Berggeschichten

Alte und neue Freunde

Seit Wochen waren wir jetzt schon in Kontakt. Zuerst wollten wir Eibys, eine gute Freundin, die ich noch aus meiner Zeit auf Kuba kenne, in Quito treffen. Wie man das als gut organisierter Deutscher so macht, hatte ich ihr bereits lange vor der Reise geschrieben. Sie sagte, sie wohnte bereits seit einigen Jahren mit ihrem Freund und ihrer kleinen Tochter in Quito und ich dachte: Ey, da fahr ich doch auch hin. Super Gelegenheit! Und sie so: Ja, toll. Kommt vorbei, wenn ihr in Quito seid! Als wir dann in Quito waren und ich ihr schrieb, stellte sich auf einmal heraus: Sie wohnt gar nich in Quito, sondern ein paar hundert Kilometer weiter südlich. In einer Bergstadt namens Guaranda. Na guut, das hätte man vielleicht schon mal vorher kommunizieren können. Muss man aber auch nich. Wir sind ja hier schließlich in Lateinamerika. Heute ist mañana, Quito ist Guaranda und wir haben ja eh nichts besseres vor. Meine ( unbeabsichtigte ) Rache bestand darin, ihr seit unserer Ankunft an der Küste immer mal wieder zu versichern, wir wären in ein paar Tagen bei ihr, nur um unsere Ankunft dann doch wieder nach hinten zu verschieben, weil wir uns wieder in irgendeinen Strand verliebt hatten und uns mental noch nicht bereit fühlten in die kalten, regnerischen Berge zurückzukehren. Aber selbst wenn es sich um geplante Rache gehandelt hätte, wäre das definitiv der falsche Weg gewesen sich an einer Lateinamerikanerin zu rächen, denn es hat sie überhaupt nicht gestört, das wir unsere Ankunft immer mal wieder verschoben haben. Tranquilo und suave!
Die Fahrt von Las Tunas an der Küste bis Guaranda in den Bergen auf beinahe 2700m Höhe, ein Mal durch Guayaquil, die größte Stadt Ecuadors, hindurch, dauert fast einen ganzen Tag. Guayaquil haben wir uns extra gespart, weil so viele Menschen uns erzählten die Stadt wäre halt eine typische Arbeitergroßstadt, voll mit Menschen und Abgasen und das auch noch bei tropischer Küstenhitze. Also abgewunken. Das einzige, was wir von Guayaquil sehen ist der Busbahnhof, wo wir Nachmittags kurz Pause machen, futtern und den Bus wechseln. Als ich, mit geil-ich-bin-satt guter Laune im Essensbereich rumsitze ( ein großer, kreisrunder Saal um den herum alle möglichen Fressensbuden angeordnet sind und in dessen Mitte die Gemeinschaftsstühle und Tische für alle Geschäfte gemeinsam stehen…und ja, wir haben bei MCen zugeschlagen, verklagt uns doch! ) während Masha auf Toilette ist, ertönen auf einmal von überall her ohrenbetäubende Alarmsirenen und Lichter beginnen wie wild zu blinken. Alle im Saal schauen sich für einige Sekunden verdutzt um, vorsichtig darauf wartend ob es gleich wieder aufhört und darauf was die Anderen machen. Die Ersten stehen auf verlassen den Saal, fast rennend und immer mehr folgen ihnen. Ich denke an einen Feueralarm und will gerade los zur Toilette um Masha abzuholen, als der Alarm verstummt und die blinkenden Lichter wieder ausgehen. Langsam und vorsichtig abwartend gehen die Leute wieder zu ihren Tischen zurück, setzen sich und essen weiter. Komischer Feueralarm, denk ich mir noch. Tja, denkste Feueralarm. Das war das automatische Erdebebenwarnsystem des Busterminals. Es hat gewackelt und ich habs gar nicht mitbekommen. Masha kommt ein paar Minuten später ganz entspannt vom Klo zurück und wir fahren weiter.
Guaranda ist ein wunderbares Bergdörfchen. Ungefähr eintausend mal schöner als die Käffer, die sie uns im Reiseführer empfohlen haben, wie Otavalo oder Ibarra. Bunt bemalte, koloniale Hausfassaden, geschäftiges Treiben in den Straßen, Märkte voller neuer verrückter Obstsorten, Palmen auf den Plätzen und der schneebedeckte Gipfel des Chimborazo Vulkans im Hintergrund bilden die Kulisse dieses entspannten Örtchens. Als wir am Hauptplatz ankommen und die üblichen Warnungen vor fiesen Dieben und Halunken entgegennehmen, ist es schon dunkel und kalt und wir machen uns auf die Suche nach Eibys Wohnung. Ihre Beschreibung der Wohnungsadresse ist so, wie man es in Ecuador erwartet: Das Haus in der Nähe der Busgesellschaft so und so mit der Fassade, die aussieht wie aus Steinen gemacht. Wir geben unser bestes, aber am Ende müssen Eibys, ihre Tochter Sami und ihr Mann Santi uns doch abholen. Die Tanten von Santi, der Ecuadorianer ist, ist bei ihnen zu Besuch und wir unterhalten uns nett und, nachdem die Tanten verschwunden sind, lassen wir den Abend mit einer Flasche Rum mit Cola ausklingen ( hab ich schon erwähnt wie unglaublich teuer der Alk hier ist? Wir haben 20$ für eine Pulle bezahlt…zwar im Späti, aber dennoch huiii. Kein Wunder das hier eher pur trinken ). Als wir so im Wohnzimmer sitzen, quatschen und lachen, fährt auf einmal die U-Bahn unter uns hindurch. Nun, das ist zumindest der erste Gedanke der mir durch den Kopf schießt, als es anfängt zu wackeln. Aber natürlich gibt es in Guaranda keine U-Bahn. Es schüttelt uns ein wenig hin und her und bevor wir richtig begreifen was los ist, ist das Beben auch schon wieder vorbei. Santi meint, dass das etwas eine vier auf der Skala war, also ganz klein. Für meine Begriffe war es auf jeden Fall schon genug und wenn ich daran denke, dass das Beben an der Küste drei Punkte mehr waren auf der Skala und jeder Punkt ein zehn mal stärkeres Beben bedeutet, also das Beben an der Küste grob überschlagen 1.000 mal so stark war, wird mir schon ein wenig anders. ( Santi erzählt, dass die ganzen Überlebenstipps quatsch sind und eigentlich nur Glück und ein guter Statiker helfen )

Bergiges

Die Tanten von Santi laden uns extra ein um am nächsten Tag mit uns in das nahe gelegene Dorf Salinas ( die Salze ) zu fahren. Als wir hören, dass es da Schokolade und Käse gibt, lassen wir, zwei Parasiten, uns natürlich nicht zwei Mal bitten. Die Familie von Sami hat auch eine deutsche Austauschschülerin aufgenommen, die hier die 10. Klasse besucht und die, zusammen mit ihrem Gastbruder, uns begleitet. So fahren wir, die ganze Familie und wir beide, über tausend Kurven nach Salinas. Salinas ist ein kleines Dorf auf der Spitze eines Berges, mitten im Nirgendwo mit einer benachbarten Steinebene, in der durch irgendwelche geologischen Prozesse bis zu zwei Meter tiefe Löcher entstanden sind, in denen (blubberndes) Wasser bis Oberkante steht. Auf der Steinebene und am Rand der Löcher lagert sich Salz ab, dass wahrscheinlich aus den umliegenden Gesteinen ausgewaschen wurde?!?! Eine alte Frau mit Hacke steht am Rande der Ebene und hackt das Salz von den Steinen, dass sie dann in Plastiktüten, oder wahlweise auch Heu, wickeln und im Dorf verkaufen. Wenn man auf den Steinen steht, kann man das Wasser unter dem Felsen unter seinen Füßen rauschen hören. Im Dorf decken wir uns mit so viel leckerer Schokolade ein, wie wir tragen können, beobachten einen Hahnenkampf auf der Straße und futtern. Der Kampf findet zwar nur zwischen zwei Hähne statt, die man vergessen hat anzuleinen, aber immerhin. Als die Besitzer auftauchen, bereiten sie dem Treiben ein Ende. Die Ecuadorianer stehen im Allgemeinen aber wirklich auf Hahnenkämpfe. Das ist Volkssport hier und öfter sieht man Typen ihre Hähne abrichten, in dem sie einen anderen Hahn über den Kopf des ersten Hahnes halten, damit beide wild und ungehalten werden. ( Ein Mal im Bus sitzt einer neben mir, der sich stundenlang Fotos von Rassehähnen ansieht…lool ) Der Tag läuft mit Kaffee und Kuchen bei Santis Tanten aus und ich bin überwältigt von der Gastfreundschaft von allen hier. Eine der Verwandten ( die Ärztin ist ) stellt uns sogar noch ein Rezept für Malarone ( Malariaprophylaxe ) aus, das wir schon seit Monaten vergeblich in den ecuadorianischen Apotheken aufzustöbern versuchen. Super lieb von ihr, aber trotz ihres Tipps, dass wir das Zeug eher im Osten von Ecuador finden würden, da wo man näher an den Malariagebieten ist, bleibt ein Malariamittel zu finden bisher ein unlösbares Problem. Auch wenn wir in den Apotheken ihr Rezept zeigen, hilft es nicht weiter und wenn man nach Malariamitteln fragt bekommt man entweder abwinken oder aber den Tipp doch Vitamine zu nehmen ( so wie die ecuadorianische Armee das wohl auch handhabt….passive Abrüstung? ). Wer hier auch nur den Verdacht hat den Malariapreis gewonnen zu haben, muss sofort ins Krankenhaus und hoffen, vielleicht beten, dass die dort irgendwas auf Vorrat haben. In Guaranda gibt es noch das Denkmal und Museum eines indigenen Freiheitskämpfers zu bewundern. Ein Ort von wo aus man einen genialen Blick über Stadt und Chimborazo hat. Den letzten Abend kochen wir für unsere Gastgeber und wir arbeiten bis zum frühen Morgen mit ihnen und ihrem Nachbarn Don Julio ( der in Potsdam zur Zeit des Mauerfalls Philosophie studiert hat ) daran, soviel Rum wie möglich zu vernichten. Wir, Don Julio, Santi und Ich, ziehen irgendwann noch los, um Nachschub zu holen. Alle Geschäfte haben geschlossen ( weil Montag Abends nur die Alkoholiker saufen ), aber das ist natürlich kein Hindernis. An irgendeiner Tür wird geklopft und ein kleines Guckloch öffnet sich, durch das Geld und Rum die Hände wechseln. Die Resultate des Abends: Ein Kater ( Chuchaki ) der sich gewaschen hat und eine Einladung von Don Julio ihn nächsten August geschäftlich (!!!) nach Nordkorea zu begleiten. Mit dem Versprechen olle Kim Jong die Hand zu schütteln und die fiesen Lügen des Westens als solche zu enttarnen. Huh! Na mal schauen was daraus wird :)

Das Tor zum Dschungel

Die Tage waren toll, die Bergsonne hat uns die schwache Haut verbrannt, die Gastfreundschaft überwältigt und die Zeit verflog zu schnell. Wir ziehen weiter und lassen Guaranda hinter uns, nicht ohne uns gegenseitig zu versichern, dass wir uns bald wieder sehen ( Spätestens 2018 bei der WM in Russland. Man sind die hier alle verrückt nach Fußball in Russland!! ). Die Strecke, die jetzt vor uns liegt, auf dem Weg nach Baños, ist eine der Schönsten die wir bisher abgefahren haben ( Eigentlich sind von hier bis zur peruanischen Grenze im Süden alle Landschaften, an denen wir vorbei tuckern, unglaublich schön ). Der Bus klettert auf beinahe 5.000 Meter nach oben in die baumlose, kalte Hochebene namens Páramo. Vorbei an brennenden Feldern, vereinzelten einsamen Bauernhütten, gelegen mitten im Nichts der weiten Ebene, führt der Weg bis auf wenige Kilometer an die Gletscher des Chimburazo heran, die sich wie eine weiße Decke von dessen Gipfel herabschlängeln ( und wenn es richtig kalt wird auch schonmal die Straße bedecken ). Welche Aussicht! Und welch Leben muss das sein hier oben? Unvorstellbar. Nach ein paar Stunden nähern wir uns Baños und damit dem nächsten Vulkan auf unserer Reise, dem Tungurahua, der während wir uns der Stadt nähern langsam im Schatten der Nacht verschwindet.
Baños, damit sollte ich beginnen, bedeutet auf Spanisch eigentlich Bäder, wird aber umgangssprachlich verwendet um ein Klo zu benennen. Insofern liefert der Ort Baños schon mal von sich aus viel Grund zur leichten Erheiterung. Baños, dieser Ort der uns so oft wie kein zweiter hier in Ecuador zu besuchen empfohlen wurde, ist gelegen in einem Bergkessel, zu fast allen Seiten umringt von hohen, saftig grünen Hügeln, von denen Wasserfälle ( die heiligen Wasser ) in die Stadt stürzen und die Bäder versorgen, in denen sich die Einheimischen, die ecuadorianischen Touristen und die Traveler, die müden Knochen aufweichen lassen ( wir, Ignoranten die wir sind, schaffen es natürlich nicht die Bäder zu besuchen ). Hinter einem dieser grünen Hügel, vor neugierigen Augen verborgen, liegt der Tungurahua. Gleich am ersten Abend entdecken wir ein wirklich hübsches italienisches Restaurant in der Stadt ( etwas, dass in Ecuador sofort(!!) auffällt ) in dem wir einzigartige Spaghetti futtern ( jedes Essen, dass man hier findet und das mehr Gewürze als Salz enthält, führt in diesem Stadium zu Geschmacksorgasmen ) und wir freunden uns mit dem Besitzer Francesco an ( über sein Schachbrett. Er und Masha werden sich in den nächsten Tagen gnadenlose Gefächte liefern. Wer gewonnen hat verrate ich nich, bin doch nich blöd ). Francesco hat den Laden hier gerade vor ein paar Wochen eröffnet. Vorher hatte er ein Hostel in Canoa, das während des Erdbebens wirtschaftlichen Totalschaden erlitt. Er erzählt von dem Beben, von der Evakuierung danach, von Plünderungen und davon wie die ecuadorianischen Behörden fast zwei Tage gebraucht haben, um in diesem am schwersten betroffenen Gebiet aufzutauchen. Da Canoa ja an der Küste gelegen ist, müsste man sofort nach dem Beben evakuieren, um eventuellen Tsunamis zu entkommen ( die unter Umständen schon Minuten nach dem Beben loslegen können ), aber die Straßen waren bedeckt mit Stromleitungen und Laternen, was das Benutzen von Autos unmöglich machte und erst nach einer Stunde oder mehr hatten sie es zu einem Berg in der Nähe geschafft, von wo aus sie beobachten mussten, wie Feuer in der ansonsten in Dunkelheit gehüllten Stadt anfingen zu brennen. Nur zu verständlich, dass einige der Menschen, die das Beben erlebt haben, immer noch Nachts Panikattacken bekommen und glauben es ginge wieder von vorne los. Er zeigt uns noch das Video eines Internetcafés in Canoa, dessen Kamera eine eigene Stromversorgung hatte und die deswegen auch nach dem Beginn des Bebens und dem sofortigen Ausfall der Stromversorgung weiter filmte. Aber Vorsicht, das is echt nix für schwache Nerven. Wir verbringen den Abend jedenfalls über Gott und die Welt schwatzend mit Francesco und einem schottisch-schwedischen Pärchen und Francesco lädt uns alle ein ihn am nächsten Tag in seinem Lada in den Urwald zu begleiten. Baños ist das Tor, das die Berge Mittelecuadors mit den weiten Ebenen des Amazonasbassins verbindet. Da lassen wir uns natürlich, mal wieder, nicht zwei Mal einladen.
Wir treffen uns um acht Uhr Morgens vor Francescos Laden und das andere Pärchen, mit denen wir am Abend vorher noch über deutsche Detailverliebtheit bei Regeln und Vorschriften und deutsche Pünktlichkeit geredet hatten, taucht leider nicht auf. Wir suchen und finden extra noch ihr Hostel ( wir finden sie alle…muhahaha ) um festzustellen, das sie noch pennen. Tja, Pech gehabt. So nehmen wir zu dritt in Francescos Lada die tausend Höhenmeter in Angriff. Der Weg führt entlang einer breiten, von einem Fluss in die Berge gegrabenen Schlucht und alle paar Kilometer stürzt ein Wasserfall von den Bergen in die Tiefe und füttert den Fluss. Vorbei an dem nicht zufällig so heißenden Örtchen Shell ( gegründet von einer ganz unbekannten Firma, die hier die Ölressourcen ausbeutete ) und der brütend heißen Urwaldkleinstadt Puyo, fahren wir in den Wald. Wir schauen uns Kaymane in einem lehmig, braunen See an, klettern auf einen Hügel, von dem man einen schönen Blick über das Flussbett nebenan hat und auf dessen Spitze eine irgendwie provisorische Schaukel steht, mit der man sich über den 30m tiefen Abgrund schwingen kann, wenn man das unbedingt möchte ( wir sind feige und machens nich ). In der Ferne sieht man die letzten Ausläufer der Anden, von denen wir gerade gekommen und kann nur erahnen wie viel Wald zwischen hier und dem Atlantik noch liegen. Francesco erzählt, das sie hier vor kurzem eine Party mit DJs organisiert haben. Geeeil! ( Nicht so geil: Irgendwer dachte am nächsten Morgen es wäre ne gute Idee völlig drauf im Fluss schwimmen zu gehen, hatte die Rechnung wohl ohne die starke Strömung gemacht und wird jetzt nie wieder irgendwohin schwimmen ) Wir fahren an eine idyllische Stelle des Flusses, legen uns faul zwischen die von Wasser umspülten Steine und lassen uns von oben von der Sonne brutzeln, bevor es wieder zurück in die Berge geht. Irgendwann muss das Restaurant ja wieder aufgemacht werden und wir wollen schließlich auch unsere nächste Portion italienischer Pasta.
In Baños selbst kann man auch einiges erleben. Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg zur Vulkanschaukel. Auf der Kuppel eines der Hügel um Baños wohnte einst ( und wohnt immer noch ) ein Bauer, der hatte eine Hütte. Und er baute sich, einfach weil er Spaß daran hatte, ein Baumhaus direkt am Abgrund der Kuppel und an diesem Baumhaus befestigte er eine Schaukel. Auf dieser Schaukel schaukelnd glaubt man, wenn man jetzt springe, lande man mitten im Kegel des Vulkans. Und eines Tages, als der Vulkan mal wieder anfing Feuer und Asche zu spucken, schaukelte ein unbedarfter Besucher die Schaukel und ein unbekannter Fotograph hielt diesen historischen Schaukelmoment für die Ewigkeit fest. Seit diesem Tag sind der Fotograph und die Schaukel auf dem Hügel berühmt ( mehr oder weniger ) und die Touris, und damit natürlich auch wir, strömen in Scharen auf den Hügel um die Schaukel zu schaukeln und den Tungurahua zu bewundern. Der Weg nach unten, zurück in die Stadt, ist mindestens genau so abenteuerlich, wie die Schaukel selbst. Ecuadorianer habens nich so mit Schildern und auch Wegbeschreibungen von Einheimischen sind eher unterdurchschnittlich in ihrer Qualität ( siehe Adressbeschreibung in Guaranda ). Fragt man also zum Beispiel nach dem Wanderweg Richtung Baños bekommt man Antworten á la: Da hinten. Da vorne. Gleich hinter der Ecke. Damit kann dann schon mal gemeint sein: Lauf 400m in diese Richtung und pass auf, dass du dann auf der linken Seite auf diesen kleinen, steilen Weg achtest der unter Tonnen Gebüsch vergraben ist und sich den Abhang herunterschlängelt. Den musst du gehen. Na ja, da wir solche Beschreibungen leider nicht bekommen, suchen wir etwas länger. Der Weg ist jedenfalls aufregend, die Mountainbiker die hier Downhill machen sind wahnsinnig und ein Café, das wir hier entdecken hat von seinen Swimmingpools aus die geilste Aussicht auf Baños, das bestimmt 5 bis 600 Meter steilen Felsens unter unseren Füßen liegt, die man sich so vorstellen kann. Einen anderen Tag leihen wir uns auch Mountainbikes und fahren die Straße Richtung Puyo mit dem Fahrrad entlang ( natürlich den Teil der Bergab geht, Berghoch lassen wir uns von einem Transporter fürn Dolarito mitnehmen, wir sind doch nich Dumm :) ) um die Wasserfälle des Weges von nahem zu begutachten. Vor allem der Pailon del Diablo ist beeindruckend. Bestimmt 100 Meter tief stürzt hier das Wasser ( meine Fachmeinung als Physiker: 3-4 Badewannenfüllungen pro Sekunde ) in die Tiefe und man kann, durch wirklich enge Felsspalten kriechend, fast bis zum Kamm des Wasserfalls hoch klettern, wo dann die Wassermassen direkt über deinen Kopf hinweg sausen. Fätt! In der Kirche von Baños lernen wir außerdem, das dieser Ort ein ernsthaftes Problem mit fallenden Menschen und Feuern hat. Die Schutzpatronin hat alle Hände damit zu tun hier Menschen aus diesen Gefahrensituationen zu erretten und ihre Erfolgsgeschichten sind auf unzähligen Gemälden in der Kirche verewigt. Du fällst vom Seil in den Abgrund? Beten! Die Straße steht in Flammen weil der Tungurahua mal wieder Lava in die Stadt entsendet und du willst dein Haus retten? Gebet an die Eingangstür nageln hilft. Du hängst auf nem Baum rum und unter dir fließt zäh und unentspannt eben jene Lava entlang? Na, rate mal was zu tun ist.

Spontante Wege

Nach Tagen des Pasta essen und Schach spielen geht es weiter nach Süden, nach Cuenca. Die Strecke ist gesäumt von riesigen, kahlen Berggipfeln, die bis zu ihren Spitzen von Feldern und Terrassen übersät sind. So weit das Auge reicht, stundenlang, nichts als Berge. Hoch und runter und hoch und runter geht es mit dem Bus durch diese beeindruckende Landschaft. Wir fahren mit dem Bus durch ein Dorf namens Alausí. Wir hatten im Reiseführer von diesem Ort gelesen, davon das es hier eine Zugstrecke durch die Berge geben soll, und entscheiden uns einfach mal spontan hier rauszuspringen. Hübsches, kleines Bergnest ist dieses Alausí. Am Sonntag ist Markt und das Dorf füllt sich mit indigenen Bauern aus den umliegenden Dörfern die ihr Gemüse, ihr Fleisch, ihre Riesenschnecken, ihre Hüte und Kleider und was sie sonst so im Angebot haben verkaufen. Die Sonne brennt in dieser Höhe unerbittlich auf das gemütlich dahintreibende Dorf und es gibt anscheinend nicht viel zu tun, bis auf den Zug, den man hier nehmen kann. Ein historischer Zug schlängelt sich von hier eine der, oder vielleicht sogar die steilste Strecke der Welt hinab. Vor über 100 Jahren dachten irgendwelche Leute, dass es doch ne tolle Idee wäre ne Zugstrecke von der Küste Ecuadors bis in die Berge zu haben. Und so kauften sie alles was sie so dafür benötigten bei der damaligen de facto Weltmacht England ein. Von Gleisen aus London bis zu Sklaven aus der englischen Kolonie Jamaica gab es für Ecuador das Komplettpaket für weis der Geier wie viel Schulden, die sie den Engländern dafür abdrücken mussten. Die Strecke war anscheinend relativ leicht zu zimmern, zumindest bis sie zu den Bergen hier bei Alausí kamen. Ein Berg in der Nähe, die Naríz del Diabolo, sollte zu einer Schienenbau-technischen Meisterleistung und zum Grab für mindestens 4.000 Jamaicaner werden. Weil der Abstieg zu steil ist um einfach ein Gleis hinzuzimmern, hat man das Serpentinenprinzip auf Schienen angewandt, die man hier im Zick-Zack den Berghang hinunterführt. An einer jeden Ecke stoppt der Zug, um den nächsten Schienenabschnitt dann in entgegengesetzter Richtung weiterzufahren. Warum starben so viele Menschen beim Bau? Angeblich, laut Führer und Museum, weil die Leute zu blöd oder zu leichtsinnig im Umgang mit dem Dynamit waren, mit dem sie die Wege für die Schienen in die Bergflanken gebombt haben. So richtig glauben mag ich die Erklärung nicht. Da brauchts schon mehr als durchschnittliche Blödheit oder Skrupellosigkeit um 4.000 Menschen nach und nach mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Aber gut, wer weiß. Von Alausí kann man jedenfalls diese Strecke bis zur Naríz del Diablo ( Der Name bedeutet Nase des Teufels. Nase weil von einer bestimmten Position aus der Felsen wie ein Gesicht mit Nase aussieht. Und warum Teufel ist hoffentlich klar geworden. ) und wieder zurück fahren. Die Strecke führt an einem beinahe ausgetrocknetem Flussbett entlang und ist wirklich beeindruckend. Teilweise kann man, wenn man aus dem Fenster schaut, hundert Meter tief in den Abgrund neben einem blicken ( früher durfte man sogar auf dem Dach des Zuges mitfahren…nachdem der Teufel sich dann aber ein paar Touristen vom Dach geholt hat, hat man das aufgegeben ). Bei der Narís del Diablo erwarten uns dann ein paar Souvenirstände mit tanzenden Verkäufern ( keine Ahnung, warum sie tanzen müssen…sie tun mir irgendwie leid ), ein kleines Museum und ein Café mit Aussicht. Ganz nett, aber ob es die 30$ pro Ticket wert war für 3 Stunden Unterhaltung, ich weiß ja nicht.

Die Perle des Südens

Nach der Zugfahrt führen wir unsere den Tag vorher unterbrochene Strecke nach Cuenca weiter, dem Juwel des Südens. Eine wirklich schöne, große, koloniale Stadt mit dutzenden lohnenswerten Museen, einer herrlichen Altstadt, durch die man stundenlang spazieren kann. Früher, noch bevor die Inka, aus dem Süden Perus kommend, alles überrannten, gab es hier eine große Stadt des Volkes der Kanyari die Guapondelig hieß. Die Inka eroberten die Stadt und den Staat und verschleppten 100.000e Bewohner ins Exil in alle Ecken ihres riesigen Reiches. Das war, Stalin-Stil, ihre Art den Widerstand der Eroberten zu brechen. Sie warfen die Menschen aus vielen verschiedenen Regionen, mit vielen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und sprachlichen Wurzeln, zusammen in eine neue Umgebung und zwangen diese Menschen damit dazu ihr neues System und die Sprache der Inka ( das Quechua, das noch heute von den meisten Indigenen in den Bergen Ecuadors und Perus als Muttersprache gesprochen wird ) zu nutzen. Klassische imperiale Taktik. Danach errichteten die Inka hier die Stadt Tumipampa, die in ihrer Herrlichkeit und Größe nur von der Hauptstadt der Inka, dem weit entfernten Cusco, übertroffen worden sein soll. Als die Conquistadoren unter Pizarro in der Stadt eintrafen fanden sie jedoch, auch ohne ihr eigenes Zutun, nur noch verlassene Ruinen und stumme Zeugen vergangener Herrichkeit vor. Eine Erklärung ist, das die Bewohner Tumipampas während des einige Jahre zuvor tobenden Inka-Erbfolgekrieges die falsche Seite, die des Verlierers, wählten und dafür einen blutigen Preis zu bezahlen hatten. Eine andere Erklärung wären Seuchen, die von den Conquistadoren nach Südamerika gebracht wurden und das Reich der Inka entvölkerten noch bevor die ersten Conquistadoren das Reich selbst überhaupt betreten hatten. Aber dazu vielleicht später mehr. Die Heimatstadt des Chefs der spanischen Conquistadoren, die Tumipampa entdeckten, war ein Cuenca, das in Spanien liegt. Weil der Kollege offensichtlich unglaublich kreativ und einfallsreich war, dachte er sich es wäre doch ne tolle Idee die Stadt hier auch Cuenca zu nennen. Wir machen eigentlich nicht viel in der Stadt außer uns gefühlt hunderte Museen reinzuziehen. Wir sehen ein Museum über die Geschichte der Kanyari ( geführt von einer sehr netten Dame, die uns gleich eine Privatführung gibt ), über all die ethnischen Gruppen, die hier in Ecuador leben ( Oh mein Gott wie viele! Es hört überhaupt nicht auf! ) und ihre teilweise sehr seltsamen Gebräuche wie die Herstellung von Schrumpfköpfen. Es gab Gruppen in Amazonien, die das Hobby hatten, besiegten Feinden die Köpfe abzutrennen, ihnen die Haut abzuziehen, zu dünsten ( Kochen wäre wohl Anfängerfehler, weil dann die Haare abfallen ) und zu trocknen und danach mit Sand zu füllen. So hat man sich einen handlichen Schrumpfkopf gebastelt, dem man noch, bevor man ihn sich um den Hals oder ans Haus hängt, den Mund zunäht, um zu verhindern, dass der angepisste Geist des Feindes entweicht und grausige Rache nimmt. Die Inka und auch die Spanier die dieses Völkchen erobern wollten waren von diesem Hobby wohl beide leicht irritiert und verängstigt. Da hats seinen Zweck ja anscheinend erfüllt. Es gibt ein Museum über ein paar Ruinen der Inka ( eigentlich nur eine Mauer ), die man hier ausgebuddelt hat, ein Museum über moderne Kunst und es gibt ein Museum voll gestopft mit spannenden, tausende Jahre alten, seltsamen Skulpturen in Form von Monstern und Nackten, Vasen in Form von Tieren und einer Sammlung von Tonpenissen aus allen Ecken Ecuadors. Und das geile: Fast alle Museen sind kostenlos. So muss das sein in einem Land, das Wert auf seine Geschichte und Kultur legt. Wenn man keine Lust mehr hat, kann man sich hier in ein Restaurant setzen und die lokale Spezialität probieren: Cuy. In Deutschland auch bekannt als: Meerschweinchen. Also, ich weiß ja nich. Es ist wirklich nich viel dran an so nem kleinen Tierchen. Mehr Haut, Knochen und Knorpel als Fleisch und dann guckt es einen auch noch so urteilend an ( weil im ganzen, mit Augen, serviert nachdem es über der glühenden Kohle gebrutzelt wurde). Aber schon ganz lecker, auch wenn ich glaube, dass man beim auseinanderpuhlen mehr Energie verbraucht, als man beim Verdauen des Schweinchens aufnimmt.

100 Jährige Amerikaner

Man kann in Cuenca bestimmt noch viel mehr erleben, aber uns zieht es langsam aber sicher nach Peru und darum machen wir uns bald auf um weiter nach Süden zu fahren. Es geht nach Vilcabamba, dem sogenannten Tal der Hundertjährigen, wo die Einwohner offensichtlich steinalt werden sollen. Auf dem Weg treffen wir noch zwei Franzosen wieder, die wir aus Otavalo kennen und die gerade auf dem Weg zurück nach Norden sind. Die Welt ist ein Dorf. In Vilcabamba haben wir es, nach Quito zum erstem Mal wieder geschafft, eine Couchsurferin klar zu machen ( wir hatten für Baños noch jemanden an der Hand, aber der verlangte dann auf einmal, dass wir jeden Tag etwas für sein Haus kaufen und sauber machen, was an sich noch ginge, auch wenn es für CS seltsame Forderungen sind, aber dann meinte wir müssten auch noch in seinem Garten schlafen…vergiss es! ). Eine ältere Frau aus den USA bat uns ein ganzes Zimmer in ihrem wunderschönen, von zwei großen Schäferhunden und einem kleinen Was-Weiß-Ich-Was bewachten Haus an. Vilcabamba liegt in einem von grünen Hügeln umgebenen Tal, es ist heiß am Tage und angenehm warm in der Nacht, im Dorf ist überhaupt nichts los und man versteht sofort, warum die Leute hier alt werden. Witz ist nur, das es scheint nicht die Ecuadorianer werden hier alt, sondern US-Amerikaner und Kanadier. Es scheint das Tal der 100-Jährigen Amis zu sein. Ein bisschen, wie die Hippster-Aussteiger Dörfer an der Küste, Mompiche und Montanita, nur halt, altersgerecht für alt 68-er/69-er, ohne Wellen. Unsere Couchsurferin, die Susan, lebt ein bisschen außerhalb des Dorfes in einem noch tiefer liegenden Teil des Tals und nennt ein unheimlich schönes Grundstück mit blühendem Garten inmitten von Bergen und tropischer Hitze ihr Eigen ( ein Grundstück mit Haus gibt’s hier ab 30 bis 40.000$ ) und ist unheimlich sympathisch und offenherzig. Sie ist gerade seit 4 Tagen bei Couchsurfing, wir sind ihre ersten Gäste und versuchen natürlich alles die Latte für die nächsten Gäste so weit hoch wie möglich zu legen. Wir kochen für sie Spaghetti-Gorbatschow und reden stundenlang über Gott und die Welt. Sie hat schon überall auf Welt gelebt, von Südkorea über Kuwait bis Ecuador, wo sie nicht gelebt hat, ist sie schon mal durchgereist und sie würde überall hin fahren, nur nich zurück in die Staaten, vor allem wo jetzt, ihrer Meinung nach, ein wahnsinniger Faschisten-Psychopath an der Macht ist. Ich versuche ihr zu erklären, dass meiner Meinung nach Obama gar nich so viel weniger psychopathische Politik betrieben hat, als dass, was uns jetzt wohl erwartet und, wie zu erwarten, diskutieren wir lange. Sie nimmt uns in ihrem kleinen, fast auseinander fallenden mini Pick-Up mit in die Stadt. An jeder Ecke halten wir an, weil sie einen anderen Rentner-Ami oder -Kanadier kennt ( aber sie kennt auch genug Einheimische…wirklich viele Begegnungen! ), den sie uns vorstellt und so lernen auch wir langsam aber sicher das ganze Aussteigerdorf kennen. Sie fährt mit uns hoch in die Berge zu einem Bergflüsschen und zeigt uns die schönsten Aussichten auf das Dorf unten im Tal. Wir fahren zu den Menschen, die den Müll des Dorfes sammeln und nach verwertbaren Dingen durchsuchen, sie erzählt wie die betuchteren Bewohner des Dorfes auch trotz der Dürrezeit der letzten Jahre, als den Leuten im tiefen Tal schon mal das Wasser abgestellt wurde, ihre Pools bis zur Oberkante füllten und wir lernen ihren ecuadorianischen Nachbarn kennen, der gerade eine Öko-Lodge aufbaut um nachhaltigen Tourismus im Tal zu unterstützen. Es sind unglaublich intensive Tage und ich glaube ich muss erst noch verarbeiten, was wir hier so erlebt haben. Wir fühlen uns jedenfalls sehr wohl und sind unsicher, ob wir nicht noch bleiben sollen, aber entscheiden uns jetzt doch endlich weiter zu fahren und die Grenze nach Peru zu überqueren. Wir verabschieden uns also und steigen in den Bus Richtung Grenze. Es sind von hier ungefähr 140km bis zur Grenze und wir denken uns: Kann ja nicht so lange dauern. Tja, denkste. Nach einigen Kilometern verschwindet die geteerte Straße und für den Rest der Tour liegt Schotterpiste vor uns. Mal breiter und mal schmaler schlängeln wir uns in unserem Reisebus die dicht bewachsenen Berge hoch und runter, an Wasserfällen vorbei und über Flüsse hinweg. Der Abgrund neben uns jagt uns hin und wieder einen ordentlichen Schrecken ein ( Merke: Wenn die Einheimischen anfangen aus dem Fenster auf den Abgrund zu schauen dann wird es ernst ) aber unser Busfahrer ist voll bei der Sache und scheint zu wissen, was er da tut. So tuckern wir 6 Stunden lang über die Berge. Wir kriechen einen Berg nach dem anderen hoch bis zum Gipfel, bis wir von oben die Schneise beobachten können, die unser Weg an den Berghängen entlang hinterlässt, nur um dann eine Kurve zu fahren und die andere Seite des Berges wieder hinunter zu schleichen. Grüne Urwald-Berge so weit das Auge reicht. Ich hätte nie gedacht, dass es irgendwo so viele Berge gibt wie hier ( und in jedem noch so abgeschiedenen Nest auf nem Gipfel, das aus 3 Häusern besteht gibt’s ne Stromleitung! Hätt ich nich gedacht und is bestimmt neu, schätz ich mal ). In einem kleinen Dorf namens Zumba übernachten wir und nehmen am nächsten Morgen ein Camioñeta ( ein Lasterchen ), einen auf der Ladefläche links und rechts offenen Kleinlaster, auf dem man einige Holzbretter zum Sitzen befestigt hat, bis zur Grenze. Der Schotterstraße und der Landschaft von gestern folgen wir für zwei weitere Stunden, nur das dieses Mal keine Fensterscheiben mehr zwischen uns, den Aussichten und den Abgründen ( die teilweise gleichzeitig links und rechts auftauchen ) stehen. Die Grenze sieht hier genau so aus, wie man sich eine Grenze nach so einer Fahrt vorstellt. Eine Brücke über einen Fluss und wir sind die beiden einzigen Gringos die nach Peru hinüber wollen und die Grenzformalitäten erledigen müssen ( die Einheimischen können in Südamerika, wie wir in Europa, ohne Grenzkontrollen von einem Land ins andere hinüber laufen ). Obwohl müssen auch übertrieben ist. Niemand zwingt einen ins Grenzhäuschen zu gehen und die Grenzbrücke wird nur von in der Sonne trocknenden Unterhosen auf der Wäscheleine bewacht. Im Häuschen selber müssen wir den Grenzbeamten, der gerade nicht da ist, rufen und noch 10 Minuten warten, bis er endlich Zeit für uns hat und aus seinem Hinterraum auftaucht, um uns die Ausreisestempel zu stempeln. Zum Glück hat mans nicht eilig, wenn man schon bis hierher vordringt.

Ciao Ecuador

Ich werd dieses kleine, verrückte Land definitiv vermissen. Das super Serviceangebot in den Bussen, wo immer Leute einsteigen um einem alle Annehmlichkeiten, die man so für die Fahrt braucht, zu verkaufen. Von Getränken bis ganzen Mittagsgerichten, von Chiffles ( die fritierten Bananenscheiben, von denen ich hier abhängig geworden bin ) über Filme bis hin zu Kosmetikprodukten bekommt man einfach alles ( die Verkäufer werden einsteigen, ein paar Produkte verteilen, einen 10 minütigen Verkaufsmonolog halten, bei dem man zuhören muss und dann kann man halt kaufen ). Sogar ne Show wird hin und wieder geboten. Gitarrenspieler und ein mal sogar ein Rapper der sich von vorne bis hinten durcharbeitete und jedem Fahrgast mit ein paar eigens spontan gedichteten Zeilen bedachte ( ich hab natürlich das Harry Potter Label abbekommen ). Ich werds vermissen. Auch die Denkmäler auf Ecuadors Straßen werd ich vermissen. Noch nie habe ich ein Land kennengelernt, in dem nicht Kriegstreiber und Kriegsgerät den Stoff für Denkmäler stellte, sondern Figuren, die tanzende Menschen, Palmen, riesige Maiskolben, Bauern und Angler zeigen. Und das sie alles verniedlichen müssen, die Ecuadorianer! Angefangen bei so Dingen wie un dolarito ( nur ein dollarchen! ) wird das Verniedlichen bei Wörtern wie ahíta ( dortchen ), ahorita ( jetztchen ) und casita ( fastchen ) einfach auf die Spitze des menschlich möglichen getrieben. Für die einen ein pain in the ass und für mich Ausdruck eines grundsymphatischen Menschenschlags. Aber es ist ja nich alles Honigschlürfen. So kann man sich schon mal darüber aufregen, das man zum Beispiel wieder in die Falsche Richtung geschickt wurde, wenn man jemanden nach dem Weg gefragt hat. Das ging ein mal so weit, das wir jemanden nach dem Weg zum Hostel X gefragt haben und der Typ auf ein Gebäude hinter uns zeigte, auf dem groß Hostel Y stand, und meinte: Ja, es is das. Und wir so: Aber da steht doch Y? Und er so: Ja, ja, genau. Keine Fragen mehr, Herr Richter. Oder man regt sich darüber auf, dass der Taxifahrer mit dem man ausgemacht hat, dass er einen abholt, nicht aufkreuzt ( dafür hat man dann aber vielleicht Spaß beim Trampen ), oder darüber, dass die Ecuadorianer manchmal einfach zu übereifrig sind. Wenn zum Beispiel der Sicherheitsbeamte der Bank unbedingt darauf besteht, dass man nur einzeln vor dem Panzerglasschalter steht oder darauf, das man sein Geld nicht vor dem Schalter, sondern daneben zählt. Oder dass die Busfahrer niemals für mehr als 5 Sekunden anhalten können und dann sofort wieder aufs Gas drücken ( was bedeutet, das die arme Sau, die die Koffer einräumt, wieder rennen muss, um in den fahrenden Bus zu springen ). Auch Freunde zu machen scheint nicht leicht zu sein in Ecuador und Vertrauen außerhalb der eigenen Familie etwas Seltenes. So viele Geschichten über geplatzte Geschäftsideen und wegen Geld verlorenem Vertrauen und Freundschaften. Aber vielleicht gibt’s das in Deutschland genau so oft und ich hab es nur noch nicht erlebt. Man kann sich darüber aufregen, dass für uns einfache Dinge, wie irgendwo Geld zu tauschen oder Wechselgeld aufzutreiben oder bestimmte Medikamente zu finden, so schwierig ist. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, sind das alles Kleinigkeiten und Bagatellen. Wenn das jemanden jucken sollte, dann nicht uns Touristen, sondern eigentlich die Ecuadorianer. Aber die nehmen anscheinend so ziemlich alles mit fast stoischer Gleichgültigkeit, oder besser Gelassenheit, hin und ertragen lieber anstatt offen zu zeigen, dass ihnen etwas nicht passt. Höchstens die Wirtschaftskrise und der Präsident scheinen als Abnutzungsobjekte zu funktionieren. So viele, die sich beschweren über die Wirtschaft. So viele, die den armen Chinesen oder dem Präsidenten oder beiden die Schuld daran geben. Obwohl sie im selben Atemzug anerkennen müssen, das eben jene Chinesen zum Beispiel die tollen Straßen in diesem Land gebaut haben und das eben jener Präsident so viel für dieses Land erreicht hat wie kaum einer vor ihm. Dennoch meinen viele, dass ihm der Erfolg der letzten Jahre zu Kopf gestiegen ist. Man merkts, wenn er mal wieder mitten auf der Straße in Quito aus seinem Autokonvoi aussteigt um einen Jungen anzubrüllen, der es gewagt hat, ihm bei der Vorbeifahrt den Stinkefinger zuzuwerfen ( nächstes Jahr tritt ein Freihandelsabkommen zwischen EU und Ecuador in Kraft und vielleicht, so hoffen viele, wird dann einiges besser. Ich bin da ja eher skeptisch. Aber wenigstens brauchen die Ecuadorianer dann kein Visum mehr, um nach Europa zu kommen… ). Aber das Leben ist halt nicht schwarz-weiß.
So viel geht mir durch den Kopf, als ich die Brücke nach Peru überquere. Peru, du musst dich ganz schön anstrengen, um das kleine Ecuador zu toppen. Ich freu mich drauf und betrete die neu beginnende Asphaltstraße auf der anderen Seite der Grenzbrücke.

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