geredet wird. Manchmal ein wenig wie Kippen auf ner Waldparty. Alle haben einen Vorrat, aber keiner will teilen, weil wer weiß, wann man wieder an welche ran kommt. Und manchmal wie Sonne in Berlin: Nicht vorhanden. Will man Emotionen zwischen geschockt und angewiedert sehen, muss man in Ecuador einfach in einem kleinen Laden etwas kaufen, irgendwas kleines, und einen 20$ Schein auf den Tisch packen. Vielleicht auch in einem der Comedores lecker Almuerzo essen und danach im „Ich bin ein dummer Touri“-Stil den Schein auf den Tisch packen. Sie werden einen hassen. 20$ funktionieren oft zum schocken, 50 oder 100$ Scheine funktionieren immer. Was wie ein toller Spaß für langweiliges „Auf den Bus warten“ klingt, ist oft genug ne ziemliche Qual. Manchmal hat man eben nur einen 20$ Schein ( oder eben noch größer ) auf Täsch und Hunger oder Durst oder will halt einfach konsumieren. Was dann? Kreativität und das Ausnutzen guter Gelegenheiten hilft weiter. In größeren Hostels, vielleicht Hostels die eher von Ausländern angesteuert werden, kann man öfter wechseln. Oder in einem der eher seltenen Supermärkte, vielleicht auch in nem besseren Restaurant. Bei 20 oder 50er Scheinen geht das noch ganz gut. Bei 100$ kann man aber schon an seine Grenzen kommen, denn viele Geschäfte nehmen noch dazu aus Angst vor Fälschungen generell keine 100er Scheine an ( Ein Mal wollte mir einer nen 5er Schein nicht abnehmen, weil er meinte der wäre falsch. Ein paar Stunden später hab ich das Problem dann halt doch an eine andere arme Seele in nem anderen Laden weiter gegeben… ) und man muss vielleicht auf Western Union zurückgreifen. Selbst manche Banken nehmen keine 100er an, wenn man kein Konto bei ihnen hat! In Mindo hat unsere Hostelfrau für uns nen 100er auf ihr Konto eingezahlt und uns dann 20er abgehoben. Nach dem erfolgten Konsum mit größeren Scheinen zu bezahlen führt dazu, dass auf einmal das Interesse der Ecuadorianer am Auftreiben von Wechselgeld sprunghaft ansteigt und dann meistens auch irgendwer, irgendwo noch Wechselgeld hat. Das Auftreiben kann dann aber durchaus dauern ( In nem Restaurant am Strand musste der Kellner wegen unserer 20$ 5 Minuten lang Menschen am Strand angesprochen bis er fündig wurde ). Generell gilt: Wenn man irgendwo bezahlt und denkt: „Ey, die haben doch bestimmt Wechselgeld in der Kasse!“, dann muss man sofort seine Chance ergreifen, ansonsten steht man das nächste mal, wenn man zum Beispiel in einem Kackdorf mitten im Mangrovenwald ein Schiff bezahlen will, ziemlich doof da. Aber eine Frage bleibt: Wo ist das Wechselgeld, wenn nicht in den Kassen der Läden? Wer hat es gebunkert? Haben die Iluminaten etwas damit zu tun?

Privatführung

Für das Boot konnte ich glücklicherweise noch in einem Internetcafé in der Nähe das begehrte Wechselgeld auftreiben und wir konnten unsere Urwaldfahrt fortsetzen. Ich stehe vorne am Bug des kleinen Düsenjägers und genieße die Aussicht, vorbei an Pelikanen und Lianen, bis wir zu einem Dorf an der Mündung des Flusses kommen, der sich hier eine breite Schneise zum Pazifik gegraben hat.
Wir sind völlig geflashed von den Wäldern, die wir gesehen haben und wollen sie auch unbedingt mal von nahem betatschen. In dem Dorf, in dem wir anlegen, fragen wir deswegen erst mal ein wenig herum, ob man nich ne Tour organisieren könnte und tatsächlich gibt uns wer den Tipp, dass außerhalb des Dorfes jemand Touren anbietet. Im Dorf erklärt uns noch wer, dass nur ein mal am Tag ein Bus in die nächst größere Stadt fährt, und zwar in genau 20 Minuten. Aber wir haben ja nen Zelt dabei und Taxi kann man zur Not auch nehmen ( Später stellt sich heraus es gibt jede Stunde einen Bus…pfff ). Also wandern wir los, Richtung Dorfausgang. Da kommt auch schon der Kollege, der uns den Tipp gegeben hat, mit nem Krabbentransporter des Weges, gabelt uns auf und schmeißt uns außerhalb des Dorfes an einer Brücke heraus die über einen sich träge dahin schlängelnden, lehmig dicken Fluss führt. Neben der Brücke sind ein paar Häuser, die zu einer Art Informationszentrum zum nahe gelegenen Naturschutzgebiet gehören. Wir wandern also runter zu den Häusern und finden alles vollkommen verlassen vor. Ein wenig überwuchert mit Gestrüpp, die meisten Türen offen stehend und keine Menschen Seele weit und breit, sieht es so aus als wäre schon seit Jahren keiner mehr hier gewesen. Ein wenig enttäuscht schlendern wir zur Straße zurück und ich probiere mein Glück, indem ich den einarmigen Angler auf der Brücke nach den Führungen frage, und tatsächlich: Ein paar hundert Meter weiter die Straße herunter, nach links gehen, dann bis zu einem Dorf weiter gehen, das aus ein paar dutzend Häusern besteht, und nach Señor Rodriguez fragen. Gesagt, getan. Eher wir uns versehen, stehen wir im Wohnzimmer des Señors und seiner Frau, die uns lieber Weise Kaffee und Brötchen machen, bevor wir in seinem Kanu durch die Mangroven paddeln ( Rodriguez ist seit 10 Jahren Touristen Guide und die Station in der wir waren wird nur aufgemacht, wenn große Reisegruppen aufschlagen, die sich normalerweise auch vorher anmelden… ). Irgendwann, an einer schlammigen Stelle zwischen zwei Bäumen, die so aussieht wie jede andere, halten wir an, steigen aus ( Rodriguez immer mit seiner Machete voran ) und finden hinter dem nächsten Busch einen Holzweg, der uns mitten in den Wald führt. Wir sehen Krabben sich vor uns verstecken, riesige Termitennester auf den Ästen hängen ( Die dem lebenden Baum wohl nichts tun, nur die Toten Bäume zum anbeißen lecker finden ), klettern auf den Mangroven herum und unser Guide erzählt über den Wald ( der seit vielen Jahren unter Schutz steht ), zeigt uns die größten Bäume ( 60m ), erzählt über Abholzung ( Kommt noch vor, ist aber illegal und stark zurückgegangen ), zeigt uns irgendwelche Tierspuren ( Tiere des Mangrovenwaldes auf Spanisch…keine Ahnung ey ) und erzählt viele spannende Dinge. Leider sind Mangrovenwälder heute stark gefährdet und der, in dem wir uns hier befinden, ist wohl einer der letzten großen, die es in Ecuador noch gibt. Allein seit 1980 sollen 1/5 aller Mangrovenwälder weltweit verloren gegangen sein. Vor allem für Schrimpfarmen, von denen wir auf unseren Reisen übers Land entlang der Küste noch viele sehen werden ( große, rechteckige Wasserbecken in der Landschaft ), hat man die Mangroven abgeholzt.
Wir paddeln wieder über den Lehmfluss zurück ins Dorf und Rodriguez bringt uns dann noch bis zur Bushaltestelle und beauftragt einen Freund den er zufällig trifft und der in die Gleiche Richtung fährt, sicherzustellen, dass wir auch in den richtigen Bus einsteigen ( wahrscheinlich um sicher zu gehen, dass wir auch echt abhauen ). Weiter geht’s mit dem Bus die Küste Richtung Süden entlang bis zur Stadt Esmeraldas, wo wir nur den Bus wechseln und nochmal 45 Minuten fahren, bis wir in der Stadt ankommen, in der wir fast die ganzen nächsten 2 Wochen verbringen werden. Atacames, wir sind da!

Atacames nur für uns

Atacames ist eine seltsame Mischung. Mit seinen flachen Häusern, völlig wild zusammengewürfelten Baustilen ( mal rund, mal eckig, mal Außentreppen, manchmal Hoch, mal Blechdächer und dotiert mit Bauruinen ), rohen Häuserwänden ( Fassade nur vorne ), völlig fehlgeschlagenen Parks und viel nacktem Beton ist es eine typische ecuadorianische Kleinstadt, in der aus jeder Häuserecke Salsa und Merengue schallt. Durch seine Lage direkt am Meer, mit seinem langen Sandstrand, der durch die Gezeiten mal 20 und mal 100 Meter breit ist und links und rechts von Felsen begrenzt ist ( die man bei Ebbe umlaufen kann, um zum nächsten Dorf zu gelangen ), durch die Verkaufsbuden, die Bars und Restaurants, die sich am Strand entlang reihen und auch mit den überall am Strand auf Opfer lauernden Haarflechtern und Masseusen hat es etwas mediterranes ( ja,ja, bis auf Gezeiten…schon klar ), wie eine Stadt an der italienischen Küste. Und in der Hochsaison, wenn die Partyhungrigen sich neben den Erholungssuchenden Familien am Strand Kopf an Kopf drängen und Nachts die Bars und Straßen überquellen, ist es wie der ecuadorianische Ballermann. Ein parallel zum Strand verlaufender Fluss zerschneidet die Stadt außerdem in zwei Hälften: Die mediterrane Party Stadt auf der Strandseite und die ecuadorianische Kleinstadt auf der Inlandsseite.
Wir kommen während der Nebensaison an und das heißt wir haben die Stadt in den ersten Tagen quasi für uns allein. Morgens joggen gehen am Strand, danach Frühstücken und den Rest des Tages einfach konsequent nichts machen: Genau so sieht Entspannung aus. Wir beziehen Stellung in einem kleinen Hostel namens Chill-Inn, dass von einer sympathischen Schweizerin namens Yolanda und dem liebsten kleinen Hund dieser Welt ( Charmito, Charmelito, Charmi ) geführt wird. Keine zwei Minuten vom Strand entfernt, mediterran weiß verputzte Wände, 3 Etagen, griechische Säulen, ein Dach mit wunderbarer Aussicht, große offene und von Balustraden umrahmte Terrassen die zum entspannten Herumlungern einladen. Was will man mehr? Am ersten Abend organisieren wir ne Pulle Rum und heben einen zusammen mit Yolanda und ihrem Bruder, der gerade für ein paar Wochen zu Besuch hier weilt. Er ist…na sagen wir Lebenskünstler. Eine nie versiegende Quelle spannender Reiseberichte ( von Rastafari Partys in Trinidad und Tobago, über Saufgeschichten auf russischen Frachtern in den Philippinen bis zu Fluchtgeschichten aus Indien ), mit jahrelanger Erfahrung im die Welt Kennenlernen ( ein Mal 4 Jahre auf eigene Faust durch Asien ) und einem Lebensweg, wie man ihn selten zu hören bekommt. Seit acht Jahren ist er mit seinem Katamaran auf den Meeren dieser Welt unterwegs. Reisen und Leben als Beruf. Wie geil ist das denn?!
An einem Tag raffen wir uns noch auf und fahren mit dem Bus in die Dörfer Samé und Sua, in denen an den Stränden noch weniger los ist als in Atacames. In Samé sind wir wirklich die Einzigen an dem weiten, weißen Strand. Es gibt in Samé ein riesiges Touristenresort mit Bungalows und Wohnungen für die Urlaubswillige ecuadorianische Familie, das in diesen Tagen vollkommen verlassen zu sein scheint und es fühlt sich an als würden wir durch eine Geisterstadt wandern. Sua wird nur von einem großen Felsen vom Strand bei Atacames getrennt, den man bei Ebbe auch umlaufen kann.

Erdbeben und andere Unklücke im Paradies

Das erzählt uns zumindest ein verrückter Italiener, den wir am Strand in Sua treffen. Verrückt, weil er kaum ein klares Wort, geschweige denn vollständig ausformulierte Sätze herausbringt und wahrscheinlich ein nicht so kleines Alkoholproblem hat. Wir treffen ihn leider später in Atacames wieder und er erzählt uns 20 Minuten lang irgendwas über seine Fische und wir lassen uns von ihm breitschlagen uns doch am nächsten Tag Fisch am Hostel vorbei zu bringen. Manchmal kann man sich überschwänglicher Aufdringlichkeit nicht erwehren. Aber zum Glück kommt er nicht vorbei. Yoli erzählt, dass es einige Ausländer in Atacames und Umgebung gibt, denen die hiesige, paradiesische Atmosphäre psychisch nicht so gut bekommen ist, und die mittlerweile leider zu oft einen heben. Auch ein verlassenes deutsches Restaurant mit preußischem Reichsadler als Außenwandverzierung am Strand gibt wohl Zeugnis eines solchen Schicksals.
Wir sind jetzt am Rande des Gebietes, das am härtesten vom Erdbeben und den Nachbeben im April getroffen wurden und hören immer wieder Geschichten darüber. Atacames hatte noch Glück im Unglück und nur wenige Häuser wurden ernsthaft beschädigt. Im Chill-Inn blieb ein Riss zurück, in einem anderen Hotel hob es den Pool im zweiten Stock so stark nach oben, dass das gesamt Wasser herausgeschleudert wurde. In der Provinz sieht es wohl schlimmer aus und vor allem die, die sowieso wenig haben, wurden am Stärksten getroffen. Yoli erzählt, dass sie eine Hilfsorganisation namens „Amigos Solidarios de Atacames“ gegründet haben um Geld zu sammeln, mit dem sie einigen armen Familien, die hart getroffen wurden, dabei helfen möchten neu zu starten, vielleicht ein neues Haus zu bauen und wieder auf die Beine zu kommen. Bei Fahrten durch die Provinz sieht man überall die blauen Zelte und Planen des UNHCR und von chinesischen Hilfsorganisationen, die von den ersten Hilfsmaßnahmen nach dem Beben zeugen. Läuft man durch die Straßen sieht man oftmals Schilder mit der Aufschrift „Ruta de Evacuación“, bei denen wir uns am Anfang noch gefragt haben, was man denn warum evakuieren sollte?! Die ganze Stadt? Feuer? Häh? Es wurde uns klar, als wir so ein Schild fanden, zusammen mit dem Piktogramm einer Welle, die einen auf einen Berg rennenden Menschen verfolgt. Das ist die Tsunami Evakuationsroute, die zu nahe gelegenen Hügeln führt. Auch nach dem Beben im April und nach einem größeren Nachbeben wurde Tsunami Alarm ausgerufen und die Stadt wurde vorsorglich evakuiert. Glücklicherweise waren beide Male doch keine Wellen im Anmarsch. Yoli erzählt, dass es auch eine Evakuationsübung gab und man immer einen gepackten Notfallrucksack bereit halten sollte, um im Falle eines Bebens den sofort aufschnallen zu können, falls schnell evakuiert werden muss. Von einem Amerikaner, der schon einige Beben erlebt hat, lassen wir uns die Überlebenstipps für Beben geben: Immer unter stabilen Strukturen Schutz suchen. Vorzugsweise Türrahmen oder Durchgänge unter tragenden Wänden, weil die am ehesten stehen bleiben. Nur raus auf die Straße gehen, falls keine Gefahr besteht von irgendwelchen herunterfallenden Dingen getroffen zu werden.
Das Beben und La Crisis ( die ecuadorianische Wirtschaftskrise im allgemeinen ) haben dem Tourismus der Region verständlicher Weise ziemlich zugesetzt. Das Jahr war mau und es gab kaum Menschen die hier ihren Urlaub verbringen wollten und darum hoffen jetzt alle darauf, dass in der ersten Novemberwoche, wenn der Tag der Toten ( día de los defundos, da gibt’s leckeres, heißes Brombeergetränk namens colada morada…hmm ) und ein paar regionale Feiertage zusammentreffen, in Atacames die Touristenhölle losbricht. Sie sollten, zumindest aus unserer Perspektive, nicht enttäuscht werden.
Ein paar andere Traveler hatten uns vor einiger Zeit erzählt, dass sie ihre Reise damit verbringen an verschiedenen Orten zu arbeiten. Sie arbeiten dabei nicht unbedingt für Geld, sondern eher für andere Gegenleistungen wie zum Beispiel für die Unterkunft und Essen. Das ganze nennt sich Voluntariat und das Tätigkeitsfeld kann dabei genau so variieren wie die Arbeitszeiten und Gegenleistungen. Die Idee fanden wir, obwohl wir eigentlich stinkend faul sein wollten, irgendwie geil und wollten deshalb selber mal auf der Homepage die sie uns empfohlen hatten ( work away ) schauen, ob wir was passendes finden könnten. Und siehe da: Yoli und ihr Hostel suchen Volunteure! Weil wir, wenn schon nicht stinkend faul, so doch wenigstens parasitär-sparsam sind, dachten wir uns, wir sparen die 40$ Anmeldegebühr für die work away Seite und fragen Yoli direkt. Siehe da: Wir haben einen Job für die nächste Woche, die Woche in der Atacames aus allen Nähten platzen soll.

Mompiche, oder wie ich lernte Surferboys nicht zu vertrauen

Wir denken uns, bevor es so weit ist, brauchen wir auf jeden Fall nochmal Urlaub und darum fahren für ein paar Tage ins verschlafene Hippi Dorf Mompiche, zwei Stunden mit dem Bus von Atacames entfernt. Das Dorf besteht aus ganzen zwei Straßen, einer parallel zum Strand und einer zweiten senkrecht dazu und scheint nur für Touristen zu existieren. Die wenigen Einheimischen, die hier wohnen, arbeiten hier wahrscheinlich auch nur um der Touristen willen. Morgens fahren dutzende Fischerboote raus aufs Meer und Abends und Mittags gibt’s den Fang der Erfolgreichen auf den Tellern der Hungrigen. In Mompiche gibt es nichts zu tun, fast nichts zu sehen und keine sinnvolle Beschäftigung ( außer Surfen und das Einnehmen bewusstseinsverändernder Substanzen, zwei Dinge die auch wirklich alle hier machen, die Leute laufen auch am helllichten Tage mit dem Joint zwischen den Zähnen durch die Straßen…Klein Amsterdam, echt ey ). Das ist wahrscheinlich der Grund warum dieser Ort bei Aussteigern und denen die es werden wollen so beliebt ist. Von Aussteigern lebt dieses Dorf. Wir haben ein ukrainisches Mädchen getroffen, die hier ein Hostel gegründet hat und die wahrscheinlich besten Pancakes Ecuadors macht ( während man diese verspeist kann man wunderbar schauen, wie die Kolibris an den Pflanzen naschen ), und auch von einem weiteren Hostel wissen wir, dass es von Aussteigeramerikanern betrieben wird. Die Hostels sind äußerst liebevoll gemacht, fast alle komplett aus Bambusholzstämmen zusammen geschustert und Fenster sucht man hier vergeblich. Wir wohnen in der obersten „Etage“ eines Hostels, in einem Zimmer, das sie auf Holzpfeilern in das Dach über der Mitte der oberen Etage gebaut haben und das nur über eine wackelige Holzleiter erreichbar ist. Das Zimmer guckt aus dem Dach heraus, ist zu allen Seiten offen und besteht quasi nur aus einem Bett und einem Moskitonetz. Die ganze Zeit über hört man die Wellen des Pazifiks heranrauschen, weht einem der angenehm warme Wind um die Ohren und hat man einen tollen Blick über das Hippitreiben unten im Dorf. Es gibt ein Hostel am Strand, das man nur mit nassen Füßen erreichen kann weil man einen Fluss durchschreiten muss, der hier in den Pazifik fließt und über den es keine Brücke gibt. Bei Ebbe nasse Füße und bei Flut angeblich nass bis zur Brust. In der anderen Strandrichtung findet man eine Kokosnuss-Straßenhundeaufnahmestation und eine Klippe, die man bei Ebbe umwandern kann und auf deren Spitze ein Friedhof mit bester Aussicht für die Toten und Lebendigen ist.
Gleich am ersten Abend finden wir den Place to be hier in Mompiche. Die Bar eines ecuadorianischen Surferboys und seiner Crew. Sie machen direkt vor deinen Augen aus frisch gepressten oder zerstückelten tropischen Früchten die geilsten Cocktails, die du dir vorstellen kannst. Maracujá, Papaya, Naranjilla, Ananas…was auch immer. Geschmückt mit Muscheln, Fischknochen und hübschen Steinchen und mit nem Trockensurfbrett ( eine Rolle auf der ein Brett liegt ) zum Gleichgewicht üben. ( Ja, Gleichgewichtübungen in ner Bar. Kannste dir nich ausdenken sowas ) Nach zwei Abenden sind wir schon beinahe Profis im Trocken-Surfen. Am zweiten Abend machen wir mit dem Surferboy-Barbesitzer noch für den nächsten Morgen ne Urwaldtour klar. Um 6 Uhr morgens soll es losgehen ( darauf hat er bestanden! ). Es kommt, wie es kommen musste. Wir quälen uns aus dem Bett, doch Surferboy kommt natürlich nicht. Warum? Na weil er nen Surferboy is und ihm ne Bar gehört, is doch klar. Den ganzen Tag über sehen wir ihn auch nicht mehr im Dorf.
Wir wandern noch viel in der Gegend herum, jagen Krabben am Strand, versuchen ewig einen versteckten Strand mit schwarzem Sand zu finden ( Playa Negra, als wir ihn finden, finden wir auch einen verrottenden Babywal, der den ganzen Strand in eine dichte Duftglocke einhüllt ). Der schwarze Sand sind die Überreste des Titanabbaus an der Küste, der, wie die Besitzerin unseres Hostels erzählt, nach Protesten der Bewohner eingestellt wurde. Um zum Strand zu gelangen muss man immer noch ein großes Schild
mit der Aufschrift „Eintritt verboten“ passieren, oder wie die Hostelbesitzerin sagt: Das ecuadorianische Äquivalent zu „Herzlich Willkommen“. Wir wandern noch bis zu einer größeren Insel in der Nähe und lassen uns von einen übereifrigen Bootsfahrer übersetzen. Zuerst will er mit uns irgendeine Tour durch den Dschungel für 20 Dollar machen ( er zeigt uns Bilder von Delfinen in nem Betonbecken als Werbung für die Dschungeltour…muhaha ) und erst nach 5 Minuten können wir ihn davon überzeugen, uns einfach die 20 Meter mit seinem Boot für 50 Cent mitzunehmen ( Die Passanten drumherum machen sich fieser Weise den Spaß ihn auch zu verarschen, machen uns gegenüber skeptische Gesichter als sie auf ihn zeigen und rufen ihm Dinge hinterher, wie: „Jetzt knüpfst du ihnen bestimmt noch nen Dollar für die Überfahrt ab“… ). Die Insel selbst ist mit ihrem Touristenresort nicht so der Knüller, aber wenigstens mal gesehen. Man kommt ja auch nicht nach Mompiche um irgendwas zu machen. Im Gegensatz zu vielen Touristen, die wir getroffen haben und die 2 bis 3 Wochen hier versacken, müssen und wollen wir nach 2 Nächten wieder zurück nach Atacames, in die reale Welt. Die Arbeit ruft…

Arbeit im Paradies

Im unserem schweizerischen Hostel steht an, was halt so ansteht in nem Hostel. Wir stehen um acht auf dem Plan, putzen Klos und die Zimmer der Gäste, die Gemeinschaftsbereiche, eigentlich alles was man halt so putzen kann. Frühstück machen steht auch mal auf dem Plan, die Außenwände mit Terpentin von Farbflecken befreien, Einkaufen und mit Charmito Gassi gehen ( wenn wir nicht gerade seinen Urin irgendwo aufwischen…verdammte Hunde ), die Katzen bespielen ( ein teilt uns mit was sie von uns hält, als sie auf Mashas Rucksack pinkelt.. ) wenn die Chefin nicht da ist auch mal die Rezeption verwalten, dass heißt ans Telefon gehen und die neugierig von draußen durchs Tor schauenden Touris anquatschen und ins Haus locken, wir machen alles mal, was man in so nem Laden halt so machen kann. Atacames ist in diesen Tagen kaum wieder zu erkennen. Bin ich die Tage vorher Morgens quasi alleine am Strand joggen gewesen, drängen sich jetzt schon um sieben Uhr die Leute dicht an dicht ( Nachmittags, wenn die Sonne auch trotz Wolkendecke erbarmungslos verbrennt, Buddeln sich die Leute am Strand ihre eigenen Jakousis, in denen sie mit ihren Familien sitzen und ahmen damit die kleinen Schnecken am Strand nach, die das selbe machen wenn die Wellen kommen ) und die fliegenden Strandverkäufer, Zopfflechter und Masseure ( Die teilweise so aufdringlich sind, dass nur noch das Wegstoßen ihrer Hände von deinem Rücken sie davon abhält dich am Rücken zu vergewaltigen. Kommt man auf die Idee: Ey, ich hab nein gesagt, dann massiere mich halt, ich bezahl nich. Dem sei gesagt: Ihre Geldeintreibertrupps sind angeblich nie weit… ) haben sich über Nacht vervielfältigt. Die Straßen auf der Strandseite der Stadt sind voll von links bis rechts und es haben gefühlt alle 10 Meter neue Geschäfte, die es vorher noch nicht gab, die Rollläden hochgezogen. Sogar ein paar Bettler sind dieser Tage auf der Brücke aufgetaucht, die beide Stadtteile verbindet, um ihren Anteil vom ecuadorianischen Tourismus abzuzweigen. Wir versuchen unser Bestes, um das Hostel voll zubekommen, aber aus irgendwelchen Gründen will es nicht so richtig funktionieren. Die Preise sind wohl ein wenig höher als bei der Konkurrenz, aber dafür ist die Qualität halt nicht zu verachten. Eine ecuadorianische Familie mietet sich in dem größten Zimmer ein und sagt sie blieben 3 Tage. Sie können aber nur für 2 Tage im Voraus bezahlen und sagen sie würden das Geld für die letzte Nacht abheben. Einen Tag später darauf angesprochen kommt es plötzlich und unerwartet zu einem Notfall auf der Arbeit des Mannes und sie müssen dringend nach 2 Nächten zurück nach Hause. Aber wenigstens haben sie am letzten Tag noch Zeit gemütlich zum Strand zu gehen bevor sie abziehen sich um ihren Notfall zu kümmern. Hinter den offenstehenden Hecktüren eines Lasters, der gegenüber des Hostels parkt, beobachten wir auch ein mal Matratzen und andere Betteinrichtungen und spielende Kinder. Mobiles Familienhostel. Der Großteil der Touristen sind Ecuadorianer und wir sehen nur sehr wenige Ausländer. Wahrscheinlich sind alle die es gibt in unserem Hostel untergebracht währen dieser Zeit. Amerikaner, Kolumbianer, Schweden und Finnen ( die mir die geniale Idee klauen in Quito über Dezember Glühwein zu verkaufen…arrrg ). Wenn wir nicht putzen, vertreiben wir uns die Zeit damit, die ersten Surfstunden unseres Lebens bei Romario ( El Presidente, weil Präsident des Surfclubs. Sein Vater ist El Ministro. Keine Ahnung warum, macht aber sehr schönen Schmuck aus Meereszeugs für ansehnliche Preise von bis zu 2.000$ für ne Kette…wow! ) zu nehmen. Es macht unglaublich viel Spaß, auch wenn unsere Versuche aufzustehen noch nicht von Erfolg gekrönt waren. Highlight war bei mir bisher mit den Knien auf dem Brett die Welle herunter sausen. Wir werden das auf jeden Fall weiter verfolgen. Viele fahren auch mit ner kurzen Version von Surfbretts namens Body Board auf den Wellen herum, die man auch mal ausprobieren muss. Die Strömung sammelt hier jedes Jahr ein paar Menschenopfer für den Meeresgott und man muss aufpassen nicht zu weit heraus zu schwimmen. Mit Romario beobachten wie auch mal wie ein paar Leute es nicht mehr schaffen alleine zurück zu kommen und von Body Boardern geholt werden. Zum Glück gibt an allen Ecken und Enden Rettungsschwimmer, Body Boarder und Surfer. Da kann man sich ganz sicher fühlen. Bei einem kleinen Laden hinter der Brücke werden wir schnell Stammgäste und kaufen jeden Tag irgendwelche neuen Süßigkeiten, die die Leute hier selber machen und von denen man schnell abhängig werden kann. Selbst gemachte Schokolade puro ( 120% fuckin Schokolade!! Am besten mit den kleinen, intensiven Bananen genießen ), selbst gemachter Saft aus Rohrzucker ( leider machen sie selber keinen Rum, hab ich extra nachgefragt ) und Saft aus Kokosnuss verwöhnen hier den Gaumen. Wir probiern Cheviche, das traditionelle, kalte Fischsuppengericht Ecuadors, aber sind nicht so begeistert. Kann man mal machen, muss aber auch nich sein. Und wenn wir nich essen, surfen, baden oder arbeiten hängen wir mit den Leuten vom Hostel rum, verbringen feucht frühliche Abende im Waikiki ( der lokale Surferladen mit, wenn sie wollen, geiler Elektromusik und einer ecuadorianischen Besitzerin die einen in perfektem Schweizer Deutsch vollquatschen kann, wenn sie will ) oder in der Bar von Oscar ( einem guten Freund unserer Hostelbesitzerin, der auch bei uns wohnt ), der DJ ist und gerne mal hier und dort Techhouse auflegt, elegante y suabe! ( Als wir eines Abends im Vorhof des Hostels Musik auflegen und Masha mal zur Abwechslung was russisches Anmacht, stehen sofort 5 (Weiß-)Russen vor der Tür und sorgen für große Erheiterung…Leider brauchten sie kein Zimmer ). So vergeht die Woche viel zu schnell, die Hochsaison geht vorüber, die Touristen ziehen ab und am letzten Tag sind wir wieder die Einzigen im Hostel ( bis auf 2 stink reiche Amerikanische Touris, die mit ihren beiden (!!) ecuadorianischen Fahrern hier eine Nacht absteigen ) und in Atacames. Es war geil. Jetzt erst mal Urlaub.