Strandgeschichten

Lebenseinstellungen

Schritt für Schritt und Strand für Strand arbeiten wir uns in den nächsten Wochen Richtung Süden vor. Die ecuadorianische Küste ist, dass muss ich jetzt einfach mal loswerden: Richtig geil! Nur Eines sollte man nicht mitbringen: Stress. Der Bus kommt, wenn er halt kommt. Die nächste Welle bricht bestimmt auch morgen. Und überhaupt: Tranquilo! Auf dem Weg zur Playa Escondida, dem verstecken Strand, werden wir von einem Bus an einer staubigen Straßenkreuzung herausgeworfen. Es ist ein Dorf, das aus nicht viel mehr als ein paar Hütten aus Wellblech und Bambusholz besteht. Unter dem Vordach eines solchen Häuschens lassen wir uns nieder, um auf einen Bus ( oder halt n Dreirad, was auch immer uns vielleicht mitnimmt ) zu warten. Neben uns sitzen ein leicht übergewichtiger Mann ( ~150kg?! ) und ( da schätze ich ) seine Mutti, die ähnlich gebaut ist. Beide verlieren, der tropischen Hitze geschuldet, alle paar Minuten das Bewusstsein und knicken weg. Als sie kurz die Augen aufmachen, erklären sie uns, dass der nächste Bus in ner Stunde vorbei kommt. Nach so viel Anstrengung denken sie sich: Erst mal schlafen. In den nächsten Minuten wird, immer wenn etwas motorisiertes an uns vorbei fährt, Masha aufspringen und versuchen die Fahrer des Gefährts dazu zu bewegen uns mitzunehmen. Leider immer erfolglos. Während dessen öffnen die beiden Ecuadorianer jedes mal die Augen und gucken verständnislos Masha zu, bevor sie wieder in den Dämmerschlaf fallen. „Der Bus kommt doch irgendwann“, denken sie sich wahrscheinlich. „Wozu der Stress?“ Und ich? Ich schau mir das Schauspiel fieser weise auch an. Nur halt ohne die komatösen Zwischeneinlagen. Irgendwann, Masha ist leicht genervt, hält ein Bus neben uns ( nicht unserer, weil falsche Richtung ), der Fahrer kommt zu uns, weckt den Mann neben uns, und: Bestellt Mittagessen. Wir sitzen mitten in einem Comedor! Und der Typ, der immer einratzt, ist der Koch! Und ich bin hungrig. Wie geil. Also mach ichs dem Busfahrer gleich und bestelle leckeren, gebratenen Fisch. Direkt nach der Bestellung kommt natürlich, als hätte Murphy es vorausgesagt, der erste passende Bus vorbei. Ich kann Mashas Zorn mit Bissen vom Fisch und Reis besänftigen und siehe da: Sobald wir aufgegessen und bezahlt haben, hält ein Pick-Up neben uns und nimmt uns mit. Für lau und bis ans Ziel. Die Moral von der Geschicht? Wer chillt kommt entspannter ans Ziel. Und gesättigt obendrein.
Die Strände und die dazu gehörigen Dörfchen, die wir sehen, haben für jeden was zu bieten. Du willst völlig alleine sein ( Aber wirklich völlig! Spätestens wenn es dunkel wird, flüchten sogar die Mitarbeiter der Lodge. ), Nachts die Tiere des Waldes schreien hören und tagsüber an wilden Klippen herum oder durch vom Wasser geformte Höhlen hindurch von Strand zu Strand wandern, oder einfach faul im träge um dich herum plätschernden Wasser der Flut liegen, während die Sonne dich brutzelt? Dann fahr zur Playa Escondida. Wo, wenn nicht der dick gewachsene Wald den Strand abschließt, es mit dickem Wald bewachsene Klippen tun und wo von Wind und Wasser geformte Steinsäulen meterhoch aus dem Meer emporragen.

Puerto Lopez und andere Vögel

Wem das dann doch zu viel Einsamkeit ist, der kann es in Puerto Lopez probieren. Eine wunderbar typisches, ecuadorianisches Küstendörfchen, das an einer Bucht liegt, die von ins Meer hinausschießenden Klippen umrahmt wird und dem eine hübsche Strandpromenade spendiert wurde, an der sich ein Haufen gleich aussehender mini Cocktail Bars reiht. Tagsüber scheinen Vogelhorden den Himmel über dem Hafen zu verdunkeln, immer auf der Suche nach dem ein oder anderen Überbleibsel vom Fang der Fischer und hinter den Klippen und hinter dem Meer warten ein paar Abenteuer. Die Häuser entlang der durch das Dorf führenden Hauptstraße sind unscheinbare Flachbauten und es gibt ein paar kleine Läden mit Krimskrams, einen guten Bäcker und sogar einen Supermarkt. Fuck Yeah! Das ist beinahe Großstadtfeeling hier an der Küste. Aber nur beinahe, denn zur Zeit ist nicht viel los, was daran liegen könnte das wir wieder in der Nebensaison stecken, und so sind wir wieder fast die einzigen Ausländer in dem von einem Aussteiger-Amerikaner geführten Etablissement, in dem wir unterkommen. Der Hostelgarten ist riesig und beherbergt eine ganze Sammlung aus Tieren und Pflanzen. Von Hunden und der faulsten Katze der Welt über Schildkröten und Papageien bis hin zu einem Honigbär der hier herumlungert, tagsüber in seinem Häuschen schläft ( und sogar seine scheiß Tür selber zumacht!! ) und nachts neugierig alles beobachtet, was außerhalb seines Käfigs so abgeht ( und er liebt es gekrault zu werden ). Riesige Kakteen und Mangobäume wachsen irgendwo dazwischen. Langweilig muss einem hier in Puerto Lopez nicht werden. Hinter den Klippen im Westen breitet sich die Strände de los Freyes aus, die wir an einem Tag zusammen mit einem deutschen Pärchen ablaufen ( Sie leitet bei einem großen Autohersteller die Crashtestabteilung und erzählt tolle Geschichten über Männer, die schon mal weinen, wenn sie da Millionen Euro teure Prototypen gegen die Wand fahren…und ich hab gelernt es wird nur bis ungefähr 60km/h getestet. Das sind 2 Autos, die in ner 30er Zone zusammen prallen. Danach gibt’s keine Garantie mehr ). Im Inland wächst ein tropischer Trockenwald, den wir auf unseren Erkundungen durchschreiten. Weißes, ausgetrocknetes und undurchdringliches Gestrüpp und Bäume mit weißen Stämmen, völlig blätterlos, wuchern einem hier beinahe um den Hals. Nur selten punktiert mit einigen Kakteen und manchmal, wie zur Abwechslung hier und da verstreut, klebt vor einem ein Termitennest im Baum. Durch das Weiß und Grau sieht es aus, als hätte jemand Gandalf in nen Wald verwandelt, falls das irgendwie Sinn ergibt. Es scheint als wäre alles hier tot, oder kurz davor den Löffel abzugeben. Aber wenn es regnet, so erzählt man uns, platzen die ganzen altersweißen Äste auf und alles erstrahlt in blühenden Farben und saftige Blätter schmücken das Holz…Nur hats leider schon lange nicht geregnet. Ungefähr 3 Jahre lang nicht!!! Wir stehen kurz vor dem offiziellen Start der Regenzeit, die hier an der Küste und im südlichen, flachen Ecuador am 01.12. einsetzen soll ( in Quito und den Bergen schon früher ), und alle hoffen auf Nässe von oben. In den nächsten Wochen werden wir die Beschwerden über ausbleibende Regenfälle noch oft zu hören bekommen. Von Puerto Lopez bis Vilcabamba im Süden reden die Leute über die lange Trockenzeit und davon, wie dringend ein wenig Regen nötig wäre. Ich, als alter Klimaphysiker, werde bei solchen Geschichten und dem öfter fallenden Begriff El Niño natürlich stutzig.

Strände und so

El Niño ist die warme Ausprägung der ENSO, der El Niño-Souther Oscillation. ENSO ist ein Klimaphänomen, das auf direkte Weise mindestens 3 Kontinente ( Die Amerikas, Asien und Australien ) und ebenso viele Ozeane ( indischer, pazifischer und antarktischer) miteinander verbindet, dessen Auswirkungen aber am Ende die ganze Welt beeinflussen können. Normalerweise ( aber was is schon normal ) hängt über dem Ozean zwischen Australien und Indonesien ein Tiefdruckgebiet herum und vor der Küste Südamerikas ein Hochdruckgebiet. Winde wehen deshalb, weil von Hoch- zu Tiefdruck, von Amerika nach Australien und ziehen dabei das Wasser von der Küste Amerikas mit sich. Deshalb fließt hier, vor der amerikanischen Küste und vor allem ab Peru und südlich davon, die ganze Zeit „frisches“ Tiefenwasser an die Oberfläche nach, bevor es von den Winden nach Westen getrieben wird. Wasser aus der Tiefe ist kalt ( darum müssen wir, bevor wir nach Peru kommen, das warme Meer noch nutzen ), kaltes Wasser macht kalte Luft und kalte Luft bildet eher Tiefdruckgebiete aus. Auf dem Weg nach Westen wärmt die Sonne das Wasser und bei Indonesien sinkt das warme Oberflächenwasser langsam wieder in die Tiefen des Ozeans hinab. Nicht bevor es, weil es warm ist, dort für ein Hochdruckgebiet gesorgt hat. Das abgesunkene Wasser fließt in der Tiefe und Dunkelheit des Ozeans zurück zur amerikanischen Küste, kühlt sich auf dem Weg ab und taucht vor der Küste Perus, durch die Winde nach oben getrieben, wieder auf. ( Das nennt sich Humboldtstrom, nur so nebenbei ) Die Welt is halt nen Kreislauf. Das, was ich gerade beschrieben habe, ist die „La Niña“, oder die kalte Phase der ENSO, bezogen auf die Wassertemperaturen vor der peruanischen Küste. Während eines El Niño Phänomens kommt dieser Kreislauf zum erliegen, es wird nicht mehr so viel kaltes Wasser vor der Küste Perus nach oben getrieben ( warum weiß Mensch nich so genau ), weshalb das Wasser jetzt wärmer ist und der ganze Zyklus abschwächt oder ganz zusammenbricht. Weil das Wasser vor der Küste Amerikas jetzt wärmer wird, sollte die Luft theoretisch auch wärmer werden, aufsteigen und Wolken bilden und es sollte in Peru und auch in Ecuador regnen wie Hölle ( während in Indonesien und Australien das Tiefdruckgebiet verschwinden kann, was bei denen für gewaltige Dürren mit allem Drum und Dran sorgt ). Die letzten Jahre hatten wir hochoffizielle El Niño Phasen und in Peru gab es auch starke Regenfälle, aber aus irgendwelchen Gründen sind die Regenfälle in Ecuador ausgeblieben. Das ist halt das Problem mit Klima und Wetter. Alle Aussagen, die wir dazu machen sind immer relativ und Wetter hat in erster Näherung nichts mit Klima zu tun. Nur weil wir wissen, dass Winter ist, heißt das noch nich, dass es kalt wird. Nur weil wir wissen, dass wir in einer El Niño Phase stecken heißt das noch nicht, dass wir wissen, ob es in Ecuador regnen wird und nur weil wir wissen, wir haben globale Erwärmung, heißt das noch lange nich, dass es da, wo du wohnst, auch wärmer wird. Wetter als lokale und kurzzeitige Ausprägung globaler und langjähriger Klimaeffekte is zu komplex, um vorhergesagt zu werden, Klima hingegen können wir schon ganz gut…aber ich schweife ab. Auf jeden Fall siehts so aus, als gäbe es diesen Winter ein La Niña, aber wer weiß schon, was das für Ecuador bedeuten wird. Ich hoffe und tanze für ein wenig Regen.
Wem Strand pur auf lange Sicht zu dumm ist, der kann mit nem Tourikutter und ner Handvoll ( sehr enthusiastischer ) Reiseführer aufbrechen und die ein paar Kilometer vor der Küste bei Puerto Lopez gelegene Isla de la Plata ( Silberinsel – Angeblich hat Francis Drake, der klevere englische Typ mit dem ungewöhnlichen aber lukrativen Hobby, und der königlichen Lizenz, spanische Silberschiffe zu überfallen, hier seinen Shit versteckt ) zu erkunden. Die Insel heißt hier im Volksmund auch das Galapagos der Armen ( de los pobres ), das klingt in unseren Ohren natürlich wie ne Einladung und so lassen wir uns nicht zweimal bitten. Von zwei gewaltig röhrenden 300PS Außenbordmotoren getrieben, fliegen wir zur Insel. Wir sitzen direkt hinter den Motoren und bezahlen für die beste Aussicht auf dem Schiff mit der latenten Angst bei der nächsten Welle halt in die Motorbiester geschleudert zu werden. Aber irgendwas is ja immer und wir halten uns gut fest. Die ganze Insel ist ein Naturschutzgebiet und es brühten tausende Vögel ( Patos Azules – Blaufüßer – und Pelikane, die anderen hab ich vergessen. Googelt doch selber! ) auf den steilen, von Vogel Guano weiß gefärbten Hängen und riesige Schildkröten und bunte Fischchen schwimmen um die Klippen. Wir sind um die 20 Leutchen in der Gruppe und haben zwei Führer dabei. Der Chef ist ein witziger Kautz, der keine Gelegenheit auslässt uns ein Lachen auf die Lippen zu zaubern. Als er erklärt, warum es nur 4 Pelikane auf der Insel gibt ( und warum sie extra die halbe Insel für diese 4 absperren ) aber hunderte von Blaufüßern, stellt er schon mal in einer kleinen Theatereinlage deren Paarungsverhalten mit uns nach. Zum Glück sind die meisten Touris faule Amis und als es heißt, dass eine Gruppe eine lange Tour und eine Gruppe eine kurze Tour laufen kann und wir uns für die lange entscheiden, finden wir uns zu fünft mit dem zweiten Führer auf einer Privattour wieder. Vorbei an den wildbrütenden, blaufüßigen Biestern geht’s den Berg auf dieser baumlosen Insel hoch. Irgendwelche reichen Vögel haben die Insel wohl in den 60ern gekauft und wollten hier Landwirtschaft betreiben. Sie haben massenhaft Tiere her geschafft, aber nich daran gedacht, dass die armen Biester auch trinken müssen und Wasser auf so ner kleinen Insel, mitten im Meer, durchaus schwierig aufzutreiben sein kann. Es kam, wie es kommen musste und nachdem dieser glorreiche Einfall einer Geschäftsidee im Meer versunken war, wurde die Insel in ein Naturschutzgebiet verwandelt. Was geblieben ist, sind Tonnen von Ratten und Röhren mit Rattengift, die man überall im Gestrüpp finden kann. Die Vögelchen stört es nich ( die Giftröhren mein ich. Die Ratten werden sie schon stören, da die sich wahrscheinlich von lecker Ei und Vogelbaby ernähren ). Die Vögel stört im allgemeinen sowieso nich viel. Man kann auf einen halben Meter an so einen heran laufen, der inmitten eines aus seinem eigenen, weißen Kot geformten Kreises auf seinem Ei hockt, und ihm in die Augen schauen. Er wird zurück schauen, seinen Schnabel öffnen, als wolle er sagen „Was guckst du?“ und dann weiter machen, als wäre nix gewesen. Geile Viecher. Unser Führer ist, im Vergleich zu seinem Chef, eher von der konservativen Sorte, hat aber dennoch viel zu erzählen. Von seiner Gemeinschaft im Nationalpark Machalilla, gleich um die Ecke von Puerto Lopez und den heilenden Ölen, die sie herstellen. Nach tausenden brütenden Vögeln ( por todos lados ), Bäumen die früher mal Kakteen waren ( ja, so was gibt’s! ), ein paar vereinzelten Kolibris und überdimensionierten Hummeln der Größe von Spatzen, geht’s wieder zurück aufs Boot. Schnorcheln und Schildkröten füttern steht an. Wir locken die Tierchen mit Ananasschalen ans Boot, die sie gierig verschlingen. Aber merke: Wassermelonenschale ist nicht gut. Als ich ihnen ein Stück hinwerfe und der Chef es sieht, gibt’s ne Standpauke. Ups. Aber wir versöhnen uns wieder, als er herausfindet, dass Masha aus Russland ist. Alle sind total begeistert hier von Russland und von Fussball und davon dass bald Fussball WM in fuckin Russland ist. Und so reden wir irgendwie über Fussball, na ja er redet und ich nicke freundlich. Beim schnorcheln neben den Klippen gibt’s bis zum abwinken bunte Fischschwärme und Korallen zu sehen. Auf der Rückfahrt nimmt der Wind etwas Fahrt auf und die Wellen werden größer. Die Schiffcrew sagt zwar das wäre noch gar nichts, aber ich, altes Landei, fühl mich trotzdem richtig scheiße, versuche den Horizont im Blick zu halten und nicht unserem Guide vor die Füße zu reiern. Die Crew hat sichtlich Spaß daran mir und einem Mädchen, die sichtlich verstört wegen der Wellen ist, zuzuschauen. Fehlt nur noch dass sie Wetten abschließen, wer von uns als erstes zusammenbricht. Zurück am Festland danke ich dem Gott, der Boden erfunden hat und komme langsam wieder klar.

Hippster und Sklaven

Wem das noch zu wenig Action ist, der fährt nach Montañita, eine Stunde Busfahrt von Puerto Lopez entfernt. Montañita startete einst in den 70ern als abgeschiedenes Hippster-Aussteiger Dorf, wahrscheinlich so ähnlich wie Mompiche im Norden, hatte aber das Pech seiner eigenen Coolheit zum Opfer zu fallen. Anstatt klein, niedlich und abgeschieden zu sein, platzt Montañita aus allen Nähten. Überall Hostels, Hotels, Clubs, Restaurants, Shops und Surfbrettverleihe. Am Wochenende kommt jeder und alles hier her, um die berühmten Montañita Partys mitzuerleben. Wir haben das Pech, oder vielleicht auch das Glück, am Sonntag anzukommen, als die ganze Party schon vorbei ist und Katerstimmung in der Luft hängt. Aber wir sind gar nicht groß traurig darüber. Unser Hostel ist der Hammer. Es gibt einen Balkon vor unserem Zimmer mit zwei Hängematten, frischer Brise, netter Aussicht auf den Garten des Hostels und eigentlich keinen Grund die Matten zu verlassen. Joggen am Strand und hin und wieder auf eigene Faust etwas surfen gehören zu den Abwechslungen. Ein mal gelingt es mir tatsächlich auf dem Brett zu stehen. Für ungefähr 2 Sekunden. Yeah! Der Preis: Literweise Wasser schlucken und Blaue Flecken, wenn ich mal wieder nich aufgepasst hab und mir ne Welle das Brett gegen diverse Körperteile schlägt. Highlights sind die mobilen Cevicheverkäufer ( kalte Fischsuppe ), die Mittags am Strand auftauchen, ein Rettungsschwimmer, der mir aus Mitleid Surftipps am Strand gibt, und die riesigen, prähistorischen Leguane, die sich überall in der Stadt faul in der Sonne wälzen ( die Biester tarnen sich wunderbar auf dem Asphalt und es is nich nur ein Mal passiert, dass wir schon beinahe auf einem drauf standen bevor wir ihn, manchmal schreiend, bemerkten ). Die Stadt und ihre Bewohner sind das, was man in Berlin durchgentrifiziert nennt. Überall hängen geile Typen und Typinnen rum, die glauben den Sinn des Lebens im Surfen und Yogan gefunden zu haben und sich unter all den anderen Surfaussteigern pudelwohl und wunschlos glücklich fühlen und hier Wochen oder Monate verbringen können. Ich weiß ja gar nich genau, warum mich dieser Typ Reisende, dieser Menschenschlag, so sehr ärgert. Ich hänge ja schließlich auch wochenlang hier am Strand herum. Aber irgendwie bilde ich mir ein, wenigstens ein bisschen, hin und wieder, aussteigen zu können aus dieser Traumwelt bestehend aus Sinn entleerten Smalltalk Diskussionen und Selbstbestätigung in eigens dafür geschaffenen Tourifilterblasen. Filterblasen, die es einem erlauben nur noch mit gleichartigen Menschen rumzuhängen und in denen, wenn man erst mal in einer drin sitzt, einen die Welt außerhalb der brechenden Wellen nicht mehr tangieren muss. Aber viele Surferboys und -girls, genau wie übrigens die Esoterik Traveler ( deren Ziel es zu sein scheint sich so schnell wie möglich den erst besten Teilzeitschamanen zu schnappen, um sich Ayahuasca reinzuknallen…denn nur auf Droge kann man anscheinend so richtig spirituell und unkonventionell und Eins mit Gaya oder dem Mond sein ), scheinen halt keinen Wert darauf zu legen mal auszubrechen aus der Filterblase. Sie kommen wahrscheinlich extra der Filterblase wegen her. Sie bezahlen für ihre Filterblase. Vielleicht tue ich den armen Surfern und Esoterikern auch unrecht. Man soll ja nicht über anderer Leute leben urteilen, aber ich halte es nicht lange hier aus. Zu sehr Traumwelt. Zu wenig echtes Ecuador.
Nach ein paar Tagen ziehen wir also weiter. Ein Dorf namens Las Tunas ( Die Tunfische ) will noch ausprobiert werden. Es liegt nicht nur geographisch zwischen Montañita und Puerto Lopez, sondern auch was das Lebensgefühl angeht. Ein echtes einstraßiges ecuadorianisches Dorf, mit echten Ecuadorianern und entlang des Strandes die ein oder andere Unterkunft. Zum einkaufen muss man in die nächste Stadt fahren und ein paar kleine Stände am Rand der Straße bieten Gegrilltes an. Unsere Unterkunft ist ein großer Garten in dem Hütten ( Cabañas ) mit Bett und Bad als Unterkünfte dienen. Dazu gibt’s eigene Terrasse mit Hängematte und direkten Ausgang zum Meer und über dem Weg zum Meer haben sie eine Art Aussichtsplattform errichtet, auf die man rauf klettern kann und von wo aus man einen tollen Blick auf die Kunststücke der hiesigen Surferboys hat. Außerdem gibt’s einen großen, zu allen Seiten offenen Gemeinschaftsbereich mit Küche über dem das herrschaftliche Anwesen des Hostelbesitzers als zweite Etage errichtet wurde. Wir teilen uns das Hostel mit den 5 (!!!) Volunteers. Drei deutschsprachige Mädels ( ja, ich glaub der Hostelchef steht da drauf ) und 2 Typen, ein französischer Historiker und ein englischer Koch ( der kochend schon die ganze Welt bereist und anscheinend jede erdenkliche Küche von innen bearbeitet hat ), erledigen hier alle Jobs. Nach ein paar Tagen tun mir die Leute fast ein wenig leid und ich merke, wie viel Glück wir mit unserer Arbeit in Atacames und mit Yoli hatten. Der Sklaventreiber-Hostelchef lässt seine Volunteers bei der Arbeit schon ordentlich ranklotzen und gibt gerade mal eine Mahlzeit dafür am Tage her. Den Rest müssen die Leutchen selber bezahlen. Er ist wenigstens noch so gnädig ihnen zu erlauben die Surfbretts zu benutzen ohne dafür seine lächerlichen Preise bezahlen zu müssen ( Er will 15$/Tag. Ich leihe am ersten Tag für 2 Stunden ein Brett und quatsche mit einer Volunteurin ab dafür natürlich weniger als 15$ zu bezahlen. Als Chef wiederkommt, will er davon nix wissen. ). Aber was die Volunteers machen müssen ist noch gar nicht das schlimme. Für die ist es ja dennoch ne gute Gelegenheit günstig, fast umsonst, an nem unglaublich geilen Ort unterzukommen. Schlimmer finde ich, dass der Typ nicht einen Finger in seinem Hostel zu krümmen scheint und wirklich die ganze Arbeit an 5 unbezahlte Westeuropäer ausgegliedert hat, um auch sicher zu gehen wirklich niemandem im angrenzenden Dorf eine bezahlte Stelle geben zu müssen. Er hat, so erzählen die Mädels, seine Volunteersklavenarmee schon für die kommenden 6(!) Monate im Voraus organisiert, um auch wirklich sicher zu gehen, das er niemals irgendwen hier bezahlen muss. Aber das ist immer noch nicht das Schlimmste. Eine der Volunteurinnen erzählt uns davon wie überzeugt er sei, damit auch noch was Gutes für die Welt zu tun. Schließlich sei sein Hostel ein Ort, der von Menschen aus aller Welt gemeinsam, solidarisch und gleichberechtigt geschaffen und erhalten werde. Klar, das merke ich vor allem dann, wenn er seinen Volunteers wieder mal eine Standpauke hält, weil irgendwer das Licht nich ausgemacht hat als er es wollte, und das merk ich sofort, wenn ich darüber nachdenke wer hier die ganze Kohle einstreicht, während er auf seinem faulen Arsch liegt. Unglaublich solidarisch! Aber wer weiß, vielleicht seh das falsch ( oder mein Bias ist zu groß, weil der Typ mir das Brett nich billiger verleihen wollte ), die Volunteurin ist jedenfalls, vielleicht in ihrem jugendlichen Leichtsinn, von ihrem Chef überzeugt und lässt sich nicht auf Zweifel ein. Wir lernen zum Glück noch ein paar ecuadorianische Surferboys aus dem Dorf kennen, die immer Nachmittags in den Wellen vor dem Hostel ihre Bretter quälen und danach hier abhängen. Chiffle und seine Crew. In der Hauptsaison Surfen sie, geben Surfstunden und machen Surfvideos. Damit verdienen sie ihr Geld. Und jetzt, in der Nebensaison, ist halt nur surfen angesagt. Welch entspanntes Leben scheint das zu sein. Chiffle gibt uns den Tipp, die Klippe im Westen hochzuklettern, um die versteckten Buchten auf der anderen Seite zu entdecken. Er sagt noch extra: Nehmt feste Schuhe mit. Natürlich denk ich mir wieder: Was wissen die Einheimischen schon, und zieh in Flip Flops los. An der Klippe angekommen, können wir keinen echten Weg erkennen und wir fragen den Einheimischen, der neben eben jener Klippe wohnt, wo denn der Weg sei. Er zeigt direkt auf die Klippe ( bestimmt 40m hoch ), auf den Teil wo es 90° hoch geht, auf einen schmalen Streifen Geröll zwischen sonst soliden Wänden: Das ist der Weg. Und er freut sich sichtlich uns mitzuteilen, dass sogar die Alten Ladys diesen Weg gehen. Aber als er meine Schuhe sieht, winkt er ab. Damit lieber nich. Wir schauen uns den Weg dennoch an und klettern ein paar Meter, bevor wir vor einer 2 Meter Wand stehen, an der man sich an einem Seil hochziehen muss. Na so lebensmüde bin ich auch nich. Hoch ginge vielleicht noch, aber beim runterlaufen würd ich wahrscheinlich mit dem Kopf voran runter kommen. Wir entscheiden uns einfach und sicher den Strand bis zur Klippe am anderen Ende der Bucht abzulaufen. Vorbei an den mit Netzen bewaffneten Fischern, die in der kommenden Flut stehen und auf ihre Beute warten, vorbei an Schildern, die daran erinnern, dass man Schildkröteneier doch bitte nich ausbuddeln soll ( wir sehen nur eine große, tote Schildkröte am Strand liegen, die Geier schon um sie verteilt … und einen toten Delphin oder kleinen Wal … warum finden wir immer nur tote Tiere? ), vorbei an einer Art mini Mangrovenwald und zwei Dörfchen. Am Abend treffen wir Chiffle und seine Crew wieder. Chiffle hat Geburtstag und die Volunteers haben für ihn und seine Crew lecker gegrillt. Logischerweise hat uns der Engländer zur Runde eingeladen und nicht die Deutschen, die uns irgendwie entsetzte Blicke zuwerfen als wir uns setzen, nach dem Motto: Mit euch haben wir beim Essen abwägen nicht gerechnet! Typisch deutsch halt. Zum Glück für sie haben wir keinen Hunger, sondern Durst. Und Rum mitgebracht 😉 Spätestens als Chiffle loszieht, ein paar Kokusnüsse stibitzt und wir Kokusnusssaft gemixt mit Caña ( Selbstgebrannter aus Rohrzucker, der wie Wodka schmeckt ) trinken werden, auch die Deutschen lockerer. Ein Lagerfeuer am Meer rundet die Sache ab und die Cañaflaschen werden auch nicht voller.

Canoa

Wir könnten noch Wochen an der Küste abhängen. Joggen am Morgen, in der Hängematte chillen über Mittag, Surfen am Abend und mit Ecuadorianern einen heben in der Nacht. Welch feines Leben. Aber es ist natürlich nicht alles sonnig in diesem süßen Land. In Manta, einer etwas größeren Stadt an der Küste, stinkts zum Beispiel die ganze Zeit nach Klo ( Ohne Scheiß! Oder mit, wer weiß. In Puerto Lopez stinkt das Leitungswasser auch manchmal so und als ich den Hostelbesitzer danach frage, guckt er mich an und meint: Was für ein Gestank? Der glückliche riecht es nich mehr..), wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass hier ein großer Scheißefluss ins Meer gespült wird. Und was ist eigentlich mit Canoa, werdet ihr jetzt fragen. Ja, Canoa. Das ist so ein Thema. Canoa ist dort, wo das Epizentrum des Erdbebens im April war. Auf unserem Weg kommen wir da vorbei und verbringen eine Nacht. Es ist schon viel aufgeräumt worden, sicherlich, aber man sieht, dass dieses Dorf ordentlich mitgenommen wurde. Das Zentrum, ein etwas größerer Platz, besteht nur noch aus provisorischen Planen und Bretterbuden in denen ein paar Läden untergebracht wurden und überall sieht man Berlin-Style Lücken zwischen Häusern, Orte an denen früher wohl mal mehr als Nichts stand. Wir hören von diesem oder jenem Hostel, das beim Beben einstürzte und bei vielen Häusern die stehen blieben, sieht man Risse in den Wänden oder Löcher, da wo Wand sein sollte. Eine Brücke, die erst wenige Monate vor dem Beben in der Stadt erbaut wurde, ist eingestürzt. Anscheinend weil an den falschen Enden gespart wurde. An vielen Orten wird gebaut und gearbeitet. Aber zu Canoa und den Erdbebengeschichten später mehr. Ansonsten geht das Leben hier anscheinend einen gewohnten, gemächlichen Gang. Am fast menschenleeren Strand fischen die Fischer, surfen die Surfer und stehen die Bars und Hostels. Es ist Trumpwahl während wir in Canoa sind und ich hätte eigentlich erwartet, das irgendwo eine Wahlpartyabend stattfindet, aber es scheint einfach niemanden zu interessieren. Am nächsten Morgen handelt die Schlagzeile einer ecuadorianischen Zeitung, die wir in die Hände bekommen, von einem Exorzismus und dem Vatikan. Ach, süßes Ecuador!
Vielleicht noch für die, die sich fragen: Wieso reisen diese Idioten überhaupt durch ein Gebiet, wo ein Erdebeben stattgefunden hat? Haben die gar keine(n) Angst/Anstand/Pietät? Haben die Langeweile? Ich kann euch beruhigen. Erstens würde ich sagen: Scheiße, wir sind in den ANDEN! Unter unseren Füßen befinden sich die größten Risse im Arsch von Mutter Erde weit und breit und nicht umsonst nennt man die Gegend hier den (pazifischen) Feuerring. Erdbeben gehören hier zum Leben der Menschen wie Sonnenauf- und Untergang. Sie sind Teil dieser Welt und werden es immer sein und können und werden gerade hier halt auch jederzeit und überall auftauchen. Dem kann man sich überhaupt nicht entziehen und die Menschen hier leben schließlich damit, während ich ja nur zu Besuch bin. Mit dem Risiko kann ich also schon mal klar kommen. Außerdem entstehen Erdbeben schließlich dadurch, dass sie angestaute Spannung zwischen den Platten abbaut. Bevor ein weiteres großes Beben hier loslegen könnte, müsste sich also erst wieder eine Große Spannung aufbauen und das braucht meistens Zeit. Anders gesagt: Wahrscheinlich ist die Küste Ecuadors zur Zeit der sicherste Ort entlang des Feuerrings. Und die Menschen, die hier wohnen und die wir kennengelernt haben, freuen sich unglaublich Touristen zu sehen! Endlich Menschen, die in Zeiten von Wirtschaftskrise und Verlusten wieder Geld in die Gegend bringen. Ich hab keinen getroffen, der es auch nur ansatzweise als seltsam oder anstößig empfunden hätte, dass Menschen hier reisen. Ganz im Gegenteil. Das Leben muss schließlich weiter gehen und außerdem ( und zweitens ): Wir haben Bock auf Strand :)
Oder wir hatten. Nach so vielen Wochen ist es Zeit weiter zu fahren. Zurück in die Berge. Eine alte Bekannte ruft…

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