Die Vergangenheit lebt

Dieses Land der Widersprüche ist ein Ort voller gewaltiger Gebirge und Abgrund-tiefer Schluchten. Es ist voller Reichtum und gleichzeitig gefüllt mit bitterer Armut. Auf der einen Seite der Gebirge breiten sich die vor Leben platzenden Wälder aus, während auf der anderen Seite eine knochentrockene Wüste alles Atmende zu verschlingen scheint.

Eine Zehntausend-Jährige Geschichte, kein Ort an dem man nicht über Ruinen liefe, und trotzdem Menschen die voll und ganz im Hier und Jetzt leben. Land mit ungewisser Zukunft und einer Vergangenheit, die sich einfachen Interpretationen um so mehr verschließt, je tiefer man buddelt.

Eine Wiege der Menschheit

Und gebuddelt wurde tief, hier in Perú (nur echt mit Strich überm u). Um von den Gebirgen zur Küste zu gelangen, muss man einem der Flüsse folgen, die die Wassermassen, die über den Anden niedergehen, Richtung Pazifik leiten (das Wasser, das die andere Seite der Berge herunter fließt, bildet dann den gewaltigsten Strom dieses Planeten, der sich dann bis zum Atlantik schlängelt). Über Millionen von Jahren haben sich diese Flüsse ihre Täler gegraben, die in unregelmäßigen Abständen von den Bergen bis zum Pazifik führen. Die Küstenregion Perus, das muss man dazu sagen, ist eines der trockensten Gebiete der Erde und die Atacama Wüste, die im Norden Chiles daran anschließt, ist das trockenste Gebiet der Erde. Der eisige Humboldtstrom (und es ist wirklich fuckin eisig hier zu baden!!), der hier aus der Tiefe des Ozeans aufsteigt, verhindert. dass sich Wolken bilden, und wo keine Wolken, da kein Regen. Die Berge schirmen die Küste zusätzlich von allem ab, was die Regenwälder im Osten an Wasser schicken könnten, und so besteht die peruanische Küste aus nicht viel mehr als Sand und Steinen. Im Norden ist die Landschaft noch eher eine steinige Ebene, die sich bis zum Horizont ausbreitet und hin und wieder dotiert ist mit kargen Felsen, die wie Wachtürme auf der Ebene sitzen. Je weiter man nach Süden kommt, desto mehr scheinen die Felsen ihrem zermahlenem Pendant zu weichen: Sand. Würde man einem Alien eine Weltkarte vorlegen und es bitten eine Liste der am besten geeigneten Orte für eine Hochkultur anzufertigen, diese Gegend würde wohl ganz am Ende auftauchen, wenn überhaupt. Und dennoch ist hier vor wahrscheinlich über 5.000 Jahren eine der (wenn nicht sogar die) ersten Städte der Menschheitsgeschichte erbaut worden: Caral. Als die Pyramiden von Ägypten noch der feuchte Traum eines ungeborenen Pharaos waren und Menschen nur in Sumer in den Genuss des Großstädtischen Lebens einer Metropolis kamen, hat hier eine Kultur, deren Namen wir heute nicht mehr kennen, begonnen ihren Göttern (und damit eigentlich ihren Priestern) dutzende, ziemlich gut erhaltene, Pyramiden aus Stein zu errichten. Die Stadt liegt 3 Stunden nördlich von Lima, etwa in der Mitte Perus, im Tal eines der Flüsse. die sich von den Anden Richtung Pazifik winden und damit am einzig denkbaren Ort in dieser Gegend, an der man überhaupt auf die Idee kommen würde zu leben. Umgeben von nackten Felsen, liegt die Stadt auf einem Plateau, etwa 20 km Inland, von dem aus man das Flussbett und die sich darum und entlang des Flusses anordnenden Felder der Bauern vorzüglich beobachten kann. Die Bauern nutzen hier wahrscheinlich immer noch Bewässerungsanlagen, die bereits von dieser uralten Zivilisation in den staubtrockenen Boden gegraben wurden. Im Rücken der Stadt erhebt sich eine etwa 50 Meter hohe Sanddüne, die ich natürlich sofort besteige, als ich sie sehe. Ist schließlich die erste Sanddüne in meinem Leben. Ein paar Minuten später braust auch schon ein Polizeimotorrad wild hupend über die steinige Piste zur Düne heran, um mich herunter zu holen. Der Polizist macht mir klar, dass es nich gern gesehen wird auf der Düne herumzuklettern. Später erfahren wir auch den Grund: bis heute hat man nicht ein einziges zu dieser Stadt gehörendes Grab entdeckt und sucht deswegen immer noch verzweifelt nach dem dazugehörigen Friedhof: Man vermutet ihn unter der Sanddüne. Hups. Die Zivilisation, die hier gesiedelt hat, hinterließ nicht nur diese eine Siedlung, sondern dutzende vergleichbare entlang dieses und der benachbarten Flüsse und bildete eine Zivilisation, die im Großen und Ganzen mehr Menschen ein zu Hause geboten zu haben scheint als Ur in Sumer (im heutigen Irak, die Stadt, die bisher als älteste der Menschheit gehandelt wird und der von Caral vielleicht noch der Rang abgelaufen wird…das würde den Begriff „neue Welt“ für Amerika endgültig ad absurdum führen). Caral scheint eine Theokratie gewesen zu sein mit sehr mächtigen Priestern, die in den Pyramiden wohnten und den „einfachen“ Menschen, die außerhalb der Pyramidenstadt lebten und Baumwolle anbauten. Und zwar (so gut wie) nur Baumwolle! Das ist deswegen unglaublich, weil Mensch normalerweise in der Schule lernt, dass die Menschheit immer in ewig jagenden und sammelnden Horden durch die Welt gestreift ist… bis, ja bis sie gelernt hat Lebensmittel anzubauen. Das nennt man die Neolithische Revolution und es soll der Punkt gewesen sein, an dem es überhaupt erst möglich gewesen sein soll größere Siedlungen, geschweige denn Städte, zu gründen. Als man jedoch die Mägen der Toten Carals und ihre Essgewohnheiten studierte (die Toten der anderen Dörfer in diesen Tälern, die zur selben Kultur gehörten, die Toten Carals selbst hat man bis heute ja nicht gefunden) fand man, dass sie sich zu über 90% von Fisch und anderen Meerestieren ernährten!! In Caral hat also eine ganz andere Neolithische Revolution stattgefunden, eine die man, weil man lange mit europäischen Augen auf die Geschichte dieser Region geschaut hat, nicht sehen konnte und wollte. Die Theorie der MFAC (maritime foundation of andean cultures) besagt, dass die Sesshaftigkeit und das Gründen von Städten hier nicht auf klassischer Landwirtschaft beruht hat, sondern auf Fischerei. Die wirkliche Revolution bestand nicht so sehr darin Samen in die Erde zu stecken (ich untertreibe natürlich…Entschuldigung, liebe Landwirte), sondern darin aus der angebauten Baumwolle (die man nun mal nicht essen kann) Fischernetze zu stricken und in großem Maßstab Fischerei in den unglaublich ergiebigen Gewässern des Humboldtstroms vor der Küste zu betreiben. Und Caral beweist: Es hat funktioniert! Darüber hinaus scheint es über tausende Jahre auch sehr gut funktioniert zu haben. Man hat keine Skelette mit eingeschlagenen Schädeln gefunden, keine Wehranlagen und keine Waffen. Dafür Musikinstrumente. Hier wohnten Menschen, die Spaß am Leben hatten und anscheinend keinen Grund sahen sich in größerem Maßstab gegenseitig die Schädel einzuschlagen und lieber auf religiösen Festen und bei einem gut gebratenen Fisch die Korken knallen ließen. Leider haben diese Menschen uns keine Schrift hinterlassen (Das hat leider keine Kultur Südamerikas. Außer man betrachtet die Quipos der Region als Schrift, was nicht Wenige tun. Aber dazu vlt später mehr. Tut man das nicht gibt es nur 3 Orte weltweit an denen die Schrift unabhängig voneinander erfunden wurde: Sumer, China und Mittelamerika, dort von den Olmeken.) und sie haben uns so gut wie keine Bilder gemalt (dafür aber tonnenweise Textilien hinterlassen). Die Wände sind kahl und leer. Die einzigen beiden Bilder, von denen ich weiß, sind eine große Spirale und ein auf eine Tonflasche ( ja, Tongefäße gab es schon lange vor Caral in Amerika…zuerst wahrscheinlich im Amazonasgebiet) gemaltes Monster mit riesigen Reißzähnen, das Stäbe in seinen Händen hält. Dieses Monster könnte etwas ganz besonderes sein. Es gibt in vielen Südamerikanischen Kulturen Darstellungen eines Gottes mit Stäben in beiden oder auch nur in einer Hand. Diese Figur nennt man den Stabgott und er scheint zum ersten mal hier in Caral aufgetaucht zu sein. Diese Stadt war nicht einfach nur die erste Stadt des Kontinents, sondern bildete mit seiner Fischerei, seinen Pyramiden und seinem Gott wohl auch kulturell eine Art Vorlage, eine Grundlage und Ideensammlung aus der viele der Kulturen, die hier später auferstehen und vergehen sollten, schöpfen konnten.

Die Vergangenheit lebt

Barranca

Die nächstgelegene Stadt in Perú ist Barranca ( nicht zu verwechseln mit dem Kreuzberg-Viertel Limas namens Barranco ). Ein kleines Städtchen an der Küste, deren Hauptteil auf einer Klippe über der See liegt. Flache, graue, nackte und unverschönerte Häuser, die durch ein unentwirrbares Chaos aus in der Luft hängenden Kabeln wie durch ein Nervennetz verbunden zu sein scheinen. Dazwischen ein hypermodernes Einkaufszentrum und ein hübscher Plaza de Armas (wie man die Hauptplätze aller Städte in Perú nennt…Waffenplatz. Die Spanier haben hier angeblich früher ihre Knarren gestapelt, damit sie im Falle von spontan artikulierter Kritik ohne Verzögerung die Argumentation aufnehmen konnten). Alles eingehüllt von einer niemals endenden Schicht aus Sand, die sich durch die Straßen schiebt. Der zweite Teil der Stadt liegt unterhalb der Klippe in einer Art Bucht, die etwa einen Kilometer lang ist und an der entlang sich eine Reihe von kleinen Hotels und Fischrestaurants (und ein öffentliches Schwimmbad…am Strand…lol) befinden. Die Bucht ist mit einem Strand gesegnet, an dem morgens die Fischer angeln, tagsüber die peruanischen Touristen (wir sind die einzigen Gringos in town) in der Sonne schmoren, von dem aus man die Sonne beobachten kann wie sie im Meer verglüht und an dem Abends gerne mal einer übern Durst getrunken wird. Im Hostel eines gesprächigen Palästinensers kommen wir unter und genießen die Strandatmosphäre. Am Abend lernen wir biertrinkend eine Gruppe Peruaner am Strand kennen, die uns, als sie feststellen, was wir alles noch nicht in Perú gegessen haben, sofort in ein Mototaxi stecken (so lustige 3 rädrige Gefährte, die mehr transportieren können als man als Mitteleuropäer wahrhaben will und die zwischen Fahrer und Insassen immer mit einem Metallgitter abgetrennt sind, das ein Muster in seiner Mitte haben muss..Blumen, Tigerköpfe, Hakenkreuze…was einem halt so einfällt als Peruaner) und uns in die Oberstadt zur kulinarischen Verkostung bringen. Anticucho, wunderbar zubereite Streifen von Kuhherzen, sind leckerer als ich gedacht hätte.

Generell sind die Peruaner unglaublich stolz auf ihre Küche. Angeblich eine der besten der Welt! Ich hab keine Ahnung, wie man das messen will, aber ok. Ich muss zugeben, wenn sie sich Mühe geben, können sie sehr leckere Dinge zaubern. Es gibt in Perú schon mal mehr Gewürze als nur Salz und Ají (scharfes Zeugs, meist in Form einer höllisch scharfen Paste gereicht) und sie schaffen es hier sogar hin und wieder, eine die einzelnen Bestandteile des Essens verbindende Sauce zu zaubern. Zwar nicht oft, aber zumindest hin und wieder. Saucen sind und bleiben dennoch eine wahre Rarität (was schon mal mehr ist als nicht vorhanden, so wie in Ecuador) und Mensch stürzt sich auf sie wie der Verdurstende aufs kühle Bier. Und die Grundlage der kulinarischen Spezialitäten? Die hat sich nicht verändert: Reis! Reis, Reis und noch mal Reis! Wer keinen Reis mag, der geht hier jämmerlich zu Grunde. Auch die Peruaner haben keine Hemmungen Reis mit Spaghetti, Reis mit Pommes oder Bratkartoffeln oder gleich Reis zusammen mit Pommes, Würstchen, Ei und Steak zu servieren (und merke: das ganze ohne Sauce, die es vielleicht noch retten könnte).

Den Abend mit den Peruanern lassen wir bei einem Pisco Sour ausklingen. Das ist das Nationalgetränk der Peruaner. Zusammen gerührt aus einem Brandwein namens Pisco, einer Art Zuckersirup, Eiswürfeln, frisch gepresstem Limettensaft und der Hauptzutat: Eiweiß. Alles mixen und fertig. Ziemlich geiles Zeug, dass muss man zugeben. Nun ja, will man die Peruaner richtig verärgern, muss man behaupten der beste Pisco Sour käme aus Chile…das macht sie wild! Wie es aussieht mag hier niemand die Chilenen, die angeblich einfach alles klauen würden. Land, Wasser, Pisco Rezepte und Brieftaschen. Mit unseren peruanischen Amigos verabreden wir uns jedenfalls für den nächsten Abend, um im Club einen zu heben. Aber da kam dann wieder eines der typischen Latinoprobleme dazwischen: Eine Verabredung bedeutet noch lange nicht, dass man sich verabredet hätte und so kommt es leider doch nicht zum Clubbesuch. Auf unserem Weg von Caral zurück in die City lernen wir auch ein paar Peruaner aus Lima kennen, die uns anbieten die Hauptstadt zu zeigen, sobald wir dort ankommen. Auch das wird natürlich nix. Latinos halt :)

Partystadt

In den Gebirgen weiter nördlich von Baranca, versteckt tief in der Cordilera Blanca, liegt eine weitere uralte Ruinenstadt. Um zu ihr zu gelangen muss man von der Gebirgsstadt Hauráz aus 2 Stunden mit dem Bus fahren und dabei einen 5.000 Meter hohen Pass überwinden. Man fährt an unglaublichen, ausgestorbenen Mondlandschaften vorbei, riesigen sich in die Höhe schiebenden Felswänden ( hier wächst bekanntlich nen Scheiß und darum kann man die verschiedenen unter Druck entstandenen Gesteinsschichten wunderbar erkennen, nur sind die Gesteinsschichten nich mehr horizontal, sondern haben sich während des Auffaltens um 90 Grad gedreht und stehen jetzt vertikal, in die Höhe aufragend. Wie ein im Regal stehendes Buch dessen Seiten man verschiedenfarbig angemalt hat. Ziemlich geil) und einem Gebirgssee mit kristallklarem Wasser, der von einem in der ferne sichtbaren Gletscher gespeist wird. Am Rand des Sees stehen kleine Kinder mit noch kleineren Ziegenbabys, die mit bunten Hüten verschönert wurden..gutschi gutschi gu, auf Touris wartend, um sich für Fotos anzubieten. An einer der Bergwände hat außerdem Moos ein Gebilde hinterlassen, das angeblich die Form Perus haben soll, sagt zumindest der Führer. Naja, also wenn er das selber in den Berg gemäht hat, bin ich beeindruckt. Aber die Peruaner machen dennoch begeistert Fotos. Am Ende gelangen wir mal wieder in ein Tal, diesmal aber auf etwa 3.000 Meter Höhe. Umgeben von Bergspitzen und sanften, grünen Hügeln liegt hier, halb überwuchert, die Stadt Chavín de Huantar. Ungefähr vom Jahre 1.000 vor Christus bis etwa zum Jahre 200 nach Christus war diese Stadt so etwas wie eine riesige Kirche. Oder vielleicht besser: Kultzentrum. Wahrscheinlich war es eines von vielen im heutigen Perú und ob es sich auch um so etwas wie das Zentrum eines Staates handelte oder nicht ist, nicht wirklich klar. Was klar zu sein scheint ist, dass Menschen von allen Teilen des Kontinents, aus den Tiefen des Amazonas Dschungels, aus den warmen Meeresgegenden Ecuadors und aus den eisigen Küstenabschnitten Südchiles hierher kamen, um dem Orakel im Inneren der Hauptpyramide im Austausch für ihren Seegen Opfergaben darzubringen (Das weiß man weil innerhalb der Orakelkammer eine Menge Zeug gefunden wurde, das nur in diesen Gegenden vorkommt. Spondylusmuscheln zum Beispiel. In Amerika begehrt zum Schmuck machen wie Gold in Europa). Die Stätte selbst besteht aus der erwähnten Hauptpyramide, einer kleineren Pyramide (vielleicht auch noch mehr Pyramiden die ich nich gesehen habe) und einem großen Platz, der von Erdwällen umgeben ist und zu dem Treppen hinab führen. Um die Stadt vor den Überschwemmungen zu schützen, die jedes Jahr während der Regenzeit einsetzen, haben ihre Erbauer das gesamte Gelände mit einem Abwassersystem versehen, so dass man sich auch in der Regenzeit nicht übermäßig die Füße nass machen muss. Die Hauptpyramide besteht aus aus verschiedenen Steinschichten, die horizontal übereinander liegen. Eine Schicht riesige Steine gefolgt von einer Schicht kleiner, flacher Steinplatten. Immer abwechselnd. Hat wohl irgendwas mit Erdbebensicherheit zu tun, sagt unser Führer. Dass die Pyramide nach über 2.000 Jahren noch immer steht, in diesem Gebiet, beweist, dass unser Führer recht haben muss und dass die Typen, die diese Pyramiden gebaut haben, unglaubliches drauf hatten (Gleiches fällt bei so gut wie allen antiken Bauwerken hier auf: Sie stehen noch! Beinahe ohne Kratzer. Nachdem jedes wahrscheinlich dutzende schwere Erdbeben überstanden haben muss. Da fragt man sich doch welches Wissen aus der Kunst erdebebensichere Häuser zu bauen noch so verloren ging). Es führen mehrere Eingänge tiefer in die Hauptpyramide hinunter. Eine enge Treppe führt uns zu einem Gang unter der großen Pyramide, an dessen Ende ein 2 Meter hoher Stein in einem unterirdischen Raum aufgestellt ist. Die Seite des Steins, die zu einem gedreht ist, ist spitz zugeschlagen und mit einem monströsen katzenartigen Gesicht versehen, das sie aus dem Stein gehauen haben. Das muss das Orakel gewesen sein. Ich stelle mir vor wie die Leute hier herunter gingen, in Ehrfurcht vor diesem, was auch immer sie glaubten dort vor sich zu haben, ihre Gaben ablegten und um Hilfe baten. Die Priester haben sich dann Mescalin aus dem San Pedros Kaktus eingeworfen (definitiv Psychoaktiv, also: Hallo Hallos), Orakel gespielt und dem Segen Suchenden aus versteckten Kammern und über Luftschächte die Zukunft vorausgesagt. So oder so ähnlich. Eine große Rolle spielte in jedem Fall der Kaktus San Pedros (der mindestens 7 Seiten haben musste um verarbeitet zu werden, sie liebten die Zahl 7) und die Droge, die man aus ihm gewinnen konnte. Unser Führer bemüht sich die gesamte Zeit uns zu erklären, dass die Bewohner Chavíns dennoch keine „Drogistas“ (frei übersetzt: Drogenopfer) waren, weil sie Mescalin für einen bestimmten Zweck einsetzten (als würden normale Drogennutzer Drogen nicht auch zu ganz bestimmten Zwecken einwerfen), der da wäre: sich in ihre Götter verwandeln, denn nur Götter können mit Göttern in Kontakt treten. Der Katzenwesengott, der Schlangengott und der Condorgott und wer weiß in was noch alles. Einer der Gründe warum Chavín dort ist wo es ist, soll der sein, dass man in den Felsformationen verschiedener Gipfel die um Chavín herum liegen diese drei Tiere erkennen könne. Naja, ich konnte es leider nicht. Aber die andinen Kulturen liebten ihre Umwelt und sahen überall Götter am Werke. In den Flüssen, den Bergen, dem Himmel und in der Sonne. Auf einer berühmten Steinstele, die man hier im Sand ausgebuddelt hat, ist vielleicht einer der Götter der Chavinisten zu sehen: Ein Menschen-Katzen-Monster Wesen, das links und rechts Stäbe in den Krallen hält und anstatt einem Kopf mindestens sieben stilisierte, aufgetürmte Köpfe sein Eigen nennt. Die Hauptpyramide ist durchdrungen von weiteren labyrinthartigen Gängen, die tief in ihrem Inneren liegen und war an ihrem äußeren einst umringt von lustig drein blickenden Steinköpfen, die vielleicht Priester auf San Pedro ( also bei der Arbeit ) zeigten. Hier ist alles mythisch und irgendwie nichts so richtig klar. Aber bei so viel Tam Tam um Drogen und (wie in Caral) dem Fehlen von Kampfspuren und ohne Darstellungen von Krieg, kann man sich vorstellen, dass dieser Ort wirklich ein spirituelles Zentrum gewesen sein muss, ein Ort der Freude, der Zusammenkunft, der Fabelwesen, kurz gesagt: Der tausend jährigen Party.

Huaráz

Die Stadt, von der aus man Chavín erreicht, heißt Huaráz. Auch weit oben in den Bergen gelegen und von noch höheren Gipfeln umgeben. Schneebedeckte Bergkuppen und reißende Flüsse, die durch die Stadt preschen, bestimmen das Ambiente dieses süßen Örtchens. Schon zwei mal mussten sie in den letzten 50 Jahren diese arme Stadt von Grund auf neu erbauen. Ende der 50er hat ein Erdrutsch in einem hochgelegenen Staudamm eine Schlamm-Wassertsunami ausgelöst, die die gesamte Stadt unter sich begrub und in den 70er Jahren hat ein Erdbeben die ganze Stadt erneut vernichtet. Wir haben einen Couchsurfer organisiert, bevor wir ankommen (einer dieser Menschen, die auf ihrem Profil ein Passwort verstecken, von dem sie erwarten, dass man es ihnen in einer Anfrage zuschickt, damit sie wissen man hat ihr Profil auch gelesen…ich habs natürlich nich gelesen aber er hat uns netterweise dennoch aufgenommen). Er heißt Angelo und wohnt alleine in einem riesigen Einfamilienhaus in einer Gated Community außerhalb von Huaráz. Er ist der Englischlehrer der Privilegierten, die hier leben und zaubert uns gleich am ersten Abend den bis heute besten Pisco Sour, den wir zusammen mit ihm und zwei seiner Schüler verkosten (Bösel ick hör dir tapsen). Die nächsten Tage zeigt er uns die Stadt und vor allem die Ärzte, weil ich mich in der Höhe ganz schön erkälte (wie zu erwarten, kommt der Arzt zu seiner Sprechstunde 2 Stunden zu spät, aber dafür lernen wir die anderen Wartenden Bergbewohner kennen), verhilft uns zu günstigen Tourangeboten in die Umgebung und zeigt uns die Geheimtipps zum Essen gehen. Immer gut einen Einheimischen zu kennen. Nebenbei zieht er auch noch in ein paar Tagen nach Lima um und organisiert seine Nachbarn, damit die ihm alle seine Möbel abkaufen, die er nicht mitnehmen will. So wird die Wohnung immer leerer, was ihn aber nicht davon abhält noch einen anderen Couchsurfer aus Venezuela aufzunehmen, den Philipe, der auch nicht sein Profil gelesen hat :) Philipe ist auf einer längeren Reise und hat noch ein paar Tausend Bolivar (die venezolanische Währung) dabei, als er aus den Nachrichten erfährt, dass Maduro (Mr. President) bestimmt hat, dass in ein paar Tagen alle Bolivars ihre Gültigkeit verlieren und vorher zu neuen Scheinen umgetauscht werden müssen. Tja, doof für Philipe und so machen wir uns eine Nachmittagsbeschäftigung daraus Hunderter zu verbrennen :) Nach ein paar Tagen Spiel, Spaß und Spannung ziehen wir in ein Hotel in der Stadt um, das von einer netten Familie geführt wird und ein Hotel und ein Café in einem ist. Angelo, der jetzt in Lima wohnt, halten wir uns natürlich warm denn in ein paar Tagen ist Weihnachten und wir werden in Lima abhängen. Während ich mich in einer Therme auskuriere. fährt Masha noch mit einer Tour zu einer 4.600 Meter hoch gelegenen Lagune namens Laguna 69. Wir sind außerdem in der Vorweihnachtszeit und alle hier scheinen vollkommen verrückt geworden zu sein. Überall in Perú hängen Lichterketten und stehen kleine Plastikweihnachtsbäume in der Gegend herum. Krippenspiele sind auf den Plaza de Armas aufgebaut und aus Grünen Plastikflaschen werden in allen Städten riesige Weihnachtsbäume gebastelt, indem man die Flaschen in übereinander gelegenen Kreisen anordnet. Kreativ muss man halt sein. Fehlt nur noch der Glühwein und ich fühl mich wie zu Hause. Als wir uns nach einer langen Woche auf den Weg machen und während der kurvigen Fahrt den Kopf aus dem Fenster strecken, sehen wir über uns im wolkenfreien, blauen Himmel einen kreisrunden Regenbogen mit der Sonne in seiner Mitte stehen. Ein 22° Ring. Live und in Farbe. Welch Schauspiel.

Die Zwischenzeit

Dutzende weitere Kulturen folgen auf Caral und Chavín alleine hier in Perú. Die Lambayeque, die Sicán, die Paracas, die Nazca, die Wari, die Tiwanaku, die Moche, die Chachapoyas und das sind nur die großen entlang der Küste und in den Gebirgen. Wer weiß, was sich alles im unendlichen Wald abgespielt hat. Die Lambayeque haben in Túcume, in der Nähe Chiclayos im Norden Perús und nur ein paar Kilometer vom Strand entfernt, um das 8.Jhd. herum eine ganze Stadt aus Pyramiden errichtet. Über 20 Pyramiden sind auf einer sandigen Ebene um einen Berg herum gruppiert. Leider haben die anscheinend vergessen, wie man mit richtigen Steinen baut und haben ihre Pyramiden aus Lehmziegeln zusammengeschustert. Und am Lehm hat der Zahn der Zeit ziemlich genagt. Mit jedem Regenfall wäscht der Lehm der äußeren Schichten etwas aus, läuft die Wände herunter und die Pyramiden verwandeln sich ein wenig mehr in riesige Schlammhaufen. Das ist wohl einer der Gründe, warum man die Pyramiden lange nicht als solche erkannte, sondern dachte sie wären einfach nur Erdhaufen ( läuft man vom Dorf zur Ausgrabungsstätte muss man einen Berg umrunden…tja, denkste, is nämlich auch ne Pyramide ). Und das es die Pyramiden nach über 1.000 Jahren überhaupt noch gibt, haben sie wohl einzig und allein der Trockenheit hier zu verdanken. Trotz der offensichtlichen Nachteile für spätere Tourigenerationen, scheinen sie damit die Vorlage für eine ganze Reihe späterer Kulturen der Gegend gelegt zu haben, die ihre Tempel aus biologisch abbaubarem Lehm bauten. Die Chimú (die ein paar hundert Jahre nach den Lambayeque unterwegs waren und noch die Inka kennenlernen mussten) haben einige Stunden weiter südlich, in der Nähe von Trujillo, die größte Lehmziegelstadt der Welt namens Chán Chán errichtet. An Ziegeln hat es ihnen nicht gemangelt. Ein jeder ihrer Könige hat sich seinen eigenen riesigen Tempelkomplex bauen lassen. Diese Komplexe waren viereckige Palastanlagen, die von hundert Meter in Länge an jeder Seite maßen und von gewaltig hohen Mauern umgeben waren und in deren inneren die gesamte Verwaltung und das Regieren stattfand. Ist der König gestorben, waren das relativ schlechte Neuigkeiten für seine Engsten Vertrauten. Bis hinunter zu seinen Hunden (Peruanische Hunde haben keine Haare und sind so warm, dass sie angeblich als Rheumatherapie genutzt werden…und sehen ziemlich eklig aus). Dann mussten nämlich auch die, seine Frauen und Diener zum Beispiel, dran glauben und wurden zusammen mit ihm in einer Gruft inmitten der Palastanlage begraben. Der ehemalige König wurde mumifiziert, seine Mumie als immer noch lebendig betrachtet und somit mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten des Lebens versorgt. Da der alte König also immer noch lebte, musste der neue König seinen eigenen, neuen, schöneren und größeren Palast bauen. Fast zwangsläufig mussten die Chimú imperiale Ideen entwickeln und eroberten das größte Königreich, das bis dahin jemals in Perú existierte. Wie man sich vorstellen kann, ist leider auch von Chán Chán nicht mehr so viel übrig von einstiger Größe und Ruhm. Es gibt langsam zerfließende Wände und zerbröckelnde Mauern, die dennoch mit erstaunlich vielen kunstvollen Reliefs verziert sind, die Fische und Fischernetze (wie ihre Ur-Vorfahren in Caral war die Fischerei der Chimú Hauptertragsquelle und ihr Lebensretter in Zeiten der Trockenheit und versiegender Flüße) und das Andenkreuz zeigen. Das Andenkreuz sieht ein wenig so aus als hätte man vier Treppen á 3 Stufen so aneinander geklebt, das sie ein mal im Kreis führen. Was das soll? Dafür gibt’s so viele Interpretationen wie Sand in der Wüste. Ein mal soll es den Zusammenschluss der 3 Ebenen, der Unterwelt (auch repräsentiert durch die Schlange), der Welt der Lebenden (Katze) und der Welt der Götter (Condor) darstellen und ein anderes mal den Aufstieg (Treppen nach oben), den Abstieg (Treppen nach unten) der Andinen Kulturen symbolisieren und damit die unendliche Abfolge des selbigen. Suchts euch aus. Die Chimú hatten jedenfalls das Pech die Inka kennenzulernen. Die Inka eroberten das Reich der Chimú, indem sie ihren König gefangen nahmen. Sie sollen so beeindruckt von der Pracht dieser Stadt gewesen sein, dass sie die Architekten Chimús nach Cusco, in die Hauptstadt der Inka, entführten, um sich dort ein noch schöneres Chán Chán bauen zu lassen.

Armes Chiclayo

Chiclayo, in der Nähe der Pyramiden der Lambayeque, ist jedenfalls nicht gerade einer der einladenden Orte Perús. Eher eine der typischen Städte hier. Ein auf shopping Zentrum getrimmtes Innenstädtchen mit ein paar Straßen um die Plaza de Armas herum, an denen Häuser aus Glas und mit neu gemachten Fassaden stehen und noch ein kolonialer Regierungssitz. Drum herum erstreckt sich eine lateinamerikanische Stadt in all ihrer Einfachheit. Auf den Straßen sitzen die schreienden Geldwechsler mit ihren dicken Bündeln Bargeld in der Hand, das sie seelenruhig zählen (ich frag mich, wo die Typen mit den Maschinengewehren sind, die aufpassen), es gibt einen auf Bimmelzug gemachten Truck, auf dem man durch die sich auf Weihnachten vorbereitende Innenstadt gurken kann und einen großen, überdachten, labyrinthartigen Markt mit extra Hexenabteil. Im Hexenabteil findet man allerhand Kräuter für alle Lebenslagen. Probleme im Bett? Hexenmarkt! Probleme mit dem Chef? Hexenmarkt! Brauchst ein neues Leben? Hexenmarkt! Auch nachgemachte (hoff ich zumindest) Schrumpfköpfe und allerhand Zeug zum Touristen erschrecken lässt sich hier auftreiben. Als ich ein Glas mit unklarem Inhalt dem Verkäufer unter die Nase halte und schmunzelnd nach einer Erklärung frage, bekomme ich einen Blick voller Hass, der mein Lachen verstummen lässt. Wahrscheinlich klebte an der nächsten Voodoopuppe ein Haar von mir. Auf den Straßen Chiclayos kann Mensch sich an jeder Ecke für ein paar Nuevo Sol (nachdem die alte Währung Sol, Sonne, zu sehr weginflationiert war, hat man kurzerhand die neue Währung Nuevo Sol, neue Sonne, ausgerufen) wiegen und wie überall in Perú muss man aufpassen nicht von den allgegenwärtigen Mototaxis umgedüst zu werden.

Aber trotz all des aufpeppens der Innenstadt ist die Armut nicht zu übersehen und ganz generell um einiges heftiger als in Ecuador. Neben den überall üblichen Straßenverkäufern sind sehr viele Bettler in Perú unterwegs. Viele betteln mit ihren Kindern im Arm und auch Kinder selber, wenn sie alt genug sind, gehen hin und wieder nach Geld fragend durch die Straßen oder verkaufen Bonbons und manche Menschen versuchen ein wenig Geld mit ihren Behinderungen zu verdienen (ein Typ in Huaráz, der extrem verkürzte Beine hat, hat sich einen Lautsprecher neben sich gestellt und zappelt wild zu der Musik) und andere sind einfach so total fertig, vielleicht auch geistig behindert und vernachlässigt, das nicht klar ist, was sie machen oder wollen. Einen sehen wir, der nur mit einem Stofffetzen bekleidet neben einer Tankstelle Wasser aus einer Pfütze trinkt und ein anderer mit Stofffetzen bekleideter Typ bewirft uns in einer anderen Stadt mit einer Tüte voller irgendwas (er trifft glücklicherweise nicht). Danach verfolgt er uns ewig, immer auf der anderen Straßenseite bleibend und uns wirr anstarrend, während ich versuche die Wogen zu glätten, indem ich ihn nett winkend zulächele. Er starrt irgendwie nur zurück. Ein weiterer Typ läuft ein mal in einer derart zerrissenen Hose über einen Markt, dass man seinen Fettarsch direkt sehen kann. Viel zu viel Armut in diesem reichen Land.

Hippster und Moche

Wir bleiben jedenfalls nur für die Ruinen und ein paar spannende Museen in Chiclayo (eines der Museen hat eine wunderbare Keramikausstellung mit allen möglichen Sexdarstellungen. Ein wenig wie tausende jährige Pornos. Oral, Anal, Homo, Hetero, mit Tieren und Selbstbefriedigung und sogar erotisches Würgen … für jeden ist was dabei) und ziehen nach ein paar Tagen weiter zu den Ruinen der Chimú in der Nähe von Trujillo, einer von Pizarro selbst gegründeten Stadt. Wir bleiben aber nicht in dieser Conquistadorenstadt, sondern lassen uns in einem Stranddorf in der Nähe namens Huanchaco nieder. Zimmer mit Meeresblick, yeah baby. Irgenwann war es bestimmt mal ganz nett und beschaulich hier, aber dann kam ein unbedachter Lonely Planet Autor und schrie es in die Welt hinaus: Es gibt Strand, es gibt Wellen, es gibt Sonne. Das muss der Moment gewesen sein, als die Wellen nicht mehr nur aus Wasser bestanden, sondern auch aus Touristen und heute ist Huanchaco ein Beton gewordener Surfertraum und einer meiner persönlichen Albträume. Wie eines der ecuadorianischen Hippidörfer, nur halt ohne den Charme. So ist Huanchaco. Das Dorf ist ein Streifen Beton zwischen dem Sandstrand, an dem sich früh morgens tausende Krabben tummeln welche man wunderbar in riesigen Horden vor sich her jagen kann, wenn man den Strand entlang joggt) und einer Klippe. Die Sonnenuntergänge sind unbezahlbar und so hält man es hier schon ein paar Tage lang aus. Vor den Toren der Stadt liegt Chán Chán und gleich um die Ecke von Trujillo liegen zwei ganz besondere Pyramiden (oh, wie sie hier Pyramiden liebten!).

Zwischen den Kulturen der Lambayeque und der Chán Chán, und wahrscheinlich einen guten Teil gleichzeitig, herrschte noch eine weitere Kultur über diese Gegend. Die Moche (gesprochen: Mootsche) waren ein paar Kollegen, denen man, wenn man sich ihre Hinterlassenschaften so anschaut, lieber nicht im falschen Augenblick begegnet ist. Ihre Keramik ist voller Bilder des Krieges, der Gefangenen in Ketten und eines gottgleichen Wesens, dass, wenn es nicht gerade selber Opfern den Kopf abschlägt, das Blut geschlachteter Gefangener aus goldenen Bechern trinkt (sie haben aber auch ganz harmlose Motive, aber die Blutrünstigen bleiben nun mal im Gedächtnis). Nun, lange dachte man die Keramik der Moche wäre halt einfach sehr bildlich und man müsse die Bilder eher in einem übertragenen, spirituellen Sinne verstehen. Aber dann fand man unter einer Pyramide, einer Huaca, eine gewaltige Grabkammer. Na ja, eigentlich fanden, wie fast immer in Perú, Grabräuber die Kammer. Die Legende sagt, dass sie sich nicht über die Aufteilung ihres Fundes einigen konnten und deswegen, glücklicherweise, einer von ihnen voller Trotz zur Polizei gestiefelt ist und ihren Fund gemeldet hat! Nun, in der vor Gold und geopferten Dienern platzenden Grabkammer, in der Nähe eines Dorfes namens Sipán, fand man einen Priester, der mit exakt der Kleidung bestattet wurde, die das auf den Keramiken abgebildete Wesen trägt. Nix mit im übertragenen Sinne. Der Herr von Sipán war ein religiöser Hohepriester, der über die Huaca, oder vielleicht sogar über viele Huacas, herrschte und seine Zeit damit vertrieb (Kriegs-)Gefangene zu schlachten und, von Zeit zu Zeit jedenfalls, ihr Blut zu trinken. Begraben wurde der Herr übrigens in einer Grabkammer, die über einer weiteren, älteren Grabkammer lag, in der wahrscheinlich schon sein Vater, zumindest sein Vorgänger, begraben wurde. Seine Erscheinung ist für uns so beeindruckend wie sie für seine Opfer angsteinflößend gewesen sein muss. Auf seinen Schultern lagen riesige aus Spondylusmuschelkügelchen zusammen gestrickte Platten, um seinen Hals trug er eine Kette aus Handteller großen goldenen Platten, unter seiner Nase bedeckte eine Bumerang förmige Goldplatte seinen Mund, auf seinem Kopf trug er eine gewaltige, halb elipsenförmige Goldplatte, seine Ohren waren mit Goldplatten bedeckt und auch sein Kleid war über und über mit Gold verziert. Keine Frage, hier hatte jemand keine Minderwertigkeitskomplexe. Und hier wollte jemand die Sonne nachahmen und verehren. In seiner Hand trug er einen Stab, an dessen Ende die Spitze einer umgedrehten (natürlich vergoldeten) Pyramide anschloss. Vielleicht die Waffe, mit der er so vielen Menschen den Tod brachte. Aber, wie ich gelernt habe, man sollte diese Art der Menschenopfer nicht überbewerten, wenn man über diese Kulturen ließt. Geopfert zu werden war für einen normalen Bewohner dieser Länder ungefähr genau so wahrscheinlich wie im Europa des Mittelalters auf dem Scheiterhaufen zu landen. Und der Sinn der Menschenopfer, ob bei den Maya, den Azteken oder den Moche bestand immer darin die Welt der Menschen zu retten. Den Göttern, den übernatürlichen Mächten, musste ein Menschenopfer dargebracht werden, um sie zu besänftigen und, und das ist der Knackpunkt, um einen kosmischen Ausgleich zu schaffen und eine Schuld gegenüber den Göttern zu bezahlen. Eine Schuld, ohne deren Begleichung eine weitere Existenz der Welt unmöglich wäre. Sie töteten, meistens Kriegsgefangene (manche glauben die Moche führten sogar rituelle Kriege, nur um Kriegsgefangene zu produzieren), um einer übergeordneten Gerechtigkeit genüge zu tun und um damit ihrer Gesellschaft die weitere Existenz zu erkaufen. Kommt das jemandem bekannt vor? Alle Länder dieser Erde, die heute noch die Todesstrafe vollstrecken, tun genau dasselbe. Nur begründen sie ihre Taten nicht mit religiösen Worten. Sie opfern Menschen im Namen eines Gesetzbuches, um eine eingebildete, übergeordnete Gerechtigkeit wieder herzustellen ohne die ihre Gesellschaft angeblich nicht weiter existieren könne. Eine Schuld gegenüber der „Gesellschaft“ muss bezahlt werden. Wir sind in den letzten tausend Jahren vielleicht gar nicht so viel weiter gekommen, wie wir manchmal zu glauben hoffen. Der Herr von Sipán ist jedenfalls viel echter als man glaubte und er zog sich so an wie er sich anzog, um dem Gott, den sie auf ihren Keramiken verewigten, zu ähneln und seine Arbeit auf dem Antlitz der Erde zu vollführen. Nur ein Gott kann mit einem Gott in Kontakt treten. In der Nähe von Trujillo stehen die beiden größten Huacas der Moche, die Huaca del Sol (Pyramide der Sonne) und die Huaca de la Luna (Pyramide des Mondes). Die Letztere kann man begehen und die Erstere ist leider immer noch nicht ausgegraben worden. Die Huaca ist eigentlich viele Huacas, die man immer weiter übereinander gebaut hat. Zuerst gab es eine kleine Huaca, die nicht eine Spitze sondern eine ganze obere Ebene besaß. Dann (wahrscheinlich, weil ein neuer Hohepriester die Macht übernahm) umbaute man die Huaca mit Lehmziegeln, bis die oberste Ebene der alten Huaca die unterste Ebene, den Fußboden quasi, der neuen Huaca bildete. Und immer so weiter. Das ganze Spielchen hat man bei der Huaca de la Luna mindestens 4 mal durchgezogen und dementsprechend groß ist das Huacachen dann auch gewachsen. Erhaltene Wandreliefs zeigen einen Zähne fletschenden Gott mit weit aufgerissenen Augen, Gefangene in Ketten die ihrer Schlachtung entgegen gehen, tanzende Priester und jede Menge göttlicher Tiere: Kraken, Vögel, Katzen. Im Innenhof der Pyramide fand man die schlimm zugerichteten Überreste vieler Menschen und einen goldenen Kelch, an dem man die Reste von menschlichem Blut nachweisen konnte. Na Prost Mahlzeit. Von der oberen Ebene der Huaca de la Luna hat man einen beeindruckenden Blick über das Meer, Trujillo, die Gebirge am Horizont, die nebenan gelegene, in eine tausendjährige Lehmdecke gehüllte und majestätisch wartende Huaca del Sol und die scheinbar endlose Gesteinswüste, die sich die Küste entlang zu erstrecken scheint wie ein gewaltiger Strand.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *