Schöne neue Welt

Stadt der Städte

Die Raketen explodieren und erleuchten die Stadt. Manche bewegen sich gen Himmel, andere Richtung Dächer der umliegenden Häuser und wieder andere zwischen meine Füße. Es scheint Gringos bieten eine gute Angriffsfläche in diesem Moment. Ganz Lima scheint verrückt zu spielen und böllert sich gegenseitig durch die Straßen. Da machen wir natürlich gerne mit.

Frohe Weihnachten, Perú! Wir stehen vor dem Haus eines alten Freundes. Ángelo, der uns bereits in der Gebirgsstadt Huaráz ein Bett geliehen hat, ist jetzt nach Lima umgezogen und hat uns eingeladen mit ihm und seiner Mama Weihnachten zu verbringen. Das lassen wir uns natürlich nicht ein mal sagen und stehen pünktlich wie die Mücken wenns Licht angeht vor der Tür seiner Mutti in irgendeinem Vorort Limas, weit weg vom Zentrum der Stadt. Wir haben ein bisschen was Süßes dabei und natürlich eine Flasche Pisco, in der Hoffnung das unser Pisco-SourHeld den Ein oder Anderen für uns zaubert. Unterkommen tun wir in einem Hippsterhostel im Zentrum Limas, in einem Viertel namens Miraflores (das coolste an dem überteuerten Hostel ist noch die peruanische Frau, die Frühstück macht). Miraflores ist ungefähr genau so peruanisch wie München lebensfroh, Merkel lustig oder Berlin tropisch in diesen Tagen. Geputzte Gehwege, Schnittblumen am Straßenrand, Parks in denen Katzen wohnen (ich mein wirklich, nur Katzen, ein Park extra gebaut für Katzen), Hochhäuser und so viele reiche Gringos überall, dass man glaubt in Los Angeles angekommen zu sein. Gringos gehen hier sogar joggen. In ner peruanischen Stadt. Außer am Strand hab ich hier nirgendwo irgendwen joggen sehen. Und nicht nur einer. Es scheint die ganze neureiche Elite Limas hat nix zu tun außer in extravaganten, in die Klippen eingelassenen Einkaufszentren (Miraflores schließt natürlich direkt ans Meer an, dass von der Stadt durch eine 50 Meter hohe Klippe getrennt ist…in die tatsächlich an einer Stelle ein Einkaufszentrum eingebaut ist) shoppen zu gehen, Sport zu treiben im Tennis-Schwimmingpool-Eliten-Kraulplatz, den sie in eine Schlucht zwischen zwei Straßen eingelassen haben, die sich von Miraflores nach unten, Richtung Meer, gräbt (und für den man natürlich einen Mitgliedsausweis brauch…ja, wir wollten schwimmen gehen!) oder halt joggen oben auf der Klippe und an den Hochhäusern der Freunde vorbei und Yoga im Park. Keine schreienden Straßenverkäufer, keine aus Bussen heraus schreienden Ticketverkäufer, generell keine schreienden Menschen. Wo bin ich? Wir stellen die Theorie auf, das ein jeder Peruaner, der sich länger als eine Woche in Miraflores aufhält zu einem Gringo mutiert. Es ist ein Stadtteil voller Hochhäuser und sich dazwischen duckender, mit Elektrozäunen umbauter Einfamilienhäuser. Die Hälfte der Wohnungen in den Hochhäusern scheint leer zu stehen (so viele Gringos gibt’s dann wohl doch nich) und das ganze Barrio sieht irgendwie steril und künstlich aus. Der schönste Teil sind noch die oben auf der Klippe verteilten, kleinen Parks mit Meerblick, in denen man wunderbar liegen und träumen (es gibt hier sogar Wachmänner in den Parks, die anscheinend bezahlt werden, um herumzulaufen und mit den Touris zu scherzen) und den wahnsinnigen Surfern im Meer vor Lima zuschauen kann. Als wir uns dann mit dem Taxi zu Angelos Mama fahren, verwandelt sich Lima langsam aber sicher in eine typische, peruanische Stadt mit staubigen Straßen, flachen, bunt zusammengewürfelten Häusern ohne Fassaden und viel Leben.

Schöne Neue Welt

Über 10 Millionen Menschen wohnen insgesamt in Lima, das sind 1/3 aller Peruaner und das merkt man am Verkehr. Als wir mit dem Bus nach Lima herein fahren, brauchen wir am Ende, um unser Busterminal zu erreichen, für eine Strecke von 100m fast 40 Minuten. So übel ist der Stau und der Busfahrer so schlecht gelaunt, das er sich weigert das Gepäck vor der offiziellen Ankunft ausgeben zu lassen. Das dieser Moloch so riesig geworden ist, liegt vor allem am Jahrelangen Bürgerkrieg der 80er und 90er Jahre. Eine Gruppe Studenten in der Gebirgsstadt Ajacucho im Süd-Osten Limas gründete hier Anfang der 70 Jahre eine selbst ernannte marxistisch-indigene Organisation namens Sendero Luminoso (der leuchtende Pfad). Das Militär Regime unter Alvarado war gerade weggeputzt worden und es begann der neoliberale Ausverkauf Perús und die wenigen Verbesserungen, die die Indigene Bevölkerung in den Jahren zuvor verbuchen konnten, waren vom Rotstift gefährdet. Das nahmen die Mitglieder des Sendero zum Anlass, um sich zu bewaffnen und den Krieg gegen die Nationalregierung auszurufen. Und der Krieg war außerordentlich brutal. Der Sendero wandelte sich schnell von einer Armee für soziale Gleichberechtigung und Befreiung zu einer Besatzungsmacht, die mit eiserner Faust jeden Dissens, und sei er auch nur vermutet, auslöschte. Der peruanische Bürgerkrieg ist tatsächlich der Einzige im Lateinamerika der letzten Jahrzehnte, in der die Armee und ihre Todesschwadronen nicht für die Mehrzahl der ermordeten Zivilisten verantwortlich ist, sondern Rebellenarmee und Armee, die Schuld gleichermaßen trifft. Dementsprechend verhasst ist der Sendero heute noch unter allen Peruanern, die ich nach ihm frage. Aber ein Krieg ist immer eine Angelegenheit zweier Seiten und der Präsident der 90er Jahre, Fujimori, wurde vor einigen Jahren wegen der Verbrechen ihm unterstellter Todesschwadronen zu einer lebenslangen Haftstrafe in Perú verurteilt. Er war der Erste Lateinamerikanische Präsident, der sich jemals wegen Verbrechen gegen die Menschheit (das ist übrigens die korrekte Übersetzung von Crimes against Humanity, Menschheit, nicht Menschlichkeit) vor Gericht verantworten musste und verurteilt wurde (seine Tochter wollte letztes Jahr trotz dieser schlechten Grundvoraussetzungen Präsidentin werden und verlor ziemlich knapp gegen PPK). Millionen Menschen flohen damals vor dem Terror des Sendero und der Armee aus den Bergen und kamen nach Lima, vor dessen Toren der Sendero einige male auftauchte und mit Bomben die Stromversorgung lahmlegte und Busse hochgehen ließ. Erst im Jahre 1992 ließ der Terror langsam nach, als man den Anführer des Sendero festnahm und in einem dunklen Loch verschwinden ließ, gleich neben Fujimori hoffe ich.

Nun, Weihnachten, das ist wohl schon klar geworden, begeht man in Perú etwas anders als bei uns zu Hause. Wir treffen uns gegen 16 Uhr und fangen an zu kochen. Die Mama bereitet einen Gänsebraten vor und wir machen einen russischen Salat. Hin und wieder müssen wir zum Markt um die Ecke, um Zutaten zu besorgen. Auf der Straße ist das totale Weihnachtschaos ausgebrochen mit tausenden hupender Motos, dicht gedrängter Menschen die noch schnell die letzten Schweinehälften einkaufen und beim nach Hause gehen von den Ständen auf der Straße das nötige Feuerwerk besorgen. Vereinzelt hört man schon das krachen von Böllern. Bis 0 Uhr muss das Essen zubereitet sein (was wir natürlich nicht schaffen) um dann mit einem Sekt anzustoßen, auf die Straße zu gehen und den Böllerkrieg zu beginnen. Nachdem wir alles abgebrannt haben, die Nachbarn zum gratulieren vorbei kamen und wir wieder im Haus sitzen, gibt es heiße Schokolade und dann, es ist mittlerweile gegen Ein Uhr morgens, wird endlich gegessen! Wir sitzen noch ein paar Stunden quatschend herum und nehmen dann irgendwann ein Taxi zurück in unsere künstliche Katalogwelt Miraflores, wo es aussieht, als wäre nichts passiert.

Von einem Touristandpunkt aus gesehen, sind wir zur absolut falschen Zeit in Lima, denn über die Weihnachtsfeiertage sind alle Museen und alles halbwegs spannende geschlossen. Wir machen noch eine kostenlose Führung durch Limas Altstadt (wir sind nur zu viert und der Guide hat eigentlich gar keinen Bock, aber wir können ihn noch überreden uns etwas zu zeigen) bei der mein persönliches Highlight der große Brunnen auf der Plaza de Armas ist, der ein mal im Jahr komplett mit Pisco gefüllt wird. Ein großes Franziskaner Kloster schauen wir uns von innen an, in dem sie offensichtlich so viel Langeweile hatten, dass sie irgendwann anfingen die Knochen der tausenden Toten unter ihrem Kloster zu geometrischen Formen zu sortieren (konzentrische Ringe aus Oberschenkelknochen zum Beispiel) und das ganze als geführte Touristenattraktion zu verkaufen. Um den Plaza de Armas herum fällt eine relativ große Bullenkonzentration in Aufstandsbekämpfungsmontur auf und unser Guide erklärt mir, dass es in den letzten Tagen mehrere Demonstrationen auf der Plaza gegeben habe. Und um die armen Touristen nun ungestört von Protesten touristieren lassen zu können, habe man kurzerhand das protestieren auf der Plaza untersagt und Riot Polizei zusammengerufen, um dem ganzen Knüppel starken Nachdruck zu verleihen. Wo wir bei Protesten sind, in den letzten Tagen haben wir auch viel gehört über Proteste Indigener Gruppen entlang einiger Amazonas Zuflüsse. Im Amazonas Gebiet wird viel Öl gefördert und immer wieder kommt es zu Lecks in den Leitungen, die riesige Waldgebiete verseuchen und niemand fühlt sich verantwortlich. Sind ja schließlich nur Wilde, die da leben. Na ja, es scheint so schlimm geworden zu sein, dass die Wilden vor einigen Wochen angefangen haben einige der Zuflüsse für die Schifffahrt zu blockieren, um ihren Forderungen nach Selbstbestimmung über die Verwendung ihres Territoriums Nachdruck zu verleihen. Mal schauen, wie das weiter geht. Wir wollten eigentlich einen dieser Flüsse mit einem Boot befahren aber daraus wird jetzt vielleicht nichts.

Scheiße in Gold verwandeln

Wir haben bald die Schnauze voll von Lima und bewegen uns weiter nach Süden, zu einer Stadt namens Pisco. Trotz des vielversprechenden Namens gibt es hier keinen Pisco zu kaufen. Schade. Der Bus schmeißt uns an der Panamericana heraus und wir müssen ein Taxi in die Innenstadt nehmen. Dem Taxifahrer nennen wir die Adresse eines Hotels, das wir vorher bereits herausgesucht hatten, und die übliche Show beginnt. Während er uns fährt, erzählt er uns davon, dass er einen viel besseren Ort kenne, der viel, viel näher am Zentrum liege und natürlich viel günstiger sei. Na gut, na gut, wir lassen uns breitschlagen und lassen uns zu dem von ihm empfohlenen Hotel bringen, schauen es uns an und befinden es für gut. Danach sehen wir, dass das Hotel, zu dem wir eigentlich wollten, genau 20 Meter die Straße runter liegt. Viel näher zum Zentrum, wissen schon.

Von Pisco aus, also eigentlich von Paracuas, gibt es Boote zu den sogenannten Islas Bellestas vor der peruanischen Küste. Die Inseln bilden das Zuhause tausender Seevögel, Seelöwen und sogar Pinguine. Und die Inseln gehören zu den über 140 Guanoinseln Perús. Guano ist das spanische Wort für Vogelscheiße und Vogelscheiße, nun ja, ist einer der großen Exportschlager dieses Landes gewesen. Volgelscheiße ist eigentlich Vogelurin und der ist voll bis oben hin mit Stickstoff. Und Stickstoff ist einer der Hauptbestandteile, den die Pflanzen für ihre Photosynthese brauchen und dafür aus dem Boden ziehen müssen (wo Bakterien und Regen das ihre dafür tun den Stickstoff dem Boden zu entziehen). Im 19. Jhd,, bevor man anfing die riesigen Nitratvorkommen der Chilenischen Wüste abzubauen und bevor man in Deutschland das Haber-Bosch Verfahren zur künstlichen Herstellung von Dünger erfand, war der Guano aus Perú der Dünger schlechthin, um den Boden zusätzlich mit Stickstoff zu versorgen! In einer Zeit, in der die immer ausgelutschteren Böden Europas Nahrung für eine unaufhaltsam explodierende Bevölkerung produzieren mussten (damals in großen Teilen Europas übrigens Kartoffel…die ja bekanntlich aus Amerika kommt), wurde den Händlern der Vogelurin buchstäblich aus den Händen gerissen. Schon die Inkas bauten die Guanovorkommen auf den Inseln ab, um ihre Felder zu düngen, die Spanier, blind für alles außer Gold, interessierten sich einen Scheiß für den Guano und erst Alexander von Humboldt gab den Anstoß, der dazu führte, dass man Guano als Düngemittel in Europa wertschätzte. Damit begann Mitte des 19. Jhd. der industrielle Guanoabbau auf den peruanischen Inseln. Auf einigen dieser Inseln haben Millionen Vögel über Millionen von Jahren Scheißehaufen von bis zu 50m Höhe geschaffen. Um solch einen riesigen Berg Scheiße Abbauen zu können, brauchte man viele fleißige Hände. Man hätte natürlich vernünftige Löhne für diese Rotzarbeit bezahlen können (Guano stinkt erbärmlich und zerstäubt in kleinste Partikel, die die Lungen der Arbeiter angreifen), aber so läuft Raubtierkapitalismus natürlich nicht. Weder damals noch heute. Und so hat man hunderttausende Chinesen aus Fujian (keiner wollte seine Sklaven von den lokalen Baumwollplantagen opfern) unter fadenscheinigen Versprechungen (sie würden Gold suchen in Kalifornien, sagte man ihnen) nach Perú verschifft und sie unter unmenschlichsten Bedingungen auf diesen Inseln, auf denen es keine Vegetation und kein Trinkwasser gibt (der geringe Niederschlag ist überhaupt der Grund, warum der Guano hier 50m hoch wachsen konnte) in 20 Stunden Schichten arbeiten lassen. Schon auf dem Weg nach Perú starb jeder 8., wer versuchte wegzurennen wurde ermordet und wer seine tägliche Quote von bis zu 4 Tonnen Guano nicht ablieferte, wurde ausgepeitscht. Viele Chinesen stürzten sich verzweifelt von den Klippen um dem ganzen ein Ende zu setzen und schon auf den Sklavenschiffen nach Perú, wo vielen klar werden musste, dass sie verarscht wurden, gab es blutige Aufstände. In den 40er und 50er Jahren des 19. Jhds. exportierte Perú Millionen Tonnen Vogelscheiße, vor allem in sein Protektorat England. Eine Firma aus Liverpool übernahm später sogar den Abbau der Scheiße (nachdem die unmenschlichen Arbeitsbedingungen unter der Führung eines peruanischen Magnaten einen Skandal ausgelöst hatten) und der Großteil des Geldes, das der Peruanische Staat mit dem Guano tatsächlich machte, floss direkt zurück ins Mutterland England, da Perú sich eine englische Eisenbahn leisten wollte.

Zusammen mit etwa 20 anderen peruanischen Touris, sitzen wir in einem kleinen Motorboot und düsen in Richtung der Islas Bellestas. Der Captain ist gut drauf und scherzt die ganze Zeit herum. Wir halten noch kurz neben einem Berg am Meer, in dessen Flanke eine bestimmt 40m hohe Zeichnung eingeritzt wurde, die die Form eines Kerzenständers hat. Keiner weiß so genau, wer da herumgekratzt hat. Ich glaub ja es waren die Tourguides in einer Nacht und Nebel Aktion, um Touristen hierher führen zu können…aber das is nur meine Theorie. Nach weiteren 20 Minuten erreichen wie die Inseln die, wie erwartet, voller Vögel ist, die hart an der nächsten Ladung Guano arbeiten. Einige Gruppen Pinguine watscheln über die zerklüfteten Felsen, während wir Touris fleißig alles auf Digitalfilm festhalten (man darf natürlich nicht aussteigen und Mr. Captain fährt uns ein Mal um die Insel). Es gibt immer noch Infrastruktur zum Guanoabbau und ein mal im Jahr kommen die Arbeiter und füllen die Schiffe mit den immer noch wertvollen Vogelhinterlassenschaften. Zwischen all den Vögeln gibt es auch noch eine Kolonie Seelöwen, die faul in der Sonne liegen und sich weder vom Gestank des Guano, noch von den neugierigen Blicken der Kameras stören lassen. Nach einer Runde drehen wir wieder um und fahren zurück zum Festland, den Gestank langsam hinter uns lassend.

Spaß mit Sand

Fährt man noch weiter südlich, beginnt die Welt um einen herum sich langsam zu verändern. Immer weniger Steine liegen in der Gegend herum und die Wüste wird immer wüstiger. Sieht also immer mehr so aus, wie man sich Wüste aus Hollywood Filmen halt vorstellt. Wir steigen in Ica aus dem Bus und sehen schon von weitem das Ziel: Ein Haufen Sand der sich hoch in den Himmel erhebt. Ein Taxi ist schnell organisiert und über eine Düne fahren wir in den Sandkessel hinein, den sie Huacachina nennen. Bis zu 50m hohe Sanddünen umgeben eine Palmengesäumte Lagune mitten in der Wüste. Ein paar dutzend Restaurants und Hotels umgeben die Lagune im Sandkessel wie einen Ring und sorgen für alle Annehmlichkeiten, die man sich als Touri so wünschen kann. Angeblich pumpen sie sogar extra Wasser in die Lagune, um sie und den ganzen Ort (und damit die goldenen Touriströme) vor dem austrocknen zu bewahren. Was macht man also so den ganzen Tag inmitten der Sanddünen? Man mietet sich einen extra für den Sand umgebauten Buggy, zusammen mit nem mittelmäßig lebensmüden Fahrer und nen Haufen Surfbretter für die ganze Mannschaft und fährt hinaus in die Wüste. Gesagt, getan! Unsere Schreie rollen wahrscheinlich über die Dünen wie der Wind, während unser Fahrer uns einen Abgrund nach dem nächsten herunter fährt. Das miese ist, im ganzen Sand lassen sich die Abgründe kaum ausmachen. Lediglich das unser Fahrer kurz vor jedem Abgrund den Fuß vom Gas nimmt, lässt einem in etwa 2 Sekunden Zeit den Magen wieder oben im Mundbereich zu erwarten. Schreiend geht’s den großen Dünen entgegen und auf dem Kamm einer Großen halten wir an, steigen aus, legen uns mit dem Bauch auf die Surfbretter und düsen den Sand nach unten. Die Fresse voller Sand, weil man wieder vergessen hat nicht zu schreien beim 45° Abhang runterrasen, geht’s so von Düne zu Düne. Jede größer als die Vorherige bis am Ende die Mutter aller Dünen auf uns wartet. Wir laufen noch zu Fuß 30m höher, um es auch richtig auszukosten. Bis zum Horizont erstreckt sich diese Wüstenlandschaft aus 1001-er Nacht mit ihren sanften Sandbergen, die sich wie fest gefrorene Wellen von uns schieben und ihren langen Schatten, die die untergehende Sonne über die Landschaft schickt. Aber jetzt is nich die Zeit für solche Schleimereien. Kopf in den Dreck und runter die Düne, das is die Devise des Tages und so rutschen wir auch den letzten Abhang mit dem Kopf voran herunter und mit gefühlten 100 Sachen in das Tal, das schon ganz von Schatten eingehüllt ist. Am Ende bringt uns unser Fahrer noch zu einer Ort, an dem die hunderten Touris, die diesen Nachmittag in der Wüste verbracht haben, zusammen kommen um den Sonnenuntergang zu beobachten. Wir lassen den Abend mit anderen Sonnenhungrigen in unserem Hostel bei ein paar Bier und Pisco Sour ausklingen und erklimmen dann noch in stockfinsterer Nacht die Düne neben unserem Hotel, um den Sternenhimmel zu genießen (die Skorpione kommen nur tagsüber heraus…sagen zumindest die Einheimischen. Wie scheiße schwer es is Sand hochzulaufen).

Linien…überall scheiß Linien

Nach ein paar Stunden Fahrt weiter nach Süden verschwinden die Sanddünen schon wieder und man fährt durch eine immer felsigere Landschaft. Irgendwann lässt man die Berge am Horizont zurück und es bleibt eine weite, steinige Ebene zurück, durch die man schier endlos dahin rollt. Irgendwann haut mich ein Mann neben mir im Bus an, zeigt aus dem Fenster und meint: Schau mal, Linien. Und tatsächlich, neben der Straße sind im Staub der Ebene ein paar hellere Flecken zu erkennen, die Richtung Horizont davon zu zeigen scheinen. Wir haben sie erreicht: Die Nazca-Linien. Der Ort Nazca ist ein kleines, verschlafenes Kaff mitten in der Wüste. Gäbe es die Linien nicht, hier würden sich Skorpion und Vogelspinne gute Nacht sagen. Aber es gibt die Linien und so wird man, sobald man die sicheren vier Wände des Busses verlässt, umringt von schreienden Menschen, die einem Touren und Hotelzimmer verkaufen wollen. Wir lassen sie alle links liegen und stiefeln direkt zu einem luxuriösen Hotel mit Pool. Das geile ist, auch die besseren Hotels hier in der Gegend fast immer ein paar Zimmer haben, die sie fürn Apfel und n Ei raushauen und so bleibt die Dekadenz erschwinglich (ja, Pool mitten in der Wüste is nich unbedingt die beste Idee…). Vom Hosteldach hat man einen tollen Blick über die Stadt und die umliegenden Berge. Wobei einer der Berge eigentlich kein Berg im eigentlichen Sinne ist, sondern nach Aussage der Einheimischen die höchste Sandddüne der Welt mit über 2 km Höhe. Oh, ich hab Lust auf Sandboarding!! Tagsüber ist es unerträglich heiß hier in Nazca und die ganze, flimmernde Stadt scheint auf den etwas Erholung bringenden Abend zu warten. Wir hatten hier eigentlich einen Couchsurfer angeschrieben, der sich aber nich bei uns gemeldet hatte. Da er aber den Fehler begann in seinem Profil zu verraten, wo er arbeitet, dachten wir uns: Da schaun wir doch einfach mal vorbei. Passenderweise ist er auch noch der Chef der lokalen Sternenwarte und macht jeden Tag Touri-Führungen um den Leuten ein wenig über die Linien zu erklären und um ihnen mit seinem Teleskop ein paar Himmelsgeheimnisse zu zeigen. Pleijaden, blaue Riesen, und den ein oder anderen Planeten. Nach der Führung stellen wir ihn zur Rede, warum er uns verdammt noch mal nicht aufgenommen hat und siehe da: Wie haben einen Couchsurfer (Internet ist hier nicht immer das Beste, weswegen er unsere Anfrage wohl einfach nicht gesehen hat). Dreistigkeit siegt und so ziehen wir am nächsten Tag in sein Haus am Rand der Stadt, wo bereits ein argentinisches Pärchen (die ihr Reisegeld mit einem kleinen Teleskop verdienen, durch das sie die Menschen auf den Mond schauen lassen) und ein verrückter Pole couchsurfen. Wir sind die dritte Couch-Partei. Wir haben eine riesige Terrasse und einen wunderbaren Blick über die Monsterdüne am Horizont. Am Abend offenbart unser Gastgeber uns dann auch noch, dass er über Silvester nach Lima zu seiner Familie reist und wir deswegen das Haus ganz für uns alleine haben werden! Couchsurfer-Party-Haus. Hell yeah. Und so verbringen wir leider viel zu wenig Zeit mit unserem Gastgeber, der eine nicht enden wollende Fülle an spannenden Geschichten zu erzählen hat. Er hat sogar noch die Lokalheldin kennengelernt, Maria Reiche. Eigentlich aus Deutschland stammend, ist die gute Frau irgendwann in den 50er Jahren in den Bann der Linien geraten und hat Jahrzehnte (!!!) damit zugebracht in der Wüste die Linien zu kartografieren und zu vermessen und zu interpretieren und international bekannt zu machen (ihr ist es zu verdanken, dass die Linien in den 90er Jahren Weltkulturerbe wurden, sagen die Einheimischen). Die ersten 20 bis 30 Jahre ohne jede Unterstützung durch die Regierung und nur von ihrem Willen getrieben. Überall in der Stadt sieht man Wandgraffiti mit ihrem Relief und im größten Hotel der Stadt durfte sie die letzten 10 Jahre ihres Lebens sogar kostenlos ein Zimmer beziehen, um von dort ihre Forschungen weiterzuführen. Arm aber glücklich, möchte man meinen. Wir lassen uns von unserem Gastgeber noch schnell die realen Preise für Touren in die Wüste und Flüge über die Linien verraten und machen uns am nächsten Tag auf die Suche nach einem Anbieter. Und tatsächlich finden wir einen, der uns von Anfang an nicht verarschen will. Gefunden, gebucht. Vor allem bei der Buchung der Flüge über die Linien sollte man sich viel Zeit nehmen. Bis 2009 sind regelmäßig Chesnas über der Wüste abgestürzt und haben ihre Insassen mit in die Ewigkeit gerissen. Heute, nachdem die peruanische Regierung das Imageproblem erkannt hat und einheitliche Regeln für die Flugsicherheit aufgestellt hat (jetzt erst? Ehrlich?), gibt es quasi keine Abstürze mehr, aber Vorsicht schadet nicht. Flüge sollten zum Beispiel am frühen Morgen stattfinden, da Nachmittags starke Winde über der Wüste aufziehen und das Fliegen noch unangenehmer machen. Für den ersten Tag begnügen wir uns jedenfalls mit einer Buggytour in die Wüste. Wir fahren durch eine Landschaft, die seltsamer und surrealer gar nicht sein könnte. Die Nazca haben ein kilometerlanges Bewässerungssystem in dieser trockensten Wüste der Welt angelegt, um ihre Felder nass zu halten, und so gibt es heute immer noch einen schmalen Streifen Grün, der sich Richtung Meer durch die karge Landschaft zieht. Sie haben dafür Kanäle in die Erde gegraben und die Wände mit allen Steinen, die sie finden konnten, fest gemauert. Das haben sie so gut gemacht, dass die Kanäle auch heute, 2000 Jahre später, noch funktionieren. Links und rechts von dieser Oase des Lebens gibt es nichts als Steine und Sand, so weit das Auge reicht. Doch auch die besten Kanäle bringen nichts, wenn es nicht hin und wieder mal regnet. Es hat auch hier schon seit vielen Jahren nicht mehr ordentlich geregnet und das Grundwasser ist bereits ein dutzend Meter unter die Oberfläche zurück gegangen und die Kanäle sind staubtrocken, obwohl wir eigentlich in der Regenzeit sind. Wir kommen an einer riesigen Pyramide der Nazca vorbei, die Cahuachi genannt und immer noch ausgegraben wird und wir sehen einen Friedhof der Nazca. Eine Ebene voller Grabhügel. Einige dieser Grabhügel wurden bereits geplündert, alles für wertvoll erachtete wurde mitgenommen und die Knochen und menschlichen Überreste zurückgelassen. Weil man anscheinend dachte, dass Knochen und Leichenteile eine gute Touriattraktion abgeben würden, hat man das Chaos einfach bei belassen um die Touristen dorthin zu fahren. Ein Haufen aus Sand, in dem haarige Schädel und Knochen stecken und daneben liegt eine Mumie der Nazca. Ein in Stoff eingehülltes menschliches Wesen, mit Seilen fest umwickelt und ohne Kopf. Auf einer Straße im Hintergrund fahren ein paar Mopets vorbei und unser Tourguide erzählt, dass das dorfbekannte Grabräuber wären. Die Polizei zu rufen würde nichts bringen, weil die sich für ihr wegschauen bezahlen ließen und weil es den Ärger, den man unweigerlich bekommen würde, nicht wert sei. Bis heute hat man keine königliche Grabkammer der Nazca gefunden und keine Höhle voller Gold. Vielleicht liegt ja unter einem der Hügel hier in der Wüste ein unermesslicher Schatz, denken sich wahrscheinlich auch die Grabräuber. Mit dem Buggy geht’s weiter in eine Region, die wieder dominiert ist von gewaltigen Sanddünen. Der Fahrer lässt schnell noch ein wenig Luft aus den Reifen, um nicht stecken zu bleiben, und schon geht’s wieder los. Völlig wahnsinnig fährt er uns die Dünen hoch und runter, bevor wir an einer enttäuschend kleinen Düne zum Sandboarding anhalten. Eine halbe Stunde lang können wir die Düne runter fahren um sie danach wieder hochzuklettern (es ist unglaublich anstrengend eine Düne zu besteigen!!). Auf dem Weg zurück zur Stadt halten wir noch einmal auf dem steinigen Wüstenplateau und beobachten den schönsten Sonnenuntergang, den wir je gesehen haben. Wäre ich nich rot-grün blind, ich könnte hier irgendwas von tollen Farben in der Wüste schwafeln.

Am nächsten Tag geht’s dann endlich in die Lüfte. Wir werden mit einem Van von unserem Couchsurferhaus abgeholt (die Adresse ist unserer Flugagentur nicht unbekannt…viele Couchsurfer müssen hier schon ihre Tage verbracht haben) und direkt zum Flugplatz in der Wüste gefahren, wo wir zusammen mit einem polnischen Pärchen die 6-sitzige Chesna besteigen. Unsere beiden Piloten scheinen sehr nett zu sein und ohne großes herumreden heben wir auch schon ab. Ein bisschen mulmig wird einem schon in so einer kleinen, klapprigen Maschine, wenn man das noch nie erlebt hat und dabei die ganze Zeit an die Unfallgeschichten denken muss. Aber ist man erst mal in der Luft, schüttelt es einen dermaßen durch und die Aussicht ist so Atemberaubend, dass man das alles vergisst und den Mund gar nicht mehr zu bekommt. Unsere Piloten scheinen ein wenig wahnsinnig zu sein und fliegen immer 8-en über den Figuren, damit ein mal die Leute an den linken Fenstern und danach die an den anderen Fenstern einen guten Blick haben. Die Kurven sind dermaßen wahnsinnig, das man mit dem Gesicht zwangsläufig am Fenster klebt und es einem den Magen bis zu den Augäpfeln hebt. Ich verstehe jetzt, warum sie einem empfehlen nicht zu frühstücken vor den Flügen und versuche (etwas) krampfhaft mein Essen in mir zu behalten. Während der Pilot uns so mit sichtlicher Freude durch die Gegend schleudert, findet er noch Zeit nach unseren Kameras zu fragen und Selfies zu schießen und uns über das zu erzählen, was wir da unter unseren Füßen zu Gesicht bekommen. Wir sehen die bekanntesten großen Figuren der Nazca, den Astronauten (ein Männchen an einem Berghang, der aussieht, als hätte er einen Raumanzug an), die Spinne, den Affen (dessen Schwanz sich in eine gewaltige Spirale verwandelt), den Leguan (der durch die Straße, über die wir gekommen sind, in 2 Teile zerstückelt wurde) und einen Haufen Vögel. Der Großteil der Kunstwerke unter uns sind jedoch geometrische Muster. Kilometerlange Linien und gewaltige Spiralen (über 1.000), alles kreuz und quer liegend, sich gegenseitig zerschneidend und überlagernd, bevölkern sie die endlose Ebene unter uns. Es scheint, als hätten sie keinen Quadratmeter auf dieser Ebene ohne Formen gelassen. Die ältesten Figuren unter uns stammen jedoch überhaupt nicht von den Nazca, sondern von den Paracas, der Vorgängerkultur der Nazca, und heißen Palpa-Linien. Leider sehen wir diese aber nicht vom Flugzeug aus, denn dafür muss man natürlich erheblich tiefer in die Tasche greifen. Um die Linien zu machen haben clevere Menschen einfach die dunkleren Steine vom Wüstenboden entfernt (und damit gleichzeitig entlang der Linien kleine Schutzwälle aufgeschichtet) und damit den helleren Untergrund freigelegt. Doch spannender als wie sie es gemacht haben ist immer noch: Warum zur Hölle? Maria Reiche glaubte, dass die Linien auf Orte am Horizont zeigten, an denen die Sonne, Sterne oder Planeten auf- oder untergingen. Wenn man sich die Menge an Linien aber ansieht, muss man sagen: Sie zeigen einfach überall mal hin. Und viele ins nirgendwo. Die Figuren, so glaubte sie, würden Sternbilder repräsentieren, aber auch dafür gibt es anscheinend keine überzeugenden Beweise. Die für mich überzeugendste Theorie ist bisher, dass es sich um gewaltige Zeremonienplätze gehandelt hat, auf denen die Nazca zusammengekommen sind um dicke Partys zu feiern, ihre Götter anzuhimmeln und um Regen zu bitten. Die Nazca waren in viele kleine Clans organisiert und die Linien und Figuren zu erschaffen war eine Art Sache der Ehre für einen jeden Clan, der etwas auf sich hielt. So wie ein echter europäische Könige später mindestens einen Dichter, einen Mathematiker und einen Alchemisten halten und eine Kunstsammlung sein Eigen nennen mussten, um angesehen zu sein. Aber die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren und so werden die Theorien immer irgendwo zwischen Weltraumlandeplatz und Sternbild oszillieren.

Nach einer halben Stunde ist der Flug in unserer Blechbüchse über der Wüste auch schon wieder vorbei und wir landen wieder wohl behütet und ein wenig benommen auf dem Flugplatz. Die nächsten Tage werden wir mit unseren Mitbewohnern kochen, quatschen und zu Silvester eine Party auf unserer Terrasse veranstalten. Überall in der Stadt binden sie zu Silvester Stoffpuppen auf Stühle um sie um Mitternacht anzuzünden und sich einen Spaß daraus zu machen Böller in die Flammen zu schmeißen. Irgendwann gegen zwei Uhr morgens fängt es dann sogar noch an zu regnen. In der Wüste! In der trockensten Wüste der Welt!!! Es sind nur ein paar Tropfen, aber es fühlt sich unglaublich an.

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