Etwas neues kommt

Im Norden Perús gibt es eine Stadt auf einem Berg. Hoch oben, auf über 2.000 Meter gelegen, thront die Stadt über die umliegenden Täler und Schluchten. Die Fahrt von der ecuadorianischen Grenze nach Chachapoyas dauert viele Stunden und ist eine Lehrstunde in Sachen Geduld und Schwitzen. Geduldiges Schwitzen, mal im Colectivo und mal im Compartido (normale Autos, die man mit anderen Menschen teilt…normalerweise auch Taxi genannt).

Colectivos sind so ne Art Minibusse. Von Außen klein wie ein VW-Bus und von Innen so voll gestopft mit Menschen, dass man glaubte es wäre ein großer. Das Maximum das ich bisher gezählt habe waren 23 Menschen in einem Kleinbus (es können nach und nach auch im Mittelgang die Sitze nach unten geklappt werden…für noch bessere Stapelmöglichkeiten), inklusive Fahrer. Die Sitze vorne neben dem Fahrer und die Sitze direkt hinter dem Fahrer sind aufgrund der extra Beinfreiheit eigentlich immer die Besten und damit als erstes weg. Es gibt natürlich auch keinen Fahrplan oder dergleichen, die Colectivos fahren, wenn sie genug Menschen gesammelt haben, und wohin sie fahren erschließt sich dem geübten Ohr durch den Gehilfen des Fahrers, der immer mit seinem halben Körper aus der Tür hängt um der Umgebung durch sein stimmvolles Organ Kunde von der Destination des Gefährts zu bringen (ein Job, der meistens kräftigen Burschen vorbehalten ist, doch auch die ein oder andere holde Maid konnten wir schon beim Gesang haften Brüllen belauschen). Dem Fahrergehilfen kommt jedoch auch die wichtige Aufgabe zu das Geld zu sammeln, was durch den Ruf nach „Pasaje“ angekündigt wird und ihm oder ihr obliegt es bei jedem Fahrgastwechsel neben der Tür zu stehen und zu schreien: „Baja!“ oder „Sube!“. Das hat bei uns für einige Verwirrung gesorgt, deshalb hier ein kleiner Crahskurs in spanischer Grammatik. Bajar und Subir sind die Formen des Infinitiv der Verben aus- und einsteigen. Und die Formen Baja und Sube bezeichnen die 2. Person Singular Imperativ: Steig ein / aus!!!!!! Nun, wenn man als Ausländer in den Bus steigt und neben einem irgend ein Vogel schreit „Sube Sube Sube Sube Sube“ ( Steig ein, steig ein, steig ein…), fragt man sich zwangsläufig: Was zur Hölle glaubt der Vogel, was ich hier mache? Kaffee trinken? Aber es kann auch nicht daran liegen das wir Gringos sind und die Busgehilfen glaubten, man müsse dummen Gringos erklären was man mit Bussen macht ( einsteigen? ), denn sie schreien auch die Peruaner an. Es scheint also irgendwie zur peruanischen Kultur zu gehören sich im Bus gegenseitig anzuschreien. Irgendwann teilen wir unsere Verwirrung und Verärgerung darüber beim Bus Fahren angeschrien zu werden einem Peruaner mit, der daraufhin in höllisches Lachen ausbricht und uns auf eine Besonderheit der spanischen Grammatik gepaart mit peruanischen Seltsamkeiten hinweist. Erstens können die Formen Sube und Baja nämlich auch als 3. Person Singular Indikativ übersetzt werden: Er/Sie steigt ein/aus. Was für sich genommen aber überhaupt nicht den geringsten Sinn ergibt, denn wem will unser Gehilfe denn mitteilen, das jemand einsteigt. Den Leuten die einsteigen? Häh? Und des Rätsels Lösung ist: Dem Fahrer. Ja, Fahrer sind offensichtlich zu faul sich selber umzudrehen, Rückspiegel zu benutzen ist eine verpönte Angewohnheit und die armen Fahrer leiden unter ständigem Gaspedaldurchdrückzuckungen. Deshalb steht der Gehilfe an der Tür und teilt dem Fahrer über akustische Signale mit, ob jemand ein- oder aussteigt, damit der Fahrer nicht urplötzlich anfängt das Gaspedal durchzudrücken und Fahrgäste in den Tod zu reißen. Auf so nen Schwachsinn musste erst mal kommen (wollte der Gehilfe jemanden auffordern doch endlich schneller ein- oder auszusteigen, würde er im übrigen die Höflichkeitsform des Imperativ benutzen, die 3. Person Singular, die da lauten: Suba und Baje…). Colectivos werden natürlich nicht nur verwendet. um zwischen den Ortschaften zu reisen, sondern bilden in Perú auch das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs innerhalb der Städte und Dörfer. Zwischen den Ortschaften sind Colectivos die kostengünstige Alternative zu den auch vorhandenen Überlandbussen. Je nach Geldbeutel gibt es hier in Perú für jeden das Richtige, vom überfüllten Colectivo bis zum Luxusbus mit Betten.

Etwas Neues Kommt

Ich liebe es tagsüber Bus zu fahren, um die atemberaubenden Landschaften beobachten zu können, die in Perú im Übermaß vorhanden sind. Vor allem die Gebirgstouren rauben einem wortwörtlich den Atem. Wenn man mal wieder auf einspurigen Straßen an hunderte Meter tief abfallenden Schluchten vorbei rauscht (ohne Leitplanken, versteht sich), der Fahrer wild die Hupe streichelt, damit uns potentiell entgegen kommende Fahrer auch hinter der nächsten Kurve hören, und man aus dem Fenster schauend dutzende Kilometer weit über Bergkuppen hinweg sieht, dann kann einem schon mal die dünne Luft weg bleiben. Was gefährlich klingt, ist tatsächlich nicht ohne Risiko. Kurz außerhalb von Cajamarca hielt unser Bus an einer Traube von Menschen, die an einer Kurve einen 200 Meter tiefen Abhang hinunter schauten. Ein Krankenwagen hatte sich ins Nichts verabschiedet. Sucht man Nachrichten aus Perú, ist es beinahe sicher etwas über ein Busunglück zu lesen. Aber natürlich fahren die Leute hier auch viel mehr Bus als bei uns und ich bin nicht ganz sicher, ob es tatsächlich mehr Unfälle als in Deutschland gibt, wenn man es mal auf die Anzahl der Autos und Busse bezogen ausrechnen würde. Jedenfalls habe ich tagsüber, wenn ich den Abgrund wenigstens sehe, ein besseres Gefühl. Auf den Straßen Perús gibt es eine weitere Sache, die einem als Reisender sofort auffällt: Die überall an der Straße bemalten Hauswände. Leider handelt es sich dabei weder um hübsche, bunte Graffiti noch um andere Kunstformen, sondern um abgrundtief hässliche Wahlwerbung, die sie den Leuten auf die Wände schmieren. Wir sehen hier noch die Reste der Wahl von Anfang 2016 und ich hoffe die Leute lassen sich wenigstens richtig gut dafür bezahlen, dass irgendwelche Parteien ihnen die Wände verschandeln (wir bekommen unterschiedliche Infos auf diese Frage..mal ja mal nein)

Stadt in den Wolken

Von der kleinen, unscheinbaren Stadt Chachapoyas (liebevoll Chachas genannt und mit einem 1 km tiefen Canyon in der Nähe!! WOW!) aus fährt man jedenfalls einen gewagten Gebirgspfad entlang, um zu einer der eindrucksvollsten Stätten dieses Kontinents zu gelangen: der antiken Stadt namens Kuelap, die in der Kühnheit ihrer Konstruktion und der Geheimnisumwittertheit ihrer Konstrukteure nur von Machu Picchu übertroffen wird und nicht einmal halb so bekannt ist. Ich sitze neben unserem (tiefen entspanntem) Fahrer, während wir uns die Hügel höher und höher hinauf schieben. Die Bergspitze, auf der Kuelap gebaut wurde, sieht man sehr früh, aber man ist getrennt von einer immer tiefer werdenden Schlucht, an deren Rand man nach der Ersten Sichtung von Kuelap noch über eine Stunde lang entlang fahren muss, um zur Festung zu gelangen. Die Bergwand zur Festung Kuelap hinauf, die man von der Straße aus sieht, scheint über einen Kilometer fast senkrecht abzufallen ( sie bauen zur Zeit eine Seilbahn über diese surreal tiefe Schlucht…wenn die fertig ist, muss man einen unglaublichen Blick aus der Gondel haben) und ist ein unvergesslicher Anblick. Unser Fahrer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und zeigt mir immer noch tiefere Abgründe, während er sich an meinen ungläubigen Blicken ergötzt (oh war ich noch grün hinter den Ohren). Weit oben, am Fuße der Festung, angekommen überwinden wir einen kurzen, aber steilen Aufstieg und überblicken viele Kilometerweit die Täler der Umgebung. Die Straße auf der anderen Seite der Schlucht, die wir uns nach oben gequält haben, sieht von hier gar nicht so gefährlich aus, eher als hätte jemand mit einem Pinsel eine Linie in die Landschaft gemalt. Kuelap ist ein Plateau auf einem Berg, das auf einer Seite von gewaltigen Mauern umgeben und auf der anderen durch die steil abfallenden Berghänge des Gipfels begrenzt wird. Diese Stadt war uneinnehmbar und in perfekter Lage um alles zu überblicken, was in den Tälern so vor sich ging. Viele ründliche Steinhäuser bevölkern das Plateau, deren Strohdächer schon vor hunderten von Jahren verfault sein müssen. Ein Häuschen haben die netten Archäologen, komplett mit Dach, nachgebaut, es gibt die Reste einiger Begräbnistürme, voll mit menschlichen Überresten und nur drei Wege führen durch die dicken Mauern hinauf auf das Plateau. Wie sich die Erbauer dieser Stadt selbst nannten, ist leider nicht mehr bekannt. Wir wissen nur, wie sie von denen genannt wurden, die sie erobert haben: Chachapoyas. Nebelkrieger. Nebelkrieger offensichtlich einerseits, weil sie ernst zu nehmende Gegner waren (sie haben ihren Eroberern jahrelang blutigen Widerstand geleistet und hatten die unschöne Angewohnheit die abgeschlagenen Köpfe ihrer Gegner vor ihre Hauseingänge zu hängen) und andererseits weil der Großteil ihrer Heimat aus in den Bergen liegenden Nebelwäldern besteht. Kuelap war trotz dieses kämpferischen Namens seiner Erbauer wahrscheinlich ein religiöser Ort oder eine Stadt für Privilegierte und Verwaltung. Kaum Kampfspuren zeigen, dass es kein Ort des Krieges war und die Größe und die Lage, dass dieser Ort diejenigen beeindrucken sollte, die den beschwerlichen Weg hier her auf sich nahmen. An anderen Orten der umliegenden Täler hat man Festungen und an Flussbetten hat man riesige Sarkophage der Chachapoyas gefunden. Dieses Volk gibt bis heute viele Rätsel auf. So passt ihre Kunst, die Art ihrer Tongefäße, ihre Malerei und ihre Stickerei angeblich nicht zu anderen südamerikanischen Kulturen und es scheint, als gäbe es keine kulturellen Vorläufer, was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit sein sollte. Auch die Konstruktionsart ihrer Häuser, die Art der Waffen, die sie benutzten und das ihre Nachfahren von spanischen Reisenden als blond und weiß beschrieben wurden, haben dazu beigetragen, das sich unendlich viele Legenden um ihre Herkunft ranken (eine spannende: frappierende kulturelle Ähnlichkeiten zwischen den Chachapoyas und antiken Gesellschaften der Balearen haben die Theorie geboren, es handelte sich um Nachfahren von Kriegern, die vor der Expansion des römischen Reiches flohen und den Weg übern Ozean und den Amazonas hinauf bis hierher meisterten). Wo sie herkamen. werden wir nie genau wissen, aber wie sie untergingen schon: Sie wurden Opfer der Ende des 15. Jhd. unaufhaltsamen Expansion des Inkareiches. Viele Jahre haben die Chachapoyas Armee nach Armee der Inka zurückgeschlagen, bis der Inkakönig ihrem Widerstand persönlich ein Ende bereitete. Die Inka bauten ihre Garnisonen im Gebiet der Chachapoyas und errichteten sogar ihre eigenen Tempel in Kuelap, doch konnten den Geist des Widerstandes niemals völlig auslöschen. So durchzuckten mit blutiger Regelmäßigkeit Aufstände das eroberte Gebiet (bei einem soll sogar ein Inkakönig sein Ende in den Nebelbergen gefunden haben) und als die Spanier ankamen, schlugen sich die Herren von Kuelap sofort auf die Seite der Feinde der verhassten Inka und halfen dem Reich den Todesstoß zu versetzen. Wie so oft bei diesen Dingen, haben sich die Chachapoyas damit keinen Gefallen getan und die Spanier erwiesen sich als Freunde, bei denen man keines Feindes mehr bedarf. Die Spanier vertrieben die Chachapoyas nach ihrem Sieg über die Inka aus ihren eigenen Städten und zwangen sie dazu in den neu angelegten Städten nach spanischem Vorbild zu leben und für die Spanier zu arbeiten. So wurde der Großteil der Kultur, der die Besatzung durch die Inka überlebte, von den Spaniern vollständig zerrieben und die Städte der Chachapoyas gerieten für hunderte von Jahren in Vergessenheit und ein Volk verschwand.

Geburt eines Weltreichs

Als die Chachapoyas unter die Herrschaft der Inka gerieten, gehörte den Inkas das größte Reich der Welt. Tausende Kilometer von Kolumbien bis Chile hörten auf das, was der Inka, der Imperator des Reiches, befahl. Ihr Reich nannten sie das Reich der vier Himmelsrichtungen, Tawantinsuyu. Die Legende besagt (alles was wir über die Inka wissen, stammt aus Chroniken nach der Eroberung durch die Spanier und ist dementsprechend unklar), dass die Inka, vier Brüder und vier Schwestern, vom Titikakasee kamen und in die Gegend um Cusco einwanderten. Ein Kaff aus 30 Strohhütten bestehend, umgeben von anderen Käffern. Doch die Inka hatten Großes vor. Unter Wisaqocha Inka führten sie einen Krieg gegen eines der benachbarten Käffer und der jüngste Sohn Wisaqochas, Yupanki, nahm die Anführer gefangen und brachte sie vor seinen Vater, damit dieser, wie es grausiger Brauch war, seine Füße an ihnen abreiben konnte bevor sie gehäutet wurden und ihre Haut in Cusco ausgestellt wurde (noch Pizarro selbst sah später wohl die Trophäen). Doch Wisaqocha wollte diese Ehre an seinen ältesten Sohn abgeben, der dereinst sein Nachfolger werden sollte. Yupanki war nicht begeistert und, nachdem er auch noch ein Mordkomplott seines Vaters gegen sich aufdeckte, brachte er all seine Brüder um, schickte seinen Vater ins Exil, bestieg den Thron der Inka und nannte sich von nun an Pachakuti. Der Weltenschüttler. Und das war er. Pachakuti verbrachte die nächsten 30 Jahre damit, alles in Sichtweite zu erobern und zu unterwerfen. Er baute den Kult um den Inka aus, die nun von der Sonne abstammen sollten und damit selbst auf der Erde wandernde Götter waren, und er begründete den Imperialen Charakter dessen, was das größte Reich seiner Zeit werden sollte. Tawantinsuyu sollte die Menschen nicht nur unter eine Zentralgewalt unterwerfen, sondern ihnen zugleich, und vielleicht wichtiger, eine einheitliche Kultur, Religion und Sprache bringen und dafür setzten die Inka auf nackte Gewalt, auf kluge Machtpolitik, auf die ausgefeilteste Bürokratie und Organisation ihrer Zeit und auf die Schaffung eines ganz neuen Volkes, das sie beherrschen konnten.

So wurden einige Völker dadurch unterworfen, dass die Inka sie am Anfang mit Geschenken überhäuften und im Gegenzug nur Loyalität und ein paar Häuser und Diener für ihre Verwaltung forderten (natürlich mit einer Armee im Anschlag, versteht sich). Dann würde das Gebiet langsam und ganz ohne Krieg immer weiter in die imperiale Maschinerie, Wirtschaft und Verwaltung eingebaut und graduell die Forderungen an die lokalen Führer erhöht und die Daumenschrauben angezogen. Irgendwann wären die lokalen Herrscher und ihr Reich so weit eingespannt, das an ein ausbrechen aus dem Imperium nicht mehr zu denken sei. Die Inka würden im Mao- und Stalin-Stil riesige Volksgruppen umsiedeln. Eroberten sie ein Gebiet, brachten sie so viele Menschen aus anderen Teilen ihres Reiches dort hin, gaben ihnen Land, dass die Neuen teilweise zahlreicher waren als die Einheimischen. Damit schafften die Inka zwei Dinge. Kurzfristig hatten sie zwei Gruppen von Menschen, die sich gegenseitig nicht sonderlich leiden konnten und die die Inka leicht gegeneinander ausspielen konnten, wenn es nötig geworden wäre. Und langfristig entwurzelten sie die Menschen und mischten sie neu zusammen, beraubten sie damit ihrer Heimat, ihrer Traditionen und ihrer Beziehungen. Sie schafften sich das Substrat, auf dem sie hofften einen neuen Menschenschlag gründen zu können. Es scheint eines der Hauptmittel, das sie dafür verwendeten, war Arbeit. Die Menschen der Anden (und wahrscheinlich alle Menschen vor nicht all zu langer Zeit) waren es gewöhnt einen Teil ihrer Zeit für gemeinschaftliche Projekte aufzubringen. Für das bestellen von Äckern, die beispielsweise dem gesamten Dorf gehörten. Die Inka übernahmen diese Tradition und bauten sie gewaltig aus. Alle Menschen waren nun verpflichtet einen Teil ihrer Zeit für das Imperium zu arbeiten. Als Bauern auf staatlichen Feldern, als Soldaten auf imperialen Schlachtfeldern, als Künstler und Weber in staatlichen Fabriken oder als Arbeiter auf dem gewaltigen Straßennetz. Während dieser Zeit wurden sie vom Imperium verpflegt, angekleidet und untergebracht. Ganze Armeen von Arbeitern bauten das gewaltigste Straßennetz aller Zeiten und die Inka gehörten zu den wenigen Völkern der Weltgeschichte, für die Überfluss an der Tagesordnung war und die sogar den Hunger auslöschten. Ihre Warenspeicher waren voller Essen, voller Kleidung und Tonwaren. Die Spanier waren mehr als beeindruckt, als sie diesen Überfluss sahen. Da das Reich der Inka so unterschiedliche ökologische Landschaften wie Wüste, Steppe, gewaltige Gebirge, tropischen Wald und Küstenregionen verband, hatte jede Gegend etwas zum Fortbestand des Reiches beizutragen. Die Küsten lieferten beispielsweise Fisch, die Gebirge Mais und Kartoffeln und die Wälder Obst. Die Inka verteilten all diese Produkte so geschickt in ihrem Land, dass sie kein Geld brauchten und noch nicht einmal Märkte besaßen. Die Unwegsamkeit und Mannigfaltigkeit ihrer Umgebung münzten sie so vielleicht in ihren größten Vorteil. Sie bauten ein Reich, das sich über 32 Breitengrade erstreckte, von über 30.000 km Straße durchzogen wurde und auf den Willen eines Mannes hörte. Und dieser Mann war Gott gleich, er war ein Gott und benötigte als solcher ein zu Hause, das ihm würdig war. Und dieses zu Hause war Cusco.

Der Nabel der Welt

Cusco liegt mal wieder in luftig dünnen Höhen und wir kommen nach einer durchfahrenen Nacht an. Die Höhe macht mir hier richtig zu schaffen und ich wache jeden Tag mit Kopfschmerzen auf. Die Einheimischen erklimmen die vielen Berge hier mit einer Leichtigkeit die mich neidisch werden lässt, wenn ich mal wieder nach Luft ringend an einer Straßenecke stehe. Es regnet jeden Tag in Strömen und ich freue mich irgendwie endlich mal einen Ort zu sehen, an dem es definitiv keine Wasserknappheit gibt. Läuft man durch Cusco, könnte man den Eindruck gewinnen ein ganz normales peruanisches Städtchen zu durchschreiten, wären da nicht die seltsamen Mauern die einem immer wieder begegnen. Ganz ohne Mörtel haben die Inka hier gewaltige Granitblöcke so geschickt bearbeitet, dass die Blöcke perfekt ineinander passen und nicht einmal ein Stecknadelkopf zwischen zwei Blöcke gesteckt werden könnte. Auf manche der Mauern haben die Spanier später Kirchen gesetzt und ich bin wieder beeindruckt davon, wie viel hier in Cusco durch Erdbeben zerstört wurde. Nur eines eben nicht: Die Inkamauern. Mit Elvis (offensichtlich nicht tot) machen wir zwei kostenlose Touren durch diese wunderschöne Stadt und lassen uns ein wenig in die Logik und Pracht der Inka einführen. Nachdem Pachakuti genug vom Erobern hatte, übergab er diese Aufgabe seinem Sohn Thupa Inka und widmete sich dem Ausbau des Zentrums des Reiches. Riesige Plätze ließ er anlegen, weißen Sand von der Küste importieren und auf den Plätzen verteilen und die Dächer der umliegenden Häuser mit Goldplatten verkleiden, so dass die Strahlen der Sonne diese Orte in ein Fest des Lichtes verwandelt haben müssen. Da die Inka (also die Herrscher) Götter waren, konnten sie logischer weise nicht sterben. Tote Inkas wurden deshalb mumifiziert und ihre Mumien wurden in ihren Palästen aufgestellt und dort von ihren Frauen und Dienern so behandelt, als wären sie noch immer am Leben. Orakelfrauen übernahmen den Job für die Mumien zu sprechen und an Feiertagen wurden die Mumien auf ihren Sänften (auch lebende Inka liefen niemals in der Öffentlichkeit, sondern wurden immer getragen) öffentlich durch die Straßen Cuscos getragen. Da die Mumien lebten, konnte ein neuer Inka natürlich auch nicht den Palast eines vorherigen Inka übernehmen, sondern musste sich einen neuen Palast bauen. Cusco hatte irgendwann ein richtiges Mumienproblem. Zu viele Paläste und zu wenig Platz. Alles was der Inka berührte, sogar seine Spucke, wurde aufgehoben und gesammelt und ein mal im Jahr zeremoniell Verbrannt, weil die Erde zu dreckig sei, die Hinterlassenschaften des Inkas zu empfangen. Da die Inka Götter waren, war auch das Heiraten schwierig. Wer sollte rein genug sein, Kinder mit einem Gott zu zeugen? Richtig: Seine Schwester! Klar, oder? Cusco, was so viel wie Nabel oder Mittelpunkt bedeutet, war der Nabel der Welt für die Inka. Vier Straßen verliefen von hier in die Himmelsrichtungen und teilten Tawantinsuyu in die Vier Teile. So wie die Milchstraße, die Sternenstraße am Himmel, den Nachthimmel im Verlauf eines Jahres in vier Teile teilt.

Picchu My Ass

Cusco liegt in einem Tal, dem heiligen Tal, und von den Bergflanken aus hat man einen Schönen Blick über die Stadt, wie sie sich das Tal entlang schlängelt. Elvis erzählt uns, dass auch Cusco während des Bürgerkrieges gewaltig wuchs, weil so viele Menschen aus den umliegenden Bergen hier her flohen. Er erzählt, dass sein Vater sich ärgert vor dem Krieg nicht Land in Cusco aufgekauft zu haben, denn es wäre heute ein kleines Vermögen wert. Wir sind ansonsten ziemlich schlechte Touristen in Cusco und schauen uns gar nicht viele der umliegenden Inkaruinen an. Wir nutzen Cusco vorerst lieber als Sprungbrett zur bekanntesten aller Ruinen. Konnte man sich viele der anderen Ruinen, die wir uns in Peru angeschaut haben, quasi alleine und für quasi nüscht bewundern, so sieht das bei Scheißu Picchu und Inka-Shit im allgemeinen anders aus. Tausende Touristen strömen jeden Tag nach Machu ( bin zu faul das immer auszuschreiben :) ) und die Peruaner sind natürlich nicht dumm und erkennen ihr Geschäft mit den laufenden Gringogeldautomaten. Als Gringo kann man sich hier dumm und dämlich bezahlen. Der Eintritt für Machu Picchu für einen ganzen Tag: Über 60€. Der Eintritt für die beiden Bergspitzen, die Machu Picchu flankiern: Locker noch mal 50€ oben drauf. Die Fahrt mit dem Zug nach Machu Picchu: Nur läppische 200€. Dumm und dämlich. Will man noch ein paar Inkaruinen im Umkreis besuchen, stellt man fest, dass es keine Einzeltickets gibt. Man muss ein Boleto Touristico kaufen, dass einem den Eintritt in 10 Ruinen und Museen gestattet (natürlich nich nach Picchu, versteht sich): Nur weitere 60€. Willste gar nich? Willst nur eins sehen? Bist ein armer Student und kannst dir das gar nich alles leisten? Dann fick dich doch und geh nach Hause! Die Einzige Ausnahme gibt es für Peruaner. Für die ist der Spaß quasi kostenlos. Machu Picchu: Kostenlos am Donnerstag. Zug: 3.5€. Boleto: 3.5€. Ausländer zahlen 20 mal mehr. Ich mein, das es für Peruaner so billig ist, is total in Ordnung. Aber muss es für andere gleich 20 mal so viel kosten?

Ach, Gringos

Aber das Verhältnis zwischen Peruanern und Ausländern ist sowieso eine Geschichte für sich. Nicht nur was Inkashit angeht sind die Peruaner gnadenlos im Umgang mit Gringos. Es fängt schon damit an, das man als Weißer auf der Straße regelmäßig hört, wie Leute einen Gringo nennen. Kinder schreien uns „Ey gringos“ hinterher (was so manchen Gringo zum ausrasten bringen kann). Leute stehen vor uns, während sie mit dritten über uns reden und uns Gringos nennen. Eine alte Frau läuft mir auf dem Bürgersteig entgegen, bleibt vor mir stehen, seufzt laut und sagt, bevor sie weiter geht:“Ach, gringos“. Gringos sind ja eigentlich Nordamerikaner, aber hier in Peru sind es alle mit weißer Haut. Es ist ein wenig so, als würde ich in Deutschland Schwarze mit „Ey Schwarzer“ ansprechen. Geht eigentlich gar nich. Aber Peruaner sagen auch zu Chinesen Chinos und zu Schwazen Negritos. Kein Problem! Es gibt ein Wort, das früher die Mestizos hier für die indigende Bevölkerung benutzt haben und das früher sehr und heute immer noch etwas beleidigend sein kann, wenn man es benutzt: „Cholo“ (Kumpels untereinander benutzen es schon). Ab sofort sollte man Leuten, die einen Gringo nennen, mit Cholo begegnen. Mal sehen, wie sie reagieren. Aber wann hat „Wie du mir, so ich dir“ denn schon mal geholfen? Das in Peru unverhältnismäßig viele Gringos rumhängen, merkt man auch daran, dass viel mehr Menschen als in Ecuador mit etwas Englisch aufwarten können und daran, dass viel öfter versucht wird, einen zu verarschen. Manchmal mit unkreativen Dingen, wie einem sonder Gringopreis, manchmal kreativer. Ein mal bringt uns ein Taxifahrer zu einer Inkaruine auf einem Berg. Während er so fährt, erzählt er uns, dass der Wanderweg von der Ruine hinunter ins Dorf gesperrt sei und man auf keinen Fall laufen könne. Aber er würde sich natürlich opfern, auf uns warten und uns wieder zurück zu bringen. Wir lehnen dankend ab und fragen in der Ruine einen Aufpasser: Weg nach unten? Na da lang! Ein mal laufen wir an einem Hafen entlang und suchen ein Boot, dass uns über einen Fluss bringt. Die Boote sind hier billig wie öffentlicher Nahverkehr. Während wir so laufen verfolgt uns ein Tourverkäufer und versichert uns, dass es nur vormittags diese Boote gäbe. Jetzt würden nur noch seine Boote fahren. Na ja, als wir dann den richtigen Steg mit den billigen Booten finden, zeigt er auf eben jenes Boot und meint nur: „Ach ja, da is das Boot, das ihr sucht“. Erwischt man die Leute dabei einen gerade verarschen zu wollen, fühlen sie sich nicht schlecht oder würden sich entschuldigen. Meistens lachen sie einfach und gehen danach fröhlich ihres Weges. Das ist eigentlich auch ganz sympathisch so: probieren kann man es ja ruhig mal und wer sich verarschen lässt, ist schließlich selber schuld (wer weiß, wie oft so was bei uns schon funktioniert hat). Dennoch ist die überwältigende Mehrheit der Peruaner unglaublich freundlich und hilfsbereit. Wenn wir unsere Gringo Geschichten erzählen, ist es vielen peinlich, das manche ihrer Landsleute so drauf sind, und wer kein persönliches Interesse daran hat einen hinters Licht zu führen, ist immer hilfsbereit. Ein mal im Bus irgendwohin wussten wir nicht, was die Fahrt kostet, und versuchten die Frage zu dem Fahrer vor zu brüllen. Die Frau neben mir beugte sich dann, den Fahrer und den Gehilfen fest im Blick, zu mir herüber und flüstert mir den Fahrpreis zu. Nur wie immer in Lateinamerika gilt: Wegbeschreibungen sollte man erst vertrauen, wenn man mindestens 5 verschiedene Leute gefragt hat. Kennen die Leute die Antwort nämlich nicht, werden sie einen einfach irgendwohin schicken und manchmal nehmen die Erklärungen die Form von: „Da lang“ mit Schlängellinien machender Handbewegung an. Perú ist sehr international und als Gringo ist man lange nicht so eine Besonderheit wie in Ecuador. Schade eigentlich.

Failed

Bei all den Abzockerpreisen, die die im allgemeinen und Machu Picchu im besonderen betreffen, denken wir uns jedenfalls: Mit uns doch nich. Als erstes buchen wir nur das Halbtagesticket für Picchu, mit dem man erst mal 12 Uhr Mittags rein darf (die meisten Gringos lesen in ihren Reiseführern der Sonnenaufgang wäre das Highlight und sie alle wollen 6 Uhr morgens oben sein…aber in Picchu regnet es fast jeden Tag oder es ist neblig: also meistens eh nix mit Sonnenaufgang) für 40 € und zweitens denken wir uns: Die Zugstrecke, die kann man doch auch laufen, oder? Nach Picchu zu kommen ist, gelinde gesagt, ein Abenteuer. Von Cusco aus gibt es 2 Routen. Die erste: Bus nach Ollataytamba (ungefähr 2 Stunden von Cusco) und von dort Zug nach Aguas Calientes (Ort direkt am Fuße von Machu). Die Zweite Route: Bus von Cusco zu einem Ort namens Hidroelectrico (Wasserkraftwerk, ungefähr 7 Stunden) und von dort entweder einen auch sündhaft teuren Zug nach Aguas Calientes nehmen oder offiziell 2 Stunden über die Schienen bis nach Aguas laufen. Wir dachten uns, na wenn man eh irgendwo die Schienen laufen kann, warum dann nicht nach Ollataytamba fahren und von dort über die Schienen bis Aguas Calientes latschen? Das dauert etwa 6 bis 8 Stunden, man spart sich ne beschissene Busfahrt und genießt die Landschaft des heiligen Tals, durch das man wandert. Es gibt nur ein Problem: Dat darf man nich. Aber was solls, denken wir uns, dat wird schon.

Von Cusco aus nehmen wir ein Colectivo in das Dorf Ollataytamba, mitten im heiligen Tal gelegen und für viele, unabhängig von ihrer Route, ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Machu Picchu. Ollataytamba ist ein altes Inkadorf, das immer noch von Straßen durchzogen wird, die von den fein zusammengesetzten Mauern der Inka flankiert werden und die links und rechts von ihren Kanälen durchzogen werden, die das Regenwasser der Berge ableiten. Das Dorf ist umgeben von Bergen. Auf seiner Rückseite erhebt sich ein hunderte Meter hoher, spitz und steil zulaufender Berg, an dessen Flanke ein paar kleine Häuschen kleben (Kühlschränke, wie uns ein Einheimischer erklärt). Ein paar hundert Meter Dorf trennen diesen Felsen von einer Bergkette, die in konstant scheinendem Abstand den spitzen Berg in eine Richtung halb umrundet. Die andere Richtung am spitzen Berg entlang gibt den Blick frei auf ein weiteres, sich lang dahinziehendes Tal. Auf dem Halbkreis förmigen Berg haben die Inka eine Festung geklatscht, die sich über viele Terrassen die Bergflanke hoch schiebt. Es regnet den ganzen Tag in Strömen, aber wir haben vorgesorgt, peinliche Regenponschos besorgt und wagen die Bergbesteigung. Am Eingang müssen wir dann ein Boleto kaufen und denken uns, da wir Maschas Studentenausweis dabei haben, das versuchen wir doch mal. Über dem Kassenhäuschen klebt ein Schild, das darauf hin weist, das internationale Studenten nur bis 25 Jahre Rabat bekommen. Wir meinen Mascha wäre 25 und hätte ihren Ausweis mit dem Geburtsdatum halt nich dabei. Der Typ im Kassenhäuschen guckt uns jedenfalls skeptisch an und kommt dann mit dem ältesten Trick aller Zeiten: In welchem Jahr bist du denn geboren? Öh, stotter, stotter, 1990? Nein! Fuck! Tja, versuchen kann man es ja mal, wenn man dann verkackt ist man selber Schuld. Also lachen und die Kohle auf den Tisch klatschen. Wir krachseln die Terrassen hoch, entdecken eine Tür an der Bergflanke, in eine Mauer eingebaut, hinter der ein Trampelpfad auf die Bergspitze hoch führt. Wir registrieren das Schild neben der Tür, das sagt um 4 machen sie die Tür zu und erklimmen den Berg, genießen die Aussicht und die sich endlich durch die Wolken beißende Sonne. Auf dem Rückweg, gegen halb fünf, zusammen mit einer Gruppe Peruaner, müssen wir feststellen: Die machen die Tür ja wirklich zu! Scheiße, aber über die Mauer ist schnell rüber geklettert und wir ärgern uns überhaupt Eintritt bezahlt zu haben. Da hätte man auch so reinkommen können. Wir verbringen noch eine halbe Stunde damit uns die unterirdischen Kanäle, die alten Brunnen und die hübschen, nachgebauten Inkahäuser anzuschauen. In Ollataytamba weihen wir unseren Hostelbesitzer in unsere Wanderpläne für den nächsten Tag ein und er gibt uns ein paar Tipps für den Schienenweg. Am wichtigsten: Sehr früh losgehen. Ab um 7 Uhr stehen Mitarbeiter der Bahnlinie am Bahnhof Schmiere und man kommt nicht mehr auf die Schienen. Gesagt, getan.

Den Abend ziehen wir noch ein wenig mit ein paar Italienern um die Häuser und um halb sechs am nächsten Morgen sitzen wir im Colectivo zum Bahnhof und … warten. Bis es voll is. Erst gegen 6 fahren wir los. Im Colectivo erzählt mir ein Einheimischer, wie schön der Weg sei und das es mit den Bahnmitarbeitern absolut keine Probleme gäbe! Das Colectivo tuckert jedenfalls so vor sich hin und es dauert eine Stunde bis wir endlich am Bahnhof, der in einem kleinen Dorf liegt, aufschlagen. Das Dorf liegt im Heiligen Tal. Ein Fluss fließt durch die Berge, neben dem Fluß liegt die Zugstrecke und neben der Zugstrecke das Dorf, bis das Dorf irgendwann verschwindet. Wir sind die letzten im Bus und der Colectivofahrer lässt uns am Bahnhof, natürlich direkt neben einem der übereifrigen Bahnmitarbeiter, raus (ich glaub das hat er so geplant gehabt). Der Bahnmitarbeiter erklärt uns dann es sei illegal auf den Schienen zu laufen. Wir versuchen zu diskutieren, vom Hidroelectrico aus laufe man schließlich auch über die Schienen. Aber das sei natürlich was vöööllig anderes, meint der! Da wäre es voll sicher und hier halt nich. Und es habe natürlich überhaupt nichts damit zu tun, dass man die Leute einfach dazu bewegen wolle doch ein Zugticket für 200€ zu kaufen. Schnell sind wir jedenfalls von 4 Bahntypen umringt und als wir ihnen sagen, wir wollten halt nur ein wenig durchs Dorf laufen, verbieten sie uns auch das und sagen sie würden gleich die Bullen rufen. Wir laufen also in die entgegengesetzte Richtung zur Zugstrecke, zurück in Richtung Ollataytamba. Nach ein paar Kurven, als uns die Bahnmitarbeiter nicht mehr sehen, erklären wir einen Einheimischen, der vor seinem Haus chillt, die Situation und fragen ihn, ob es nicht einen anderen Weg auf die Bahnschienen gäbe (seine Frau verlangt gleich 10 Dollar). Er führt uns um sein Haus herum und zeigt uns einen Trampelpfad, auf dem wir erst mal durch ein Feld einen Berghang hoch laufen sollen. Weiter oben sollen wir dann in die Richtung der Schienen den Berghang entlang laufen um dann später, wenn wir die Bahnfutzis umlaufen haben, zu den Schienen zu gehen. Wir drücken ihm ein paar Sol in die Hand und laufen los. Irgendwann verwandelt sich der Weg in Gestrüpp und Gestrüpp irgendwann in einen den Berg herunter fließenden, mit Steinen gespickten Fluss. Ein Eingeborener hilft uns nochmal mit einer Wegbeschreibung weiter, wir klettern den Fluss herunter, kämpfen uns durch ein Bauerngehöft mit wild gewordenem Hund und umgehen so tatsächlich das Dorf. Wir sind immer noch auf einer Anhöhe über den Schienen, lucken nach unten um zu gucken, ob die Luft rein ist, als uns von unten ein die Schiene patrouillierender Bahnmitarbeiter (mit Machete, versteht sich) erspäht und die Anhöhe zu uns erklimmt und uns freundlich aber bestimmt ins Dorf zurück bringt (probieren kann mans ja mal). Scheiße. Wenigstens laufen wir mit ihm ein wenig den Inkapfad, die alte Straße die Cusco mit Machu verband (und die man mit Guide 5 Tage lang laufen kann…aber nur mit Guide, alleine verboten), entlang. Im Dorf angekommen bekommen wir einen Schatten, der uns bis zum Bus verfolgt. Um ihn zu ärgern, setzen wir uns noch in ein Café und trinken einen Coca Tee. Er wartet geduldig vor der Tür und lässt uns keine Sekunde aus den Augen. Auf der Dorfstraßen laufen jetzt dutzende Touristentrupps vorbei. Sie laufen den Inkapfad. Die Touristen mit leichtem Gepäck und die Einheimischen Guides mit riesigen Rucksäcken, größer als sie selbst. Wir beobachten das Schauspiel, schlucken unsere Enttäuschung und unseren Coca Tee bedacht langsam und setzen uns irgendwann ins Colectivo zurück nach Ollataytamba. Es hat halt nicht sein sollen. In Ollataytamba organisieren wir relativ schnell ein Touricolectivo, das von Cusco zum Hidroelectrico fährt und noch 2 Plätze frei hat (sie müssen alle durch Ollataytamba…eine Frau hat es sich am Hauptplatz des Dorfes zur Beschäftigung gemacht für Touristen Colectivos anzuahlten und für ihre Dienste gleich mal 5 Dollar Aufpreis aufs Colectivoticket zu verlangen..nein danke).

Straße des Todes

Jeden Tag sehen tausende Menschen Machu Picchu. Jeden Tag bezahlen diese tausenden Touristen unglaublich viel Geld dafür. Ein Aufpasser in Machu sagt, an nem normalen Tag kommen etwa 3.000 Touristen hier rein. Rechnet man mal mit nem durchschnittlichen Eintritt von 50€ (ein paar sind ja Peruaner und ein paar sind kleine Nachmittagsticketsparasiten wie wir), machen die am Tag 150.000€ mit der Anlage. Am Tag!! Und da is noch nich das Geld vom Zug und von all den anderen Dingen um Machu Picchu herum eingerechnet. So eine Gelddruckmaschine will ich auch im Keller haben. Da würde man denken: Von so viel Geld, müssten die Straßen hoch nach Picchu eigentlich mit Goldplatten ausgelegt sein. Tja, die Fahrt mit dem Colectivo belehrt uns eines besseren. Nachdem wir mehrere Stunden einer relativ guten aber kurvigen Straße durch die regnerischen Berge folgen (immer den downhill fahrenden Fahrrädern ausweichend), biegt das Colectivo irgendwann unvermittelt auf eine Schotterpiste ab. Die Schotterpiste schiebt sich, langsam immer mehr Höhe gewinnend, einen Berghang entlang. Links von uns wird der Abgrund immer tiefer und die Straße immer enger. Ein paar der Leute im Bus fangen schon an Panik zu schieben (Peruaner!!!!), als wir an den steilen, steinigen, hundert Meter tiefen Abhängen (ohne Leitplanken, versteht sich) auf der kurvigen, staubigen Straße vorbei sausen. Ein Mädchen neben mir schwört sich für den Rückweg ein Zugticket zu kaufen und ein Baby auf der anderen Seite von mir kotzt den Bus voll. An einer Kurve gab es einen Erdrutsch und ein Haufen Steine liegt über der Straße verteilt. Die Erde formt einen Abhang über der Straße, der vom Abgrund Richtung Felsen schräg hoch verläuft. Der Bus fährt über diesen Haufen Erde, sich dabei Richtung Abgrund lehnend und wir hören, wie die Steine unter den Rädern ins rutschen geraten. Ein paar Leute schreien. Wider Erwarten überleben wir und kommen irgendwann am Wasserkraftwerk an. Das ist was einen erwartet und was Perú aus all dem scheiß Geld macht, das ihnen der Tourismus hier in den Arsch stopft. Vielen Dank. Irgendwer behauptet später Fujimori hätte in seiner Zeit die Verwaltung Picchus und die Einnahmen an eine private Firma abgegeben. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber es würde erklären, warum aus all der Kohle einfach nichts Sinnvolles gemacht wird. Am Hidroelectrico geht’s jedenfalls auf die Schienen. Weil hier is es ja schließlich sicher. Und wir laufen Richtung Aguas Calientes durch das beeindruckendste Tal, das ich je gesehen habe. Die Schienen folgen einem reißenden Fluss, in dem Haus-große Steine vom Wasser umspült werden. Rechts von den Schienen ist der Fluss, noch weiter rechts ist eine gewaltige Felswand und links von den Schienen ebenfalls. Manchmal schieben sich die Schienen durch so enge Bereiche, das man keine Chance hat links oder rechts von den Schienen auszuweichen, wenn der Zug kommt. Total sicher halt. Die Felswände sind viele hundert Meter hoch, steil, an vielen Stellen an die 90°, und an den Stellen, die nicht ganz so steil sind, bewachsen mit Bäumen und Sträuchern und das Tal. das sich der Fluss hier über Millionen von Jahren gegraben hat ist vielleicht gerade mal 100 Meter breit. Der Fluss schiebt sich in U-Form um einen gewaltigen Felsen, den wir umlaufen und auf dessen Spitze wir irgendwann Terrassen und Häuser erkennen: Scheißu Picchu! Nicht selten kommt man an Felswänden vorbei, von denen LKW große Teile abgebrochen sind. Es ist feucht und nieselt die ganze Zeit, das Wasser rinnt die nackten Felswände herunter. Gegen Ende der Wanderung fängt es dann natürlich noch in Strömen zu regnen an und nach einer halben Stunde sind wir, trotz der peinlichen Regensäcke die wir um unsere Körper geworfen haben, völlig durchnässt als wir in Aguas Calientes ankommen. Aguas Calientes ist die Stadt am anderen Ende des U-Förmigen Flusses. Es ist ein kleines Dorf, dessen Existenz einzig und allein den Touristenschwärmen zu verdanken ist. Es gibt keine Straßen hier her, nur den Zug, der ein paar mal am Tag Touristen und Verpflegung ausspuckt. Das Dorf liegt inmitten dieses magischen Tals, am Fuße des Berges, auf dem Machu Picchu thront, und ist, wenn es nicht gerade in Strömen regnet, in einzelne Nebelschwaden gehüllt, die hin und wieder von der ins Tal spähenden Sonne durchbrochen werden. An dem Tag, an dem wir Machu besteigen, haben wir ziemliches Glück. Es regnet den ganzen Vormittag in Strömen und als wir gegen 10 los laufen, hört es langsam auf und die Sonne grüßt uns. Für die ganz faulen Touristen gibt es sogar Busse, die von Aguas Calientes die Serpentinen reiche Straße nach Machu hochfahren (läppische 25€!!!! In Euro pro km die vielleicht teuerste Busstrecke der Welt). Das schenken wir uns natürlich und wandern.

Urlaubsresidenz

Es gibt zwei Wege nach Picchu: Die Treppen, die steil und direkt den Berg hoch führen und den Weg entlang der Straße, die auch die Busse nehmen. Wir haben es nicht eilig und folgen den Serpentinen nach oben. Mit jedem Schlenker der Serpentinen wird die Aussicht über das Tal beeindruckender und wir können unsere Augen überhaupt nicht mehr losreißen von diesem Blick. Bei etwa ¾ des Weges hält einer der Touribusse, der auf dem Weg nach oben und leer ist, neben uns und der Fahrer winkt uns rein. Geil! Kaum sitzen wir und die Tür ist zu, sagt der Fahrer: „Propina, si!“ (Trinkgeld!). Hm, also das hab ich mir anders vorgestellt, aber na gut, ich bin naiv. Am Ende der Fahrt, er schmeißt uns ein paar Kurven vor dem Eingang raus, weil es den Fahrern natürlich nicht gestattet ist Leute einfach so mitzunehmen, gebe ich ihm ungefähr 3 Euro. Er guckt mich an und meint: „Más!“ (Mehr). Ich nutze die Gelegenheit ihm zu erklären, dass er als Trinkgeld nehmen muss, was man ihm reicht und wenn er nen Festpreis will, er das vorher ansagen sollte. Nachdem es ein paar mal hin und her ging und er feststellt, dass aus uns Parasiten nich mehr herauszuholen ist, macht er die Tür auf und lässt uns herausspringen. Hehehe.

Niemand weiß, wann genau Machu Picchu erbaut wurde, niemand weiß so genau, von wem eigentlich (Die beste Wette scheint auf den imperialen Baumeister Pachakuti zu laufen) und erst recht weiß keiner, wofür man Picchu erbaut hat. Als man Machu vor 100 Jahren „entdeckte“ (die Bewohner des Tals wussten schon immer von dieser Stadt, insofern ist Entdeckung ein übler Euphemismus), dachte man die legendäre Stadt Villcabamba (die Zuflucht des letzten Inka) gefunden zu haben. Später dachte man, es könnte eine Stadt für den Harem (tausende Mädchen groß) des Inka gewesen sein. Beide Theorien scheinen nicht bis heute überlebt zu haben und man ist so ratlos wie am Anfang. Vielleicht war es einfach eine Art Urlaubsresidenz für den Inka. Wenn das stimmt, dann war es die fetteste Urlaubsvilla, die sich jemals irgendwer irgendwo hingezimmert hat. Von der Stadt selber hat man einen unglaublichen Blick über das schlangenförmige Tal. Man sieht Aguas Calientes und die Zugstrecke als kleine Ameisenwege auf der einen Seite und auf der anderen das Wasserkraftwerk. An einem Berghang an Machus Seite kann man einen alten Inkapfad entlang laufen, der in den blanken Fels gehauen wurde und an manchen Stellen nur einen Meter breit ist, während der Fels auf der anderen Seite dann steil abfällt. Wir halten uns panisch am Fels fest, während wir den Weg laufen (Es scheint die Peruaner bauen ihre Straßen einfach bis heute in alter Inkatradition). Das Plateau, auf dem Picchu liegt, ist länglich und an beiden Enden des Plateaus ragen noch einmal ein paar hundert Meter höhere Felsspitzen in den Himmel. Diese Felsen kann man auch besteigen, muss aber natürlich extra dafür blechen. Letztes Jahr ist irgendein Deutscher auf eine der beiden Bergspitzen geklettert, dachte es wäre ne gute Idee ein Spring-Selfie zu machen und ist dann im Nichts des Abgrundes verschwunden. Uns reicht es jedenfalls, Machu ohne Extras anzuschauen. Auch so gibt es viele Berge zu erklimmen, viele Häuser anzuschauen (die Ebene, die jeder von den berühmten Fotos kennt ist voll mit den Grundmauern hunderter Inkahäuser) und die Llamas zu streicheln, die sich zwischen den Ruinen eingenistet haben. Wenn man von hier oben die Aussicht genießt und sich die Monumentalität dieser Stätte bewusst macht, wird einem klar, warum die Inkas diesen Ort gewählt haben. Wie für so viele andine Kulturen, war auch den Inka die Natur heilig. Die Sonne, die Berge und die Flüsse hatten eigene Seelen und hier, an diesem Ort, der überall von gewaltigen Felsen umgeben ist, der an drei Seiten von einem reißenden Fluss umspült wird und der sich quasi der Sonne entgegen reckt, waren die Inka ihren Göttern vielleicht so nahe wie sonst nirgendwo. Jedenfalls war ihnen dieser Ort so wichtig, dass sie es auf sich nahmen eine Stadt an einem der unzugänglichsten Orte die man sich vorstellen kann zu konstruieren. Zuerst mussten sie Terrassen von unten nach oben in den Berg schlagen um dem Plateau die nötige Stabilität zu geben, dann mussten sie das gesamt Plateau mit einem feinen Abwassersystem versehen. Hunderte Kanäle durchziehen den Boden unter unseren Füßen und sorgen dafür, dass Machu auch im stärksten Platzregen nicht in Schlamm und Dreck versinkt, sondern das Wasser an den Berghängen abfließt. Erst nach all dieser Arbeit konnten sie anfangen, die eigentlichen Gebäude zu errichten. Beeindruckend ist noch eine Untertreibung für diesen Ort. Irgendwann verlässt uns unser Wetterglück und der Himmel zieht wieder zu. Wir machen uns auf den Rückweg, laufen die Steintreppen den steilen Hang hinunter und kommen, einmal mehr vom Platzregen durchnässt, zurück in das von Pizzaläden und Hostels überquellende Aguas Calientes.

Apokalypse

Pachakutis Sohn, Thupa Inka, verbrachte seine Zeit damit, das Inkareich bis Ecuador und Chile auszubreiten und war damit in der selben Liga der Menschenschlachter, wie so tolle Vorbilder á la Alexander vom Makedonien und Dschingis Khan. Die Inkareich wurde so Stück für Stück immer größer und erst als Wayna Inka um 1530 in Cuenca, in Ecuador, starb, wurde diese Dynamik unterbrochen. Wahrscheinlich fand Wayna durch Europäer den Tod, ohne auch nur jemals von solchen gehört, geschweige denn sie gesehen zu haben. Zu dieser Zeit durchzog eine Pokkenepidemie das Reich der Inka. Eine Krankheit die von Pferden, Kamelen und Kühen auf Menschen übergesprungen ist und, da diese Tiere in Amerika nicht vorkamen, in diesem Teil der Welt auch unbekannt war. Mit einer Inkubationszeit von 16 Tagen sind Pokken die perfekte Krankheit, um unwissentlich über riesige Gebiete verbreitet zu werden und fanden wohl ihren Weg von der Karibik, die schon seit Jahrzehnten von Europäern heimgesucht wurde, in das Herzland der Inka. Die Bewohner Amerikas waren, wie man in der Immunologie so unschön sagt, jungfräulich für die Pokken und starben in unvorstellbaren Massen. Schätzungen schwanken zwischen einer Todesrate von 40 bis 90%. Nimmt man nur die geringste Zahl von 40%, ist das Ausmaß dieser Apokalypse schon unvorstellbar. Fast jeder zweite Bewohner dieses Reiches wäre dahingerafft worden, ganze Familien, Dörfer und Städte wären ausgelöscht worden (diese Epidemien trafen überall in den Amerikas in den nächsten 300 Jahren immer wieder die Indigene Bevölkerung und die Beschreibungen aus den menschenleeren Gegenden, die die Epidemien hinterließen sind herzzerreißend). Die Europäer, die das Reich der Inka ein paar Jahre nach der Epidemie sahen, berichteten dennoch von einem gewaltigen und starken Reich und man muss versuchen sich vorzustellen, wie es vor der Epidemie ausgesehen haben muss. Nach dem Tod Waynas blieb jedenfalls Atawaypa, einer der Söhne Waynas, der mit ihm in Ecuador war, um die Volksgruppen um Quito herum zu erobern, zusammen mit der Kernarmee des Reiches in Ecuador. Atawaypas Halbbruder, der von Wayna zum nächsten Inka erkoren wurde (nachdem Waynas erste Wahl durch die Pocken starb), war hingegen in Cusco in Perú, im Herzland der Inka geblieben (Die Nachfolge der Inka war nicht geklärt und jeder Inka suchte seinen Nachfolger persönlich, oft auf dem Sterbebett, aus. Das führte zu der etwas extremen Tradition, das neue Inkas meist als erstes alle ihre Brüder umbringen ließen, um Meinungsverschiedenheiten über ihres Vaters letzten Wunsch vorzubeugen). Es kam, wie es wahrscheinlich kommen musste und ein grausamer Bürgerkrieg entbrannte. Atawaypa wurde gefangen genommen, entkam sich aus seinem Gefängnis buddelnd, nahm den besten General seines Bruders gefangen und machte sich aus dessen Schädel ein exquisites Trinkgefäß. Am Ende gewann Atawaypa die entscheidende Schlacht in der nähe des heutigen Cajamarca im Norden Perús und nahm seinen Bruder gefangen. Er ließ seinen Bruder nach Cusco schicken und alle seine Frauen, Kinder und Unterstützer vor seinen Augen hinrichten, bevor auch sein Bruder selbst beseitigt wurde. Der Weg zum Thron war frei, Atawaypa hatte erreicht, wofür er so lange gekämpft hatte. Er bereitete sich auf seinen triumphalen Einzug nach Cusco vor, als er von haarigen, bärtigen, weißen Männern auf mythischen Wesen sitzend erfuhr, die sich in der Stadt, die heute Cajamarca genannt wird, aufhalten würden.

Der Untergang

Was folgt, wurde oft erzählt. Atawaypa entschied sich die Fremden zu treffen und ging auf das Angebot ihres Anführers, Francisco Pizarro, ein, sich auf dem Hauptplatz Cajamarcas zu begegnen. Die Spanier verbarrikadierten sich mit ihren Pferden in den leeren Häusern um den Platz (die Stadt war wohl aufgrund des Krieges evakuiert worden), Atawaypa traf mit einer so gewaltigen Gefolgschaft in der Stadt ein, dass die sie erwartenden Spanier (um die 160 gegen etwa 10.000 Inka die in der Stadt eintrafen und wohl um die 80.000 die vor den Toren warteten) sich vor Angst in die Hosen machten (die meisten Inka hatten wohl, was die Spanier nicht wissen konnten, nur symbolische Waffen bei sich und rechneten offensichtlich nicht mit dem, was folgen sollte). Ein Priester näherte sich Atawaypa, gab ihm angeblich die beschissene Bibel und forderte er solle sich dem König Spaniens unterwerfen (das ist, was die Spanier später erzählten). Atawaypa schleuderte das seltsame Ding in den Dreck und verlangte den Anführer der Truppe zu sprechen. Das war der Vorwand, den Pizarro brauchte um eines der schrecklichsten Gemetzel der Geschichte zu beginnen. Er und seine Männer, auf Pferden, die die Inka niemals vorher sahen und mit Waffen gegen die die überraschten Inkas nichts ausrichten konnten, stürmten aus den Häusern und metzelten alles nieder was zwischen ihnen und Atawaypa stand. Tausende Inka sollen an jenem Tag den Tod unter den schweren Schwertern und Kanonenkugeln gefunden haben (selbst nachdem den Beschützern des Inkas die Hände abgeschlagen wurden, sollen sie den Inka noch mit ihren Stümpfen verteidigt haben) und Atawaypa wurde der Gefangene Pizarros.

Das einzige Haus, das heute noch in Cajamarca aus Inkazeiten erhalten ist, befindet sich in der Nähe der Plaza de Armas, hinter einer unscheinbaren, kolonialen Fassade. Cajamarca ist eine sehr hübsche Stadt mit vielen kolonialen Häusern, entzückenden Kirchen mit wahnsinnig aufwendig gestalteten Fassaden, einem riesigen Plaza de Armas und wunderbaren Aussichten von dem umgebenden Hügeln aus. Wir fahren mit dem Colectivo von Chachapoyas hier her und die 12 Stündige Strecke führt über insgesamt 3 Gipfel über 4.000 Meter und bietet aller feinste Aussichten, riesige Abgründe und unendlich viele Serpentinen. Unser Fahrer hat nicht viel Mitleid und ich muss mich zusammenreißen, meinen Mageninhalt nicht aus dem Fenster zu ergießen. Andere im Bus haben nicht so viel Selbstkontrolle. Es ist jedenfalls nicht viel übrig von einstiger Inkagröße in Cajamarca. In der Nähe gibt es einen Ort, der Banos del Inca (Inkabäder) heißt und angeblich bereits von eben jenen benutzt worden sein soll. Über 70 Grad heißes Wasser strömt hier aus den Tiefen der Erde an die Oberfläche und füllt dampfend eine ganze Reihe von Wasserbecken. Neben den Bädern gibt es ein kleines, aber sehr feines Museum mit Präinka- und Inkastücken und in den Becken und in kleinen, privaten Badewannen kann man sich für quasi lau von der Kälte in dieser eisigen Höhe erholen. Dennoch ist außer des Namens bei den Inkabädern nicht viel übrig von einstiger Inka Größe. Auch das eine Haus hinter der Fassade in Cajamarca ist unscheinbar. Vier aus großen Steinklötzen zusammengesetzte Wände, ein paar Fenster zwischendurch und kein Dach, das wars. In diesem Haus, so will es die Legende, fand Atawaypa, der letze Inka, sein unrühmliches Ende. In diesem Raum, der das Lösegeldzimmer genannt wird, wurde er gefangen gehalten und er erkannte schnell in der Sucht der Spanier nach Gold und Silber sein Ticket in die Freiheit und versprach Pizarro, ihm diesen Raum mit Gold und zwei weitere Räume mit Silber zu füllen, wenn dieser ihm die Freiheit schenken würde. Pizarro willigte ein und Atawaypa befahl Cusco all seines Goldes zu berauben, die Paläste der Inkamumien zu plündern und alles nach Cajamarca zu schaffen. Da er noch nie in Cusco war, hatte er offensichtlich nicht viel Liebe übrig für diese Stadt und dachte wahrscheinlich auch, bald alles wieder zurückbringen zu können. Doch nachdem die Räume gefüllt waren (Pizarro ließ sofort all diese unbezahlbaren Dinge einschmelzen um sie nach Spanien zu schicken), ließ Pizarro Atawaypa durch die Garotte hinrichten (ein Stuhl auf dem man sitzt, während einem ein Metalldraht um den Hals gelegt wird und immer enger geschnürt wird). Während Atawaypas Gefangenschaft brachen die Grabenkämpfe um den Inkathron erneut voll aus und ein Gesandter einer Inkamumie (!!!! Ja, umtriebig waren sie, diese Mumien) ließ Pizarro glauben, dass eine gewaltige Armee im Anmarsch sei, um Atawaypa zu befreien und nur der Tod des Inkas und die darauf folgende Einsetzung eines neuen, Pizarro gewogenen Inkas, die unweigerliche Auslöschung dessen kleiner Truppe verhindern könne. Atawaypa starb und viele Jahre des Guerillakrieges folgten (über 40) und am Ende hatten eine Handvoll Männer den Anstoß zum Fall des größten Reiches der damaligen Zeit gegeben und die Frage bleibt: Wie haben sie das geschafft?

Die Standardantwort lautet: Stahl und Pferde. Aber es spricht vieles dafür, dass diese Antwort, im besten Falle, unzureichend ist. Klar, sie kannten keine Pferde und am Anfang muss deren Anblick ein Schock gewesen sein, aber die Inka lernten schnell und hatten bald gute Taktiken entwickelt, um Pferde mit an Seilen befestigten Steinen, die sie den Pferden um die Füße warfen, zu Fall zu bringen, bevor sie sie erschlugen. Auch die Kanonen der Spanier sind nicht der Hauptgrund für den Fall des Reiches gewesen. Anfang des 16. Jahrhunderts waren Kanonen noch dermaßen schlecht (im Zielen) und gingen so schnell kaputt (es musste nur regnen…und hier regnets oft), das ihr Wert wohl eher im symbolischen als im praktischen lag. Die Wahrheit ist, dass die Inka unglaublich verbissen kämpften und den Spaniern mehr als ein Mal beinahe die endgültige Niederlage einbrachten. Sie hatten Furcht erregende Waffen wie ihre Steinschleudern, mit denen sie noch im Abstand von hunderten Metern, im Gegensatz zu spanischen Musketen, zielsicher Männer töteten. Manchmal machten sie die Steine glühend heiß, legten sie in feuchte Stoffe und schleuderten sie. Mitten im Flug begann der Stoff zu brennen und die Spanier sahen sich einem auf sie herab regnenden Feuersturm gegenüber (so brannten die Inka Cusco nieder, während sie versuchten die Spanier von dort zu vertreiben). Nein, viel wichtiger als Stahl und Pferde und als angebliche technische Überlegenheit (die sich, wenn man sich das ganze im Detail anschaut, schnell als Märchen über angebliche europäische Überlegenheit entpuppt) waren Seuchen und die internen Machtkämpfe im Reich der Inka. Die Spanier kamen in einem Land an, das durch Seuchen entvölkert war und gerade einen gewaltigen Bürgerkrieg hinter sich hatte. Durch einen Glücksstreich beraubten sie dieses Land, das vollkommen auf die Zentrale Figur des Inka ausgerichtet war, ihres Führers und stießen es so in noch mehr Chaos. Sie zwangen eine Gesellschaft, die nicht gerade auf Eigeninitiative ausgerichtet war dazu mitten im Krieg ihre Organisation zu ändern und vollkommen neu aufzubauen und ihre Kriegstaktik, mitten im Krieg (!!!), auf den Kampf gegen Kanonen und Pferde (mit Pferden konnten die Conquistadoren sich so schnell bewegen wie niemals jemand zuvor in den Amerikas) umzustellen. Sie zwangen diese Gesellschaft ihre Machtkämpfe hinter sich zu lassen (Atawaypa starb immerhin auch aufgrund einer Hofintrige mit einer verdammten Mumie, denkste dir nich aus so was) und sich gemeinsam einer Eroberung zu stellen. Bedenkt man all diese Probleme und das die Inka dennoch 40 Jahre Widerstand organisierten (der aller letzte Typ der sich Inka nannte, Tupac Amaru, wurde um 1570 in Villcabamba gefangen genommen und in Cusco hingerichtet), kann man nur beeindruckt sein. Und für mich bleibt die Erkenntnis: Der Zusammenbruch der Inka war nicht vorprogrammiert und lag sicherlich nicht an der naturgegebenen Überlegenheit irgendwelcher stinkender Europäer (die Inka und andere Indigene Amerikas waren immer wieder negativ beeindruckt von der mangelnden Körperhygiene der Europäer), sondern vor allem anderen an den internen Problemen des Inkareichs selber. Die übliche Erzählung von der quasi-natürlich gegebenen Überlegenheit europäischer Technik und Kultur macht es viel zu einfach zu ignorieren, was in jenen Jahren tatsächlich vernichtet wurde. Wie viele Schicksale vom Antlitz der Erde gewischt wurden in Krieg, Versklavung und Seuchen. Wie viele tragische Schicksale erzählt werden könnten und wie viel menschliches Potential dadurch niemals entfaltet werden konnte. Die Menschen der Anden waren wahre Meister der Metallurgie und wenn sie Stahl für nichts nützliches gebrauchten, lag das daran, dass sie das, was Europäer mit Stahl machten, mit anderen Materialien erreichen konnten. Ihre Waffen waren Obsidianklinken und Schlingen, ihre Rüstung fertigten sie aus extrem fein gewebtem Stoff (fast so gut und viel leichter als die der Spanier, die so beeindruckt davon gewesen sein sollen, dass sie ihre Rüstungen weg warfen und nur noch mit den Stoffrüstungen in den Kampf zogen), genauso wie ihre Boote und Brücken, die auch aus Stoff bestanden. Sie hatten kein Rad? Ist so auch nich ganz korrekt. Sie kannten das Rad und machten Kinderspielzeuge damit. Warum benutzten sie es für nichts Sinnvolles? Vielleicht weil einem Wagen mit Rädern in den Bergen der Anden und den dichten Urwäldern einfach nichts bringen. Llamas haben kein Problem steile Abhänge direkt hochzulatschen und in den Wäldern ist man mit Booten am schnellsten unterwegs. Aber die Erfindungen der Menschen der Amerikas die den vielleicht größten Einfluss auf die Nachwelt hatten waren ihre Nutzpflanzen. Ganz weit vorne mit dabei: Mais. Wer jetzt denk, Erfindung? Mais? Ja, und bis heute ist die Wissenschaft einigermaßen ratlos darüber, wie sie es gemacht haben. Der nächste wilde Verwandte von Mais scheint ein Gras mit kleinen, ungenießbaren Körnern zu sein. Wenn das stimmt, dann haben es diese Menschen geschafft durch gezielte Züchtung aus etwas ungenießbarem (auf die Idee muss man erstmal kommen: Oh Gras, mal schaun, was ich daraus züchten kann) eine der ertragreichsten und vielfältigsten Nutzpflanzen der ganzen Welt zu kreieren. Mais gibt es heute in hunderten verschiedenen Formen, Farben und Geschmäckern. Genauso wie Kartoffeln, von denen es mindestens 300 verschiedene Sorten gibt und Qinua, von der heute über 1.000 Sorten in Südamerika konsumiert werden. Wie viel Wissen ging verloren, wie viele Dinge werden niemals passieren, wie viele Menschen niemals existieren und wie viel Kreativität ging der Menschheit verloren als diese Kulturen vom Angesicht der Erde getilgt wurden?

Nachdem wir von Machu Picchu zurück nach Cusco kommen, sagen wir uns: Genug Berge! Genug Ruinen (obwohl wir uns noch eine nette Inkaruine in der Gegend ansehen, das Boleto Touristico gekauft zu haben, muss sich wenigstens n bisschen lohnen )! Wir haben Bock auf Dschungel, auf stickige, feuchte Hitze und auf Schwitzen. Wir besteigen ein Flugzeug, dass uns von Cusco nach Lima und danach nach Iquitos bringt. Im mittleren Osten Perús gelegen, die größte Stadt der Welt, die nicht durch Straßen mit der Außenwelt verbunden ist, weil sie mitten im Dschungel liegt. Oh Hitze, wir kommen!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *